Stoffsammlung: Guram II

Gvasalia's New Season

Schon wieder? War Guram Gvasalia nicht erst vor Kurzem hier Thema? Absolut richtig. Aber in der Zwischenzeit hat der Vetements-CEO-turned-Vetements-Everything noch dermaßen nachgelegt, dass ein Nachtrag fällig ist. Der jüngere Gvasalia-Bruder ist neuerdings nämlich noch Groupie, Madonna-Merchandiser, Fürst der Finsternis, Bruder-Bully…  Aber der Reihe nach.

Der 37-Jährige, der sich selbst einmal als zurückhaltend beschrieb, „mingelt“ jetzt gern. Während der Männerschauen in Paris saß er ständig in der ersten Reihe, ging in Clubs, auf Partys. Bei den Coutureschauen Anfang Juli besuchte er die Fendi-Show – bisschen mit Shakira und Cardi B abhängen, sich an Kim Jones, Silvia Fendi und Delfina Delettrez ranwanzen. Passenderweise trug er dazu seinen neuen Look: viel dunkles Leder, dunkle Jeans, schwere Schuhe, rote Sonnenbrille. Bisschen Gary Oldman in Bram Stoker’s Dracula, in jedem Fall viel Blutsauger.

Sweater VETEMENTS captured for Achtung Nr. 45

Aber Gvasalia hatte ja allen Grund, hausieren zu gehen. Kurz zuvor hatte er die Bombe platzen lassen: ein Foto von sich und Madonna auf Instagram. Madonna am Computer, er hochkonzentriert (oder fassungslos vor Glück ob dieser Begebenheit) daneben auf der Couch. Typische Arbeitssituation, fast War-Room-Anspannung, denn Vetements hatte doch tatsächlich Kostüme für Madonnas Celebration Tour entworfen. Gvasalia sieht sich damit ganz klar in der Tradition von Jean Paul Gaultier und sagte der New York Times: „Sie könnte jeden fragen, sogar Leute, die umsonst arbeiten und weniger kompliziert sind als ich!“ Dummerweise war Madonna kurz vor dem Post ins Krankenhaus gekommen, die Tour erst mal gecancelt worden. Aber wer vor Stolz platzt, kann halt nicht an sich halten. Oder wie Vanessa Friedman in der New York Times treffend bemerkte: „The timing seemed a little self-interested.” Die Bemerkung fiel übrigens in einem großen Feature über Guram mit der Überschrift: The man who wants to be the biggest thing in fashion. Zurückhaltung? So last season.

Was die Modewelt an diesem Artikel allerdings am meisten interessierte, war nicht seine Design-Vision für Vetements, sondern was er neuerdings über seinen Bruder zu sagen hat. „If you consider where my brother was when he was my age, I think I’m far more advanced.” Er: Kylie, Demna: Kim. „He had his good run of 10 years and I think his era is slowly going to its finish line. Now it is my time.” Bruderzwist ist kein neues Thema in der Weltgeschichte, William und Harry haben sich ja auch schon in der Küche geprügelt, aber sich dermaßen anmaßend über den immerhin bei Balenciaga angeheuerten Demna
zu äußern – doch erstaunlich.

Obendrein beschwerte er sich darüber, die Franzosen würden ihre News immer am Tag der Vetements-Show posten. Ganz offensichtlich  glaubt er wirklich, sie würden in einer Liga spielen. Tun sie nicht. Andererseits war Vetements die auf dem Vogue Runway am zweitmeisten geklickte Männershow letzte Saison, nach Louis Vuitton, vor Prada. Das zeigt, wie groß zumindest unter den Kunden die Faszination für die Marke immer noch ist. Die Ästhetik hat allerdings maßgeblich Demna geschaffen, die Handschrift des zweiten Gvasalia-Designers ist noch nicht erkennbar. Außer vielleicht, dass die Silhouetten noch übertriebener, noch mehr Oversized sind. Größenwahn? So this season.

This article first appeared in Achtung Nr. 46