Stoffsammlung: Ottolinger
Textiler Sachverstand und konzeptbefreite Entwürfe
October 13, 2023

Was GmbH für den Mann ist, ist Ottolinger für die Frau. Zumindest wenn es international um Mode aus Berlin geht. Sieht irgendwie nach Club aus, Y2K, sexy, dystopisch. Was dabei oft übersehen wird: Beide Labels haben sich längst aus dem Subkulturklischee verabschiedet. GmbH designte zwischendurch für Trussardi (teilweise zwar wohl um den Lohn geprellt, ok, eine andere Geschichte) und Ottolinger macht mittlerweile Schuhe und Taschen für Camper und Puma. Wie soll man auch sonst überleben.
Ottolinger x PUMA Kollaboration
Was aber meist hierbei übersehen wird, auch wenn die Mode der beiden Schweizerinnen Christa Bösch und Cosima Gadient ästhetisch irgendwie nach Berghain, post-apokalyptischem Cyperpunk oder zeitgenössischer Galerieszene aussieht, hinter ihren Entwürfen steckt ein enormer textiler Sachverstand und eine Kenntnis über aktuell modische, vielleicht sogar gesellschaftliche Debatten. Man muss also gedanklich schon irgendwo bei Martin Margiela ansetzen, um ihre Mode zu durchdringen. Obwohl die beiden Designerinnen dies wahrscheinlich sofort verneinen würden. Fazit nach zwei Interviews der Autorin: Sprechen über das Konzept ihrer Mode? Eher nicht. „Die Leute wollen immer eine Regel oder einen Plan hören, aber es ist nicht so. Es ist mehr ein Gefühl und ein Prozess, aus dem unsere Kollektionen entstehen. Wir schaffen etwas, was wir selbst nicht verstehen, weil genau das am interessantesten ist“, so Christa Bösch.
Trotzdem ein Versuch: Die Knopfleiste eines Blazers driftet nach oben links, etwa unter Schulterhöhe, der Verschluss eines Rocks scheint einige Zentimeter zu weit rechts angesetzt, Schlitze laufen einmal quer um die Hüfte herum. Stofffragmente verschmelzen zu Tops, zusammengehalten von Bänderkonstruktionen. Verstörend, dekonstruiert, schockierend, um mal in der Journalist:innen-Sprache zu bleiben.

Ottolinger S/S 2024

Ottolinger Designerinnen Christa Bösch und Cosima Gadient nach der S/S 2024 show
„Ich empfinde das eher als organisch, fließend in seiner Form, wie unsere Mode auf dem Körper wirkt. Aber sicherlich leben wir in einer Zeit des Umbruchs, das spiegelt sich auch in unseren Kollektionen wider. Das ist auch mal unangenehm, weil es eben Gegensätze zeigt. Es ist aber zumindest der Versuch, nach etwas Neuem zu suchen im immer wiederkehrenden Loop der Revivals“, erklärt Cosima Gadient. So wie bei ihrer Ceramic Bag, mittlerweile so etwas wie einem Ottolinger signature piece. Sie besteht eigentlich aus 100% recycelten Polyethan, sieht aber aus, als ob sie einem Grundschultöpferkurs entsprungen wäre. An ihr ist alles irgendwie fließend, alles im Wandel, nichts greifbar. Das Interessante hieran ist, dass Bösch und Gadient für ihre Tasche nicht irgendwelche futuristische Taschenformen wählen, sondern ganz klassisch eine Tote. „Wir arbeiten in eleganten Formen, die aber nichts mit der Vergangenheit zu tun haben. Sie haben immer noch diese seltsame Textur. Sie sind ein bisschen wie nicht von dieser Welt“, erläutert Christa Bösch.
Womit wir wieder bei der Mode wären. Auch das Ottolinger-Girl, oder sollten wir sagen Wesen, wirkt wie nicht von dieser Welt: eine Science-Fiction-Amazone. Ein bisschen wie die in eine Bänder-Corsage gekleidete Milla Jovovich in Das fünfte Element (1997). Für deren Kostüme war damals übrigens Jean Paul Gaultier verantwortlich, dem die geistige Nähe zu den beiden Schweizerinnen ebenfalls aufgefallen sein muss, lud er Bösch und Gadient doch 2021 zusammen mit vier weiteren Designer:innnen ein, seine Prêt-à-porter-Kollektion wiederzubeleben.

Ottolinger’s signature Ceramic Bag

Entwurf von Ottolinger für Jean Paul Gaultier
Oft haben die Kleider von Ottolinger an den falschen und deshalb genau richtigen Stellen Ausschnitte und Schlitze oder eben gleich gar keinen Stoff. Die Frau von heute bestimmt also ihren Ausschnitt selbst, spielt mit dem Klischee von Sexyness. Mode auf die Freiheit zugeschnitten, könnte man das wohl nennen. „Möglichst viel Haut zu zeigen, das ist nicht der Punkt. Sondern vielmehr geht es um die Etikette, was darf eine Frau zeigen. Darum scheren wir uns nicht“, sagt Cosima Gadient; „Ich denke, unsere Generation hatte nie das Gefühl, dass man sich verschließen muss, um stark zu sein“, erklärt Christa Bösch. Und so stehen die vielen Bänder und Schnüre, die an Ottolingers Entwürfen nur so herunterbaumeln, wohl vor allem für eins: das Loslösen von Konventionen. Aber wahrscheinlich würde auch dieser Versuch, die Mode von Christa Bösch und Cosima Gadient in Worte zu fassen, bei ihnen kläglich scheitern. Und vielleicht ist es gerade das, was Ottolinger so modern, so im Augenblick verankert macht: dass es dafür, wie den momentanen Zustand der Welt, nicht – noch nicht – die richtigen Worte gibt. Und dass dies einer der Momente ist, der sich erst später, rückblickend, richtig betrachten lässt. Sozusagen aus der Metaebene. Oder sollten wir sagen: dem Metaverse?

Backstage at Ottolinger F/W 2019, photographed by Nadine Fraczkowski, Courtesy of Ottolinger
This article first appeared in Achtung Mode Nr. 46

