
Viel wird nicht geredet über den Stil deutscher Politikerinnen. Das mag daran liegen, dass sie mit einer aktuellen Frauenquote von 35,3 Prozent im Bundestag immer noch unterrepräsentiert sind. Oder daran, dass so viel Wichtiges in der Politik falsch läuft, dass ein Kommentar zum Erscheinungsbild einer Politikerin so nebensächlich und oberflächlich erscheint, dass man es sich lieber gänzlich verkneift. Trotzdem: Kleidung sagt immer etwas aus, bewusst oder unbewusst. Auch über politische Positionen.
Der eintönige, trostlose Anblick von Anzügen in traurigen Farben zieht sich seit jeher durch den Bundestag. Bei männlichen Politikern wird das meist nicht kommentiert. Aber über die Kleidung von Männern werden ja sowieso, egal ob in der Politik oder nicht, weniger Urteile abgegeben. Bei Politikerinnen sind Kritiker:innen schon etwas offener, was ungefragte Kommentare angeht. Ein falscher Griff in den Kleiderschrank und plötzlich ist man zu auffallend, zu dekadent, zu prüde, zu sexy. An das schiere Entsetzen über Angela Merkels Dekolleté, welches sie 2008 zur Eröffnung der Oper in Oslo in einem schwarzen Abendkleid mit tiefem Ausschnitt präsentierte, können sich noch heute viele erinnern. „Ist das etwa der neue feminine Kanzlerstil?“

Viel schlimmer aber die frauenfeindlichen Internet-Trolle und nicht die modeinteressierten Politikredakteure:innen, die dies kommentierten. Dabei war Mode schon immer politisch. Besonders Mode in der Politik und ganz besonders Mode von weiblichen Politikerinnen. In den 70ern war es schlichtweg eine Revolution, dass Frauen sich trauten, in Hosenanzügen in den Bundestag zu marschieren. Als wären Frauen in der Politik nicht schon undamenhaft genug, jetzt auch noch in Hose und Jackett. Man könnte also sagen, dass Politikerinnen, die vehement an ihrem hart erkämpften Platz im Bundestag festhielten, ein richtiges Statement in ihren ebenso hart erkämpften Hosenanzügen gemacht haben. Und es gibt nennenswerte Beispiele von Politikerinnen, die das noch heute mit Bravour meistern: Über die Politik der Bundestagsabgeordneten Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) lässt sich zwar streiten, über ihre Anzüge allerdings nicht. Immer in Hosen. Eng sitzende, formgebende Jacketts. Darunter ein Hemd, nicht Bluse, hochgeknöpft. Gelegentlich knallroter Lippenstift. Und immer, ihr Markenzeichen: die graumelierte Haartolle, so stahlhart, dass die ihren Gegner:innen signalisieren vermag, dass wenn schon nicht sie, zumindest ihr Haarschopf die Taurus-Affäre überleben wird.

Illustration von Sarah von der Heide

Und selbst „exzentrische“ Looks kommen langsam im verschlafenen Regierungsviertel an. Grüne-Politikerin und Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die Knallbunte (oder auch Krawall-Bunte in bester Bild-Zeitung-Sprachmanier), mischt wie kaum jemand sonst farbenfrohes Lime-Grün mit noch farbenfroherem Türkis. Und dies besonders gerne in Outfits des Münchner Designer-Duos Talbot Runhof, mit denen sie seit Jahren gut befreundet ist. Oder Silvia Breher von der CDU, die mit wasserstoffblonder Undercut-Frisur den Bundestag betritt. Das ist nichts, was man nicht bei jeder alltäglichen Bahn-Fahrt sieht, aber für die Regierung und das bundesdeutsche Auge dann doch etwas Neues. Besonders Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) fällt seit Amtsantritt immer wieder mit für die deutsche Politik unüblich gut gestylten Outfits und gut dezentem Makeup auf. Sollte sie aber auch, schließlich kostet Baerbocks Visagistin Claude Frommen angeblich schlappe 7.500 Euro pro Monat. Eine ordentliche Summe, die natürlich online für Furore sorgt. Da geht das übliche Entsetzen darüber, wofür unsere wertvollen Steuergelder zum Fenster rausgeschmissen werden einher mit misogynen Kommentaren gegenüber Frauen in der Politik, die sich anscheinend sowieso nur um ihr Äußeres kümmern. Es scheint einen einzigartigen Unmut in Menschen auszulösen, wenn Politikerinnen Geld für ihre öffentliche Erscheinung ausgeben – geben sie kein Geld dafür aus, wird das aber allerdings nicht weniger kommentiert. Wie frau’s macht, macht frau es falsch.

Grünen Politikerin Claudia Roth

Annalena Baerbock ist die erste weibliche Außenministerin Deutschlands und auch die Erste, die in diesem Posten wirklich Stil beweist. Da sie in ihrer Position ein ganzes Land repräsentiert, scheint es auch gar nicht so weit hergeholt, dass sie auf Fotos und Videos auch durch ihre Klamotten Statements setzen möchte. Marken erkennt man natürlich trotzdem nicht, das wäre dann doch zu indiskret für Deutschland. Man erinnere sich nur an den „Brioni Kanzler“, das Etikett ist Gerhard Schröder 1999 frisch im Amt nie mehr wirklich losgeworden.

Aber seitdem sie 2021 im schlichten taubenblauen Kleid mit schwingendem Plisseerock zur Vereidigung erschien, passierte etwas für Deutschland ganz Neues: Online versuchten Menschen ihre Kleidung tatsächlich nachzukaufen. Zeitungen beschrieben das Blau als Farbe der Hoffnung. In Kommentarspalten wird das Auftreten von Baerbock seitdem oft als viel seriöser und modern beschrieben. Als sie während des Wahlkampfs in Lederjacke und zugegebenermaßen volksnahen, aber doch schlechtsitzenden Jeans auftrat, war das noch nicht der Fall.

Annalena Baerbock bei ihrer Vereidigung

Die deutsche Außenministerin hat im Amt verstanden, was Politiker:innen in den USA schon lange wissen: Man kann nicht nicht kommunizieren. Dieser Leitsatz gilt auch für Kleidung. Sie ist ein Tool. Vestimentäre Kommunikation ist nicht zu unterschätzen. Und die beginnt in der US-Politik schon mit der Farbwahl. Als Vizepräsidentin Kamala Harris zum Inauguration Day 2021 in Blauviolett erschien, wurde das als Bekenntnis zum Feminismus interpretiert. Sie ist schließlich die erste Frau in diesem Amt. Oder ebenso das Weiß, das im Februar 2020 fast alle weiblichen Kongressabgeordneten der Demokraten als Referenz an die Suffragetten-Bewegung (die hatten das Wahlrecht für Frauen erkämpft) bei der State of the Union Address, der Regierungserklärung von Donald Trump, trugen. Und selbst mit Marken ist man in den USA nicht zimperlich, vor allem wenn diese nicht nur aus eigener Vorliebe, sondern auch noch mit Botschaft getragen werden. Schon als First Lady setzte Michelle Obama pointiert auf schwarze Designer:innen. So erschien sie zur Amtseinführung von Präsident Joe Biden 2021 in einem perfekt geschneiderten burgunderroten Ensemble aus Mantel, weiter Hose und taillenbetonten Gürtel von L.A.- Designer Sergio Hudson, dass man sich nur schon wegen dieses Modemoments die Obamas sofort zurück ins Weiße Haus wünschte. Mehr Statements würde man sich also auch von der deutschen Politik wünschen – bisher allerdings bleibt Kleidung hierzulande ein fast ungenutztes politisches Sprachrohr.

Kamala Harris in Blauviolett zum Inauguration Day 2021

Fast alle weiblichen Kongressabgeordneten der Demokraten trugen bei der State of the Union Adress 2020 Weiß

This article first appeared in Achtung Mode Nr. 47

