
Auch Orte machen Modemachende: Dieser Schliff, diese Coolness von Catherine Holsteins Khaite – müssen New York entstammen. Oder diese Rüschen, diese Exzentrik von Simone Rocha – sind Londoner Wucherungen. Und mit diesem Eklektizismus, dieser Erotik gehört Isabel Marant eben eindeutig nach Paris. Vielleicht kann man sogar behaupten, dass sie damit die pariserischste aller Pariser Modemacher:innen ist, gemessen an der Anzahl an Marken in dieser Stadt, mit einer Spitze des Eisbergs von mehr als 100 Häusern auf dem offiziellen Kalender der Pariser Modewoche, schon herausragend wäre. Andererseits: Wer versteht das Spiel mit Haut und Stoff denn besser? Vermarktet die Attitüden der Pariserin (und seit einigen Jahren mit einer Herrenlinie auch jene des Parisers) so erfolgreich wie das für eine Marke aus der Stadt, die sich als Zentrum der Mode begreift, nur würdig ist? Und das alles seit ungefähr zweieinhalb Modeleben. Im kommenden Jahr wird ihr Label 30. Isabel Marant wird wohl auch die letzte Designerin sein, die sich zu Beginn des Interviews noch eine Zigarette anzündet (die sie zuvor selbst gedreht hat). Die nach 20 Minuten zu einer zweiten greift. Mit alldem hat Isabel Marant auch etliche andere Marken inspiriert: Maje, Sézane, Sandro – alle eklektisch, alle sexy, alle zugleich auch in Paris, Texas tragbar. Mit dem Original, mit Isabel Marant, die es mit mehr Kommerz als Kunst trotzdem in den Olymp der Mode geschafft hat, können sie sich trotzdem nicht messen. Nur diese Sneaker auf Plateauklötzen von vor ungefähr zehn Jahren, die kurz darauf alle Welt kopierte, sind einer ihrer schwer verzeihlichen Entwürfe. Ansonsten ist Marant bis zu den grauen Haarspitzen und nicht unterspritzten Falten das Top-Vorbild einer Pariserin, wie sie im Stilbuche steht.

Macha wearing top and shorts ISABEL MARANT photographed by Claudia Grassl and styled by Mirjana Hecht in Sarajevo for ACHTUNG No. 47 “Family – The New Generation”.

Woher hat sie das nur? Vielleicht von ihrem Vater, der sehr französisch gewesen sein soll und nach der Trennung der Eltern der Starke unter den beiden Erziehungsberechtigten, bei dem sie im feinen Westen von Paris aufwuchs. Aber wie das familienpsychologisch so ist, prägen beide Elternteile, mit ihrer Art und ihrer Vorgeschichte. Und ihre Mutter, Christa Fiedler und später Christa Fiedler-Marant, war eben nicht qua Geburt Französin, schon gar nicht Pariserin, sondern Deutsche aus München. Im Zweiten Weltkrieg hatte sie ihre Mutter verloren, so erzählt es Isabel Marant. Der Vater sei mit den Kindern gerade auf dem Land gewesen, als eine Bombe auf das Elternhaus fiel. Die Kindheit muss entsprechend schwierig verlaufen sein. Der Vater war noch jung und jetzt allein mit vier Kindern. Er habe eine neue Frau kennengelernt, die ebenfalls jung und nicht vorbereitet gewesen sei auf diese vier Kinder. Sobald sie alt genug waren, zogen alle vier weg, nach Frankreich. Isabel Marants Mutter fing als Babysitterin an, wurde bald darauf als Model entdeckt und muss in den Sechzigerjahren gut im Geschäft gewesen sein. Wer sie heute googelt, stößt auf Eckpunkte der Modegeschichte: Christa Fiedler auf einem Porträtfoto mit Pierre
Cardin, Fiedler in Entwürfen von Yves Saint Laurent. Helmut Newton fotografierte sie 1964 für ein Vogue-Cover. Einige Jahre später fing sie als Assistentin in einer Modelagentur an, arbeitete dann bei Elite in leitender Position. Noch später, die Tochter studierte zu diesem Zeitpunkt schon am Studio Berçot Modedesign, entwarfen sie gemeinsam für ihr Stricklabel Twen.

Christa Fiedler (oben) fotografiert von Helmut Newton für die französische Vogue April 1964

Die deutsche Sprache soll dabei kein Thema gewesen sein, weder für die Mutter noch für ihre Kinder – Isabel Marant wuchs mit zwei Brüdern auf. Zunächst habe die Mutter mit ihnen kein Deutsch gesprochen, weil sie sich so kurz nach dem Krieg nicht als Deutsche zu erkennen geben mochte. Später, nachdem die Kinder ein paar Kriegsfilme gesehen hatten, hätten sie kein Deutsch mehr lernen wollen. Auch so erklärt sich die Personalie Isabel Marant. Ihre Mutter machte sie zur Halb-Deutschen. Wenn ihre Mutter aber zugleich den dringenden Wunsch hatte, diese Herkunft hinter sich zu lassen und in Frankreich ein neues Leben zu beginnen, dann hat spätestens ihre Tochter das umgesetzt: Pariserin zu sein.
This article first appeared in Achtung Mode Nr. 47

