Stoffsammlung: Innerraum

Dystopian-Core aus Berlin

Die Mode hat ja allgemein mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Abgehoben sei sie, fern jeglicher Realität. Dass Mode aber nicht nur in irgendwelchen Paralleluniversen spielt, sondern vielmehr der – zugegeben oftmals hochpolierte – Spiegel der Gesellschaft ist, zeigt, dass neuerdings auf den Laufstegen Kleidung auftaucht, die so wirkt, als müsse man in ihr nicht nur den Berliner Straßenverkehr, sondern auch den Zombie an der nächsten Ecke überwinden.

 

Junya Watanabe in Kollaboration mit Inneraum F/W 2023

Shoulder Bag von Innerraum

„Dystopia-core“ ist tatsächlich der Begriff dafür, „Avant Apocalypse“ ein anderer, geprägt von TikTok. Kleidung als Schutz gegen die feindliche Außenwelt. Düster, schwarz, martialisch – sozusagen die nächste Stufe des Grunge und Gothic Revivals. Eine textile Transformation der allgemein eher bescheidenen Stimmung also. Die ist ja im Zuge von zwei Jahren Pandemie (wir erinnern uns: 670 Millionen Infizierte und mehr als 6,7 Millionen Tote), der Versteppung Europas, Eisstürmen und Flutkatastrophen in Kalifornien, Jahrhundert-Erdbeben in der Türkei und Putins Angriff auf die Ukraine gerade nicht so dolle.

 

Wenn das Ende der Welt also schon absehbar ist, sollte man zumindest besonders gut aussehen. Die passenden Accessoires hierzu liefert derzeit Innerraum, ein Label aus Berlin. Deren raumschiffähnliche Taschen erinnern an eine Kapsel, mit der man sich am liebsten gleich weit weg von der Erde und auf den Mond schießen lassen würde. Aufmerksam geworden auf die Berliner ist nun auch der japanische Designer Junya Watanabe, seit jeher ein zukunftsweisender Mensch, der für seine Herbst/Winter-Kollektion 2023 mit Innerraum kooperierte. Für seine Frauen-Schau in Paris ließ er schützende Masken anfertigen, für die im Januar gezeigte Männer-Kollektion ging er sogar noch einen Schritt weiter. Dort wurden Rückenbandagen, robuste Knieschoner und Jackett-Taschen in Form von protektiven Handschonern, wie man sie aus der Motorsportausrüstung kennt, gleich in die Kleidung eingearbeitet. In den Show-Notizen des Designers zu der Saison hieß es gar, dass der japanische Designer „kein bestimmtes Thema für diese Saison“ gehabt habe, sondern von Innerraum so fasziniert war, dass er seine eigenen Archivteile mit deren Elementen versah und neu belebte. Die futuristischen Formen des Berliner Labels, die aus recycelten Materialen bestehen, und aus dem Zusammenbau von Fremdteilen aus verschiedensten Schutzkleidungen entstehen, zogen sich wie eine Art Rüstung durch die Kollektion. „Polyphone Objekte“ nennt man diese bei Innerraum übrigens; Objekte, die wie eine Erweiterung des eigenen Körpers im tagtäglichen Kampf mit dem Leben wirken sollen. Natürlich vorwiegend in dystopischem Schwarz, Weiß und Grau gehalten. Die Zukunft kennt keine Farben.

Der Ober-Apokalyptiker der Mode, Rick Owens, zeigt übrigens – Achtung, shocking – gerade eher knalliges Pink. Für das Frühjahr 2023 designte er eine Tüll-Explosion in Form eines Ballkleids; im Herbst folgt dann eine pink schimmernde, überdimensionale Pailletten-Daunenjacke, die einen in etwa so umhüllt als sei man ein wandelnder Jeff-Koons-Ballonhund. Kommentar von Owens dazu: „Ein Teil von mir denkt, dass wir dem Untergang geweiht sind, aber solange wir noch da sind, sollten wir uns von der besten Seite zeigen.“ Pink, so Owens, sei eine jubilierende Farbe. Und auch bei Innerraum ist nicht alles düster. Das Label arbeitet ausschließlich mit Stoffen aus der Kreislaufwirtschaft, ist Mitglied der Kinder- und Jugendinitiative Plant for the Planet und gleicht so seine jährliche Treibhausgasemissionen durch das Pflanzen von Bäumen aus. Das lässt die Zukunft doch gleich rosiger aussehen.

Via Instagram @innerraum

This article first appeared in ACHTUNG Nr. 45 “Neben Saison”

Titelbild: Franziska in Kappe und Tasche INNERRAUM fotografiert am 11. Mai 2023 in Berlin von Eva Baales für das Cover von ACHTUNG MODE + F.A.Z.