Stoffsammlung: Francesca Bellettini

Saint Laurent's Wundermittel

So ganz schlecht steht es nicht um die Rolle der Frau in der Mode. Weibliche Models verdienen noch immer ein Vielfaches ihrer männlichen Kollegen. Und wenn auch die meisten Frauen in den schlecht bezahlten einfachen Jobs tätig sind (Haare, Make-up, Styling-Assistenz) – es geht langsam aufwärts, zumindest wenn man auf die Management-Ebene schaut.

Das beste Beispiel ist Francesca Bellettini. Die 53 Jahre alte Italienerin mit den wuscheligen Haaren, die an der Bocconi-Universität in Mailand und in Chicago studierte, war einst bei Goldman Sachs im Investmentbanking tätig – da weiß man, wie man mit Geld umgeht. Saint Laurent hat sie auf Effizienz getrimmt. Mit Anthony Vaccarello als Kreativdirektor hat sie den richtigen Mann an ihrer Seite. Seine messerscharfen Kollektionen wirken nicht mal dann wie von gestern, wenn er den großen Meister, Yves Saint Laurent, von vorgestern in seinen Kollektionen ehrt. Die Geschäftsführerin hat es also geschafft, die um den schönen Vornamen beraubte Marke Saint Laurent gut glänzen zu lassen.

Francesca Bellettini © KERING 2023

Den Umsatz hat Bellettini in nur zehn Jahren versechsfacht. (Wobei Saint Laurent bis dahin wirklich ein Underperformer war.) Noch nie wurde jedenfalls mit dem Namen so viel verdient, nicht einmal zu den Zeiten, als der Gründer des Hauses erst Erfolge feierte und dann langsam an Drogen und Depressionen zugrunde ging. Kein Wunder, dass Francesca Bellettini nun belohnt wird. François-Henri Pinault hat sie zusätzlich zur stellvertretenden Chefin des gesamten Kering-Konzerns gemacht. So wie sie es mit Saint Laurent gemacht hat, so soll sie es nun mit allen Kering-Marken machen. Auf Anhieb fallen einem als Sorgenkinder Bottega Veneta, Brioni und Gucci ein.

Maike Inga in Kleid SAINT LAURENT fotografiert von Alexey Kiselev für das Cover der aktuellen ACHTUNG 46

Marthe Achilles in Komplettlook SAINT LAURENT fotografiert von Julia von der Heide für ACHTUNG 45

Pinault wird lange mit sich gehadert haben, aber am Ende blieb ihm nichts anders übrig, als im Juli mit einer weiteren Veränderung für Aufsehen zu sorgen. Gucci-Chef Marco Bizzarri muss den Konzern noch in diesem September verlassen, es übernimmt zumindest vorerst Kering-Strategiechef Jean-François Palus. Da geht nun eine Ära zu Ende. Bizzarri, der Zwei-Meter-Mann mit Glatzkopf und Dreiteiler, hatte erst Bottega Veneta mit dem deutschen Designer Tomas Maier zu ganz neuen Höhen geführt, dann durfte er die größte Marke des Konzerns übernehmen. Und wie er das gemacht hat! Ende 2014 trank er Kaffee mit dem Stellvertreter von Frida Giannini, die gerade entlassen worden war. Er muss gemerkt haben, dass Alessandro Michele ein ziemlicher Nerd ist, der seine Wochenenden am liebsten in Antiquariaten und Museen verbringt. Und er muss gespürt haben, dass er ein Genie vor sich hatte. Das schnelle Kennenlerntreffen mündete in einer der glücklichsten Kooperationen, die man sich vorstellen kann. Bizzarri und Michele: Die beiden Italiener verstanden sich gut und ließen die Umsätze explodieren. Sie wurden zu einer der erfolgreichsten Designer-Manager-Paarungen der Modegeschichte, auf einer Augenhöhe mit Yves Saint Laurent und Pierre Bergé, Marc Jacobs und Robert Duffy, Karl Lagerfeld und Bruno Pavlovsky, Tom Ford und Domenico De Sole – nur kürzer, denn einen langen Atem hat in der Modebranche niemand mehr. Als Michele Ende vergangenen Jahres ging, waren Bizzarris Tage eigentlich schon gezählt.

This article first appeared in Achtung Mode Nr. 46

Illustration: Sarah von der Heide