Stoffsammlung: Bottega Veneta

Gaetano's grüne Taschen

Bottega weiß, wie man einen Hype kreiert. Im Rahmen des Mailänder Salone del Mobile im April warteten Hunderte von Menschen selbst bei strömendem Regen vor dem Store in der Via Montenapoleone, um eine Installation der italienischen Designikone Gaetano Pesce zu begutachten. Und vermutlich, um eine der Bottega-grünen Papiertaschen zu ergattern. Der riesige Einkaufsbeutel war ein bisschen zu groß für das, was drin war (ein Poster), erfüllte marketingtechnisch aber natürlich seinen Zweck; Wann schmeißt Bottega schon einmal mit Goodie Bags um sich? Dass man vorab einen Spot buchen musste (sofort ausgebucht), befeuerte den Hype noch. Die Erwartungen waren aber auch hoch, hatte der Designer und Architekt Gaetano Pesce doch mit seinen bunt bemalten Stühlen aus glänzendem Epoxidharz, die er für die Frühjahr/Sommer-2023-Präsentation von Bottega entwarf, ordentlich vorgelegt. Die limitierten Stühle, alles Unikate, sind witzige, ja richtig sympathische Stücke, sofern man dieses Attribut einem Möbel zuschreiben darf, auf die ein 83-jähriger Designer allerlei Dinge wie eine schief lachende Sonne, krumme Fragezeichen und große Farbkleckse gekritzelt hat.

Frühjahr/Sommer-2023-Präsentation mit von Pesce bemalten Stühlen

Also: Rein in die Ausstellung. Erster Eindruck: Ganz schön eng hier. Kleiner als erwartet. Nichts für klaustrophobische Menschen. Man:frau folgte einem gewundenen Weg, von der Decke und den Wänden hing eine Plane, die nach Plastik aussah, aber aus Stoff und Kunstharz bestand. Wo sind die verfluchten Stühle, wollte man rufen. Stattdessen zeigte Bottega in der Grotta zwei Taschen, die in Kooperation mit Pesce entstanden sind; eine mit dem üblichen verflochtenen Bottega-Muster und giftgrünen Farbverlauf, die andere sah wie ein zotteliges Monster aus. Der Zeitaufwand, um die, wie Bottega es nannte, „immersive Installation“ zu begutachten: ungefähr fünf Minuten, wenn man sich richtig viel Zeit ließ. Das war schon alles ganz nett; nicht grottig, aber auch nicht großartig. Dabei ist Pesce eigentlich kein Mann des Mittelmaßes, er fährt gerade erneut auf Hochtouren, eröffnet Ausstellungen weltweit, hat auf dem Salone ein tolles gläsernes Bücherregal für die Möbelmarke Bottega Ghianda vorgestellt.

Kooperations-Tasche in klassischem Bottega Muster

Pesces gläsernes Bücherregal für die Möbelmarke Bottega Ghianda

Bottega-Kreativdirektor Matthieu Blazy teilte kurz vor der Eröffnung der Ausstellung ein Foto, das Pesce und ihn in besagter Installation zeigt. Pesce lacht herzlich, es ist wirklich ein nettes Foto. Es wäre durchaus zu begrüßen, wenn die beiden ihre Zusammenarbeit weiterführen würden. Dann darf man den Besucher:innen einer Designwoche aber ruhig mehr zumuten. Eine richtig immersive Werkschau von Gaetano Pesce etwa. Immerhin liegt der Charme einer Woche wie der Milan Design Week eigentlich darin, dass es viel demokratischer zugeht als auf Fashion Weeks. Fernab des Preview-Days für Journalist:innen kann jede:r hier jede Ausstellung besuchen, einen Slot buchen, Teil sein. Ansonsten läuft diese neue Freundschaft Gefahr, nur eine der vielen belanglosen Kooperationen zwischen Produktdesign und Modeindustrie zu sein.

This article first appeared in Achtung Mode Nr. 46

Title image: Tasche von Bottega Veneta x Gaetano Pesce