Made in Germany #45

Lukas Heerich im Gespräch mit Gabriel Proedl

Fashion Shows sind Spektakel, großes Kino. Und wie bei jedem guten Film, sorgt auch in der Mode erst der Sound für die richtige Stimmung. Klangpsychologie nennt man das und die hat mittlerweile ihre eigenen DJ-Stars; Lukas Heerich, unser Mann aus Düsseldorf, ist einer von ihnen.

Berlin, Paris, alles dazwischen, alles, was dazugehört und nicht, Künstler:innen, DJs, Tag und Nacht, die Einsamen, the popular kidsthe industry, ich liebe das; und ich liebe es nicht. Ich kann das nicht beschreiben, ich kann nur von Lukas Heerich erzählen, ihn habe ich getroffen. Und dann versteht ihr vielleicht. Nun, von Lukas Heerich sagen Leute in Berlin, auf die ich mich eigentlich verlassen kann, er sei the big thing, ganz große Klasse, bisschen mysteriös nur, keine Ahnung auch, woran er gerade arbeitet, und wo er wohnt, auf jeden Fall aber sollte man Heerich „auf der Liste haben“,  was auch immer das heißt, in einer Stadt wo es mehr Gästelistenplätze gibt als Gäste. Jedenfalls ist Donnerstag und am Samstag wollen wir uns treffen; 48 Stunden also, oder wie man in Berlin sagt: Nur noch einmal schlafen. Die erste direkte Kontaktaufnahme, eine französische Nummer, et cetera, tiefe, ruhige Stimme, paar Worte gewechselt, gerade sei er in Mailand, Fashion Week. Wir verabredeten uns noch rasch für Samstag am Gendarmenmarkt, ein Lokal in der Nähe seines Studios. Dann bricht die Verbindung ab. „u were gone“ schreibt Heerich, und schickt ein Foto aus dem Spa-Bereich des Hotels mit: türkisblauer Pool mit Mäandermosaikfliesen, auch dabei seine trainierten Waden und großen Füße. „calling you right back“, schreibt er weiter. Macht er dann auch, und als ich erzähle, dass ich mich einlesen wolle, Texte über ihn, sein Leben, was eben so geschrieben wurde, da schlägt er vor, erst mal gar nichts zu lesen. Wir sollten uns doch einfach mal kennenlernen. Find ich gut.

Als ich ihn Samstagnachmittag treffe, weiß ich also nichts. Es beginnt zu schneien, es wird dunkel, Heerich ist vor mir im Restaurant – ein Tisch in der Ecke, er sitzt mit dem Rücken zum Fenster, als ich komme, steht er auf: bestimmt zwei Meter, lange Haare nach hinten gekämmt, mit Gel, weite Kleidung, schwarz in schwarz, Ludovic de Saint Sernin, Raf Simons, Yohji Yamamoto, Ann Demeulemeester. Klavierhände. Eine davon hebt er nun lässig, sofort kommt der Kellner mit einem Glas Weißwein geeilt, „Bitte, Monsieur.“ Geht’s ihm gut? „Gestern hab ich eine Stunde geschlafen“ sagt Heerich. Warum sieht er dann so fit aus? „Ich war heute schon im Fitnessstudio.“ Schläft er immer so wenig? „Als Jugendlicher habe ich quasi gar nicht geschlafen, weil ich jede Nacht drei Filme gucken musste.“ Ich erinnere Heerich an unser Experiment: Ich weiß nichts über ihn, außer, dass man ihn auf der Liste haben muss. Also bitte von ganz vorn.

Lukas Heerich photographed by Eva Baales in Paris

Als Kind also nicht geschlafen, bis achtzehn eher Außenseiter, fühlte sich in der Rolle aber wohl. Hatte eine große Plattensammlung und begann aufzulegen. „So konnte ich ausgehen, musste mit niemandem reden. Zumindest nicht mit Worten.“ Nebenbei Studium der Komposition am Konservatorium, spielte zwei Instrumente auf Konzertniveau. Die Partys wurden größer, die Gagen besser. Abbruch des Studiums. Treffen mit Michel Gaubert, der vermutlich größte Modenschauen-DJ aller Zeiten. Keine Fashion Week kommt jemals ohne seine Tracks aus. Gaubert nimmt Heerich mit. Chanel im Grand Palais, Louis Vuitton im Louvre. „Ich habe über die Jahre hunderte Schauen mit ihm gemacht.“ Währenddessen: Studium in Düsseldorf, immer weiter, immer mehr um die Welt geflogen, um aufzulegen. Paris, New York, China für einen einstündigen Gig, dann wieder zurück. Big big world. Beim Fotografen Andreas Gurkst and der Akademie studiert, schließlich ein Abschluss an der Frankfurter Städelschule. Parfumvideos mit Björk, Kreativdirektion in London. „Klar, wenn du da nicht ein bisschen Wahnsinn mitbringt, ist es schwierig.“ Wohnen in Berlin und Paris. Studio in Berlin, ganz schön sei das, alles Sichtbeton. Mitarbeiter:innen angestellt. Er überschlägt die Beine. Trekking-Schuhe. Passen so gar nicht zum Designer-Outfit. „Ich will die einlaufen“, sagt Heerich, „damit will ich den Gletscher am Mont Blanc besteigen.“ Zurück zum Lebenslauf. Einstieg als bildender Künstler, neben all dem Wahnsinn. Viel mit Gummi gearbeitet, ein Stoff, der für Heerich eine faszinierende Meta-Aufladung hat, im Dreieck von Körper, Industrie und Macht. Viele Installationen und nebenbei vor allem viel viel Musik für große Schauen. Chloé, Lanvin. Viel Party.

Ich muss zugeben, ich verstehe nicht alles; liegt vielleicht auch einfach daran, dass im Lokal ungeheuer laut und ungeheuer nervig die Moritat von Mackie Messer läuft („und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht“). Vielleicht aber auch daran, dass Heerich ganz viel von mir wissen will, was ich nicht gewohnt bin. Er sagt, das sei ihm wichtig, und ich glaube es ihm. So arbeite er auch mit all seinen Klient:innen: Wenn er ein Werk für eine Modenschau machen soll, will er erst einmal die Kollektion und den:die Designer:in verstehen. Vielleicht verstehe ich aber auch deshalb nicht alles, weil das nächste Glas Weißwein nur eine Heerich-Handbewegung entfernt ist. Und zwischen all dem streut Heerich auch noch so großartige Sätze, die ich am liebsten gerahmt zwischen die Weinflaschen des Lokals gehängt hätte, etwas: „Ich bin absolut friedlich.“ Dann will er mir was zeigen, wir müssen dazu wohin fahren. „Wollen wir los, ich hab ein Auto vor der Tür“, sagt er, und ich weiß nicht, wohin es geht. Ein paar Schritte vom Lokal, ein schwarzer Audi, Miles, ein Mietwagen also. (Miles-Berlin-Werbespruch: „Jetzt ein Auto? Easy.“). Wir sitzen bereits – Heerichs Sitz so weit zurückgestellt, wie geht – da spreche ich ihn an: „Aber nicht dein Audi, oder?“ Der Moment für einen tiefen Zug an der Zigarette bleibt aus, Miles hat eine Nichtraucherpolicy. „Na“, sagt Heerich, „meiner steht in der Werkstatt. Die Beifahrertür ging nicht mehr auf.“

Er gibt mir sein Handy. Die Fahrt würde bestimmt zwanzig Minuten dauern, ich soll Musik auswählen. Innerhalb eines Dropbox-Ordners kann ich wählen. Es sind einige seiner bisherigen Modegigs, mehrere Minuten brauche ich, um durchzurollen. Die wichtigsten Labels der Modewelt, zufällig wähle ich eines davon. Es schneit mittlerweile so dicht, dass der Scheibenwischer mühe hat, dagegen anzukämpfen. Heerich dreht die Lautstärke auf, der Bass wummert. Modernste Musik gemischt mit Waschbrettklängen und stabilen Bässen. Berauschend, und auch Heerich scheint berauscht, die Klavierhände streichen übers Lenkrad. Mir ist nun klar, warum das alles funktioniert, warum man Heerich auf der Liste haben muss, warum er von Paris nach China geflogen wird für eine halbe Stunde. Weil er TikTok-Remixes genauso verwendet wie ausgegrabenes Archiv-Material vom Hausmeister der Kirche, in der Pink Floyd ein Album aufgenommen haben. Weil er die Musik mit Gedanken auflädt, die ich spüre, obwohl ich nichts davon weiß. Weil ich Heerich nun verstehe – zumindest, solange der Track läuft.

Dann biegt er irgendwo in Berlin-Lichtenberg ab, dort, wo Architekt Arno Brandlhuber einen Turm ausgebaut hat (Brandlhuber-Berlin-Werbename: „San Gimignano Lichtenberg“). Das Musikstück läuft noch, Heerich dreht noch ein paar Runden im Areal. Dann parken wir. Durch den Schnee erklingen heulende Geräusche. Wir gehen ein paar Stockwerke ins Gebäude hinauf, kommen in einen hohen Raum. Katastrophenwarnsirenen, bestimmt hundert Stück, übereinander in einer meterhohen Helix verschraubt. Ein digitales Gehirn produziert ein Soundgemenge, das sich niemals wiederholt. Auf und ab und rüber und runter und über das ganze verschneite Berlin. Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr wird später sagen, es sei eines der erstaunlichsten Objekte, das die Kunstwelt seit Jahren gesehen hat. Heerich sagt jetzt, er lege sich manchmal auch einfach nur in die Ecke und höre stundenlang zu. Wie hoch das Gebilde ist, das will ich aber schon wissen, Journalistenfrage. Heerich zögert. Darum gehe es ihm nicht. Es gehe ihm ausschließlich darum, was ich fühle. Er denkt nach, und sagt daraufhin den präzisesten Satz, der alle Sätze hier und alle Buchstaben und alle unbeholfenen Heerich-Beschreibungen zusammenfasst, der zeigt, dass Heerich ein Künstler ist, zwischen Berlin und Paris, ein DJ, wie ich sie liebe und nicht: Die Höhe des Turmes? Sechzehn Meter, aber offiziell unendlich.

This article appeared first in ACHTUNG Nr. 45.