Im Augenblick: New Kids Off The Block
Silke Wichert über zeitlose Designer:innen
November 6, 2023

Christopher Kane wird es vermutlich nicht schaffen. Es sah schon zwischendurch nicht gut aus, als Kering ausstieg, in der Pandemie erst recht nicht, jetzt scheint es endgültig vorbei. Nach gut 17 Jahren stellte das Label im Juni die operativen Aktivitäten ein und beauftrage einen Insolvenzverwalter. Ob ein Käufer gefunden wird, ist allerdings fraglich. Zu schlecht stehen die Chancen, aktuell im Markt überleben zu können. Immerhin haben sich Kane und seine Schwester Tammy für alle Fälle die Namensrechte gesichert. Auf die Nachricht folgte Bedauern, schließlich gehörte Christopher Kane Ende der Nullerjahre zu den aufregendsten neuen Designer:innen in London. Wenn er Backstage seine Inspiration erklärte („Priscilla Presley, bevor Elvis sie in die Finger bekam“, „eine religiöse Separatistengemeinde in South Dakota“), klang das unbedingt duschgeknallt, aber seine Kleider waren mit einer Mischung aus kinky und kindlich nur bedingt bizarr, sondern immer auch tragbar. Aber natürlich setzte danach sofort das übliche Lamentieren über die harte Modewelt ein, in der jetzt endgültig nur noch die ganz Großen, ganz Starken überleben. LVMH hier, Kering dort, noch ein bisschen OTB, PUIG und Qatar dazwischen. Wer keinen Platz auf dem Deck eines Luxusdampfers kriegt, geht irgendwann über Bord. (Oder spielt, wie Rick Owens und Isabel Marant, in der ganz eigenen Fanliga.)

Dabei gibt es ja gerade in den letzten Jahren durchaus Beispiele von jungen Designer:innen die es trotzdem geschafft haben. Die nicht nur einen Namen, sonders auch ein gesundes Business haben, teilweise sogar ohne größeren Investor. Da wären, naturellement, Simon Porte Jacquemus und Ami. Oder Catherine Holstein mit Khaite in New York. Luca Magliano aus Bologna. Nicht zu vergessen: Grace Wales Bonner. Designer:innen, von denen sich die meisten schon eine ganze Weile halten, und denen man noch locker 20 weitere Jahre gibt. Nach den italienischen Gründerjahren mit Armani, Versace, Dolce&Gabbana oder Prada (by Miuccia) in den Siebziger- und Achtzigerjahren, nach den „jungen Wilden“ um John Galliano und Alexander McQueen Ender der Neunziger (eine Zeit, die gerade noch einmal in der Ausstellung 1997: Fashion Big Bang im Palais Galliera gefeiert wurde) und der darauffolgenden, anhaltenden Epoche der Konglomerate und Konzentration, zeichnet sich hier womöglich eine neue Ära ab. Die der New Kids off the block. Unabhängige Designer:innen, die (noch) keinem Luxuskonzern angehören – obwohl es von dem ein oder anderen ganz sicher Angebote gab – die womöglich sogar gerade deshalb so erfolgreich sind, weil die Megaplayer derart tiefe Schneisen in die Modelandschaft gezogen haben, dass alles dazwischen ironischerweise wieder mehr auffällt, mehr Spielraum und Platz zur Entfaltung bekommt.

Cate Holstein, Grace Wales Bonner, Luca Magliano and Simon Porte Jacquemus
All diese Desinger:innen haben weder eine ähnliche Ästhetik noch die gleiche Nationalität oder Wahlheimat. Dafür verbindet sie authentische Wokeness, Direktheit und ein extrem hoher Wiedererkennungswert sowohl im Design als auch in der Bildsprache. Wokeness: Simon Porte Jacquemus beispielsweise kokettiert gern damit, dass sein Ansatz von Anfang an gewesen sei: „Kommt das gut auf Social Media?“ Seine Entwürfe sind sexy, sinnlich, oft asymmetrisch und gern mal über- oder unterdimensioniert. Der La-Bomba-Hut in der Größe eines Wagenrads, die Le Chiquito-Minihandtasche – solche Designs bleiben im Gedächtnis hängen und fliegen dann förmlich aus den Läden, um mit den eigenen Posts auf Instagram wieder im Gedächtnis anderer hängen zu bleiben. Der Franzose hat aber auch seine eigene Handschrift bei der Inszenierung: Schauern im Kornfeld, im Lavendelfeld, in Versailles – das ist vom Aufriss her eine Liga, die eigentlich Marken wie Chanel oder Dior bespielen. Die wiederum würden sich nie trauen, eine Flotte von riesigen Handtasche durch Paris fahren zu lassen. Viel zu surreal. Und Genau dazwischen liegt die Chance.

Le Chiquito – one of Jacquemus’ most viral items

The giant La Bomba straw hat first appeared on all our screens in 2018

Jacquemus S/S 2020 show was hosted in lavender fields

Giant Jacquemus bags riding around Paris
Auch Catherine („Cate“) Holstein hat eine sofort erkennbare Bildsprache. Bisschen célinig, bisschen umschafft, gelächelt wird hier nicht, weil diese Großstadt-Ladys durch und durch cool und monochrom eingestellt sind. Khaites Hype begann 2019 mit Katie Holmes in einem braunen Kaschmir-Twinset aus Bra und Cardigan und einem Wollbody mit Herzchen-Ausschnitt. Klingt nicht sexy, war es aber doch irgendwie. Ähnlich wie schon zuvor The Row (die allerdings mehr Vitamin B hatten), konzentriert sich Holstein auf elevated basics, scheinbar wenig aufregende, aber exzellent geschnittene und gearbeitete Teile mit einem guten Twist. Einem großen Konzern wäre das zu wenig, für Holstein dürfte es genau der richtige Weg sein. Zumal sie das Preisniveau von Anfang an tollkühn hoch ansetzte. Für die Miete ihres ersten New Yorker Ladens sollte das für die nächsten Jahre reichen.

Khaite S/S 2024

Katie Holmes seen in Khaite back in 2019
Bei Grace Wales Bonner wiederum sind die jamaikanischen Wurzeln immer präsent, ohne folkloristisch-nostalgisch zu wirken. Sie zeigt eindrucksvoll, wie eine diverse, multikulturelle Moderne in der Mode aussehen könnte – aber am Ende fast nur bei ihr funktioniert. Solche feine Kreuzungen zwischen den Welten kann und will ein cultured label wie Louis Vuitton gar nicht machen, weil sie nicht plakativ genug wären. Deshalb gibt es dort jetzt eher den neureichen Logo-Haudrauf-Ansatz.

Wales Bonner F/W 2023

Leon Dame walking for Wales Bonner
Natürlich könnte man noch zig andere Namen nennen. Die Mode will das Neue, sie braucht die Newcomer:innen. Und so sehr das Tempo und die Kosten für Shows angezogen haben – durch Social Media war es andererseits wahrscheinlich noch nie so leicht, Aufmerksamkeit zu erzeugen, seine Zielgruppe direkt anzusprechen und DTC zu verkaufen. Gleichzeitig gibt es mit Hyères, dem Andam Award und dem LVMH Prize eine Reihe ambitionierter Designwettbewerbe, die Talente anzuschubsen. Oft genug sind sie am Ende aber eher Durchlauferhitzer. Die wahre Schwierigkeit sind nicht die ersten Erfolge, sondern die zweiten, die dritten, das nächste Dutzend. Luca Magliano, der beim LVMH Prize zuletzt den Karl Lagerfeld Award gewann, könnte es mit seinen Fucked up Classics schaffen. Manche bezeichnen seinen Stil als „Vetements, nur in gut“, die einzelnen Teile sind meist Klassiker der Herrengarderobe, aber immer mit einem Dreh und einer hochsympathischen Haltung, die irgendwo zwischen LGBTQ+ und Italo-Prolo-Ästhetik changiert.

Magliano S/S 2024

Alexandre Mattiussi ist mit Ami schon einen ganzen Schritt weiter. Sein A mit Herzchen ist längst ein Ausrufezeichen dafür, wie man heute ein erfolgreiches Label aufbaut. Mit diesem Signet hat er übrigens früher die Karten an seine Eltern am Mutter- oder Vatertag gezeichnet. Seit Anfang 2021 hat er einen Investor im Boot – keinen der großen Luxuskonzerne, sondern den Venture Capital Fund Sequoia Capital China, der bislang in Unternehmen wie Airbnb, Alibaba oder JD.com investierte. Man kann nur hoffen, dass die kein halbherziges oder kurzfristiges Investment sit wie Kerings Engagement bei, genau: Christopher Kane. Als das Label nicht performte wie erhofft, wurde der Stecker gezogen. Da waren die Strukturen aber schon nicht mehr die eines:r kleinen unabhängigen Designers:in. Wer einmal on the block ist, kommt nur schwer wieder off.

Ami’s signature A with a heart

Ami S/S 2024 men’s
This article appeared first in ACHTUNG Nr. 46.

