Der Pullover-Effekt
Berliner Designer Sezgin Kivrim über einen Häkelpullover, der Politik machte
April 17, 2025

Ein Häkelpullover macht Schlagzeilen in den kurdischen Nachrichten. Ein türkischer Parlamentarier schreibt bei X wütende Postings über einen jungen Nachwuchsdesigner aus Berlin. Und zeitgleich gehen Tausende TikToks online, die dem Häkelpullover und seinem Designer ihren Respekt zollen. Was ist passiert?
Der Designer Sezgin Kivrim sitzt auf einem Drehstuhl in seinem Atelier in Berlin Charlottenburg. Sezgin, dunkle Haare, Schlaghose, Mesh-Oberteil erzählt seine Geschichte mit rauer, angeschlagener Stimme. In der vergangenen Woche feierte er den Launch seiner neuen Kollektion „Where Do You See The Sun?“ auf der Berliner Fashion Week. Das aller erste Mal mit einem eigenen Event. Der Pullover, um den sich Sezgin Kivrims Geschichte dreht und Kivrim überhaupt erst so viel Aufmerksamkeit verschaffte, dass er jetzt eigene Events auf der Berlin Fashion Week veranstaltet – und Menschen hingehen – ist gut sichtbar auf einer Puppe drapiert.

Where do you see the sun?-Kollektionspräsentation während der Berliner Modewoche fotografiert von Lace
Carmen Maiwald: Du und dein Team bekommen täglich Hassnachrichten wegen eines Pullovers. Was war eine der Nachrichten, die euch in den vergangenen Tagen erreicht hat?
Sezgin Kivrim: „Du verdammter schwuler Hund ich hoffe du verreckst…Möge Gott dich verfluchen. (sic)“
CM: Wie abscheulich.
SK: Manchmal sitzen wir im Büro und machen eine Top Ten der absurdesten Nachrichten. Und wir zeigen die Leute natürlich an. Und das alles, wegen eines Pullovers.
CM: Wo warst du, als du erfahren hast, dass der Häkelpullover eurer Marke „Sezgin“ viral gegangen ist?
SK: An diesem Tag musste ich mit meiner Co-Gründerin Angelina einen Pitch vor einer Start-up-Jury halten. Wir waren also längere Zeit ohne Handys. Als wir aus dem Raum kamen, sah ich plötzlich, dass mir eine Freundin Backstage-Bilder geschickt hatte. Unser Postfach bei Instagram ist fast explodiert – Benachrichtigung nach Benachrichtigung erschien auf meinem Handy. Und dann war mir klar: „Oh Gott, sie trägt ihn wirklich.“
Es ist der 23. September 2024. Ein ungewöhnlich warmer Tag in Berlin, so warm, dass Sezgin nicht damit rechnet, dass die Chefredakteurin der deutschen Vogue, Kerstin Weng, an diesem Tag einen Häkelpullover tragen wird – seinen Häkelpullover. Während Sezgin mit seiner Co-Gründerin Angelina Schwarzkopf einen Pitch hält, sitzt Weng im Berliner Kronprinzenpalais gemeinsam mit der Modeikone Anna Wintour auf einer Bühne. Weng trägt ihre Haare in einem Dutt zusammengeknotet, sie trägt eine schwarze Lederhose, große silberne Kreolen und: Den von Sezgin designten groben Häkelpullover mit einem breiten roten, weißen und grünen Streifen und einer orangenfarbenen Sonne auf der Brust. Kerstin Weng trägt die kurdische Flagge als Häkelpullover.
Schätzungsweise gibt es weltweit rund 30 Millionen Kurd:innen, die meisten von ihnen leben in der Türkei, im Norden Syriens, im Iran und im Irak – knapp 1,3 Millionen wahrscheinlich in Deutschland[1]. „Wahrscheinlich“, weil es keine offiziellen Statistiken gibt, in denen Kurd:innen in Deutschland gezählt wurden. Was hingegen sicher ist: Sie gelten als das größte Volk ohne eignen Staat. Obwohl sie schon lange darum kämpfen. Denn die kurdische Geschichte ist von Verfolgung und Unterdrückung geprägt.
Die „Kurdenfrage“, also der Kampf um Gleichberechtigung der Kurd:innen in Ländern wie der Türkei, gehört zu den schwierigsten und am meisten diskutierten Konflikte auf der Bühne der Weltpolitik. Ein Beispiel: Die Türkei blockierte Monate lang den NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands mit der Forderung nach der Auslieferung vermeintlicher kurdischer Terroristen[2]. Im Iran ist jede politische Aktivität, die sich auf Kurd:innen bezieht, verboten und wird streng bestraft. Die Dringlichkeit des Konflikts wird durch eine einzige Zahl deutlich: Fast die Hälfte aller politischen Gefangenen im Iran sind Kurden[3]. Kurz gesagt könnte kaum ein Kleidungsstück als politischer verstanden werden wie ein Häkelpullover mit einer kurdischen Flagge. Und genau den trägt Kerstin Weng bei einem internationalen Mode-Event, bei dem Gäste wie der Vogue-Moderedakteur Edward Enninful, Tokio Hotel Frontmann Bill Kaulitz und Model Winnie Harlow und eben Anna Wintour anwesend sind. Sie trägt ihn vor den Augen der Modeweltöffentlichkeit.

Kerstin Weng im Kurdistan-Pulli neben Anna Wintour
CM: Wie kam es dazu, Sezgin?
SK: Zu Beginn waren wir selbst überrascht, dass Kerstin genau diesen Pullover angefragt hat. Wir haben sie beim Berliner Salon im Sommer 2024 getroffen, und irgendwann schrieb sie uns: „Hey, kann ich den Pullover tragen?“ Zuerst fragten wir uns, ob sie sich wirklich bewusst war, welches Zeichen sie damit setzen könnte. Aber dann kam Kerstin sogar in unser Atelier, wir haben uns eine halbe Stunde unterhalten – und uns wurde schnell klar: Es war nicht nur der Pullover, sondern eine sehr bewusste Entscheidung, ihn zu tragen.
Im Anschluss an die Modekonferenz nimmt Kerstin Weng eine Instagramstory auf, weil sie so überwältigt sei von den vielen Rückmeldungen zum Häkelpullover. Sie erklärt ihre Kleiderwahl damit, dass sie gerne junge Designer:innen unterstütze und Sezgins Arbeit schätze. Und dass die kurdische Gemeinschaft hier in Deutschland eine der größten Diasporagemeinschaften sei. Dass sie angesichts der „schrecklichen Auswanderungsgespräche und der rechtsgerichteten Bewegung, die wir derzeit hier erleben“ ein Zeichen setzen wollte. Außerdem wolle sie mit dem Pullover an die Kurdin Jina Mahsa Amini erinnern, die im Iran festgenommen und getötet wurde, weil sie ihr Kopftuch nicht vorschriftsgemäß getragen habe. „Jin, Jîyan, Azadî“, sagt Weng in die Kamera. Kurdisch für „Frau, Leben, Freiheit“, der weltweite Protestruf gegen die Repressionen des iranischen Regimes.
CM: Wie habt ihr euch in dem Moment gefühlt, als ihr verstanden habt, was da gerade passiert?
SK: Wir wussten sofort: Diese Sichtbarkeit wird unheimlich vielen Menschen sehr viel bedeuten. Und: Es ist ein Moment, der uns als Marke relevanter macht. Als junge Designer:innen in Berlin ist es schwierig, den Punkt zu erreichen, an dem man sich wirklich gesehen fühlt und Zugang zu dieser Welt bekommt. Es war ein schöner Moment, in dem Angelina und ich wussten, dass jetzt die harte Arbeit beginnt. Aber wenn wir das richtig nutzen, können wir bald die Früchte ernten.
CM: Und könnt ihr mittlerweile ernten?
SK: Direkt am nächsten Tag habe ich bei meinem Bäcker ums Eck ein kostenloses Frühstück bekommen, weil er sich so über die Sichtbarkeit der kurdischen Kultur freute und meine kurdische Familie ist unfassbar stolz. Und im Ernst, wir bekommen viele Kaufanfragen. Mittlerweile produzieren wir den Pullover auch in Serie – in Portugal. Ich häkle also nicht mehr selbst.
CM: Wie kam es dazu, dass du den Flaggen-Pullover gehäkelt hast?
SK: Eigentlich hatte ich einen sehr ähnlichen Pullover für einen engen Freund zum Geburtstag gehäkelt und ein Foto davon in meiner Instagram-Story gepostet – damals war das noch mein privater Account. Mein betreuender Professor für meinen Bachelor sah das und meinte: „Pack den noch in deine Abschlusskollektion.“ Aber ich wollte dem Freund den Pullover nicht einfach wieder wegnehmen, also häkelte ich einen neuen. Ich hatte aber nur zwei Wochen Zeit bis zur Kollektionspräsentation.
CM: Wie viele Stunden hast du an dem Pullover gehäkelt?
SK: Sicher 60 Stunden.
CM: Von wem hast du das Häkeln gelernt?
SK: Von meiner Oma. Als ich den zweiten Pullover häkelte, war ich gerade bei ihr in der Türkei. Wir haben dort gemeinsam fleißig an meinen Bachelor-Arbeiten gearbeitet.
CM: Abseits von einer TikTok-Community und deinem Bäcker um die Ecke, wie viel Erfolg kann man mit einem so politischen Kleidungsstück in der Modewelt haben, wie sehr lässt sich die Branche überhaupt auf euren Pullover ein?
SK: Wir merken schon, dass unsere Kollektionsteile bei Stylinganfragen oft ausgeliehen werden – auch der Pullover. Es dann aber häufiger heißt: „Ach, der ist doch zu politisch, den nehmen wir nicht mit rein.“ Es kommt auch manchmal vor, das bestimmte Personen nicht mit uns zusammenarbeiten wollen, weil wir ihnen zu politisch sind.
CM: Siehst du sich selbst auch als politischen Designer?
SK: Für die Frage, ob ich politisch sein will oder nicht, ist bei mir überhaupt kein Raum. Ich muss politisch sein. Weil ich Kurde bin und zu einer Minderheit gehöre, dessen Kultur unterdrückt wird. Das macht meine Mode automatisch politisch.
CM: Also ist deine Mode gar nicht unbedingt politisch gemeint, sondern wird zu einem Politikum gemacht?
SK: Ich hoffe, dass ich mich mit meiner Arbeit irgendwann mehr auf die kurdische Kultur konzentrieren kann. Wir wollen eigentlich eher zeigen, dass die kurdische Kultur mehr ist als Politik, Schmerz, Leid und Konflikte. Wir möchten zeigen, dass wir Kurd:innen humorvoll sind, gerne Tee trinken, feiern, tanzen und musizieren.

Kollektionsbilder: Sezgin fotografiert von Guillem Lopez Nicolau

Fotografiert von Guillem Lopez Nicolau

Fotografiert von Guillem Lopez Nicolau
Sezgin greift nach seinem Handy, das auf der Tischplatte vor ihm liegt, öffnet die Fotogalerie und spielt ein Video ab: Sicher 30 Menschen stehen in einem Halbkreis beieinander, halten sich an den Händen, kreisen ihre Schultern nach vorne und trippeln in kleinen Schritten vor und zurück, nach links und rechts. „Wir haben auf der Berlin Fashion Week Halay getanzt, ein kurdischer Volkstanz“, sagt Sezgin Kivrim: „Das ist ziemlich sicher zum ersten Mal passiert.“


