Casa Cuisine

Modehaus: Valerie Präkelts Interieur-Kolumne

Willkommen im Modehaus: In ihrer zweiten Ausgabe widmet Designjournalistin Valerie Präkelt sich Kulinarik, immateriellen Kulturgütern, Luxus und Logos, dem ewigen Virgil Abloh und der Frage, ob sich Reisebesteck von Prada lohnt.

Kürzlich machte die Schlagzeile die Runde, dass Italien seine Küche ins Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO eintragen lassen will, zum Schutz vor schier unzumutbaren Abwandlungen wie Pizza Hawaii oder Mac’n’Cheese. Dass Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida als Mitglied der ultra-rechtskonservativen Regierungspartei sowieso gerne mehr Grenzen ziehen würde, ist vermutlich keine Überraschung; sein Vorschlag dürfte trotzdem Gehör finden, wie sich gegen die italienische Küche ob ihrer Fabelhaftigkeit nur schlecht wettern lässt – allerdings ist auch nur wenig gegen in Käse schwimmende Makkaroni einzuwenden. Übrigens ist es keine Seltenheit, das Kulinarik als Kulturgut geschützt wird. Die neapolitanische Kunst des Pizzabackens steht längst auf der Liste, auch das französische Baguette gilt als immaterielles Kulturerbe. Allerdings ist der Begriff Schutz relativ – keinesfalls würde die UNESCO fortan dafür sorgen, dass Pizza Hawaii aus dem Sortiment verschwindet, sondern stattdessen hervorhebt, dass italienische Kochkunst ein Kulturerbe ist, das es weiterzugeben gilt. Geschützt wird nämlich nicht das Produkt (immerhin ist ein Baguette etwas sehr Gegenständliches), sondern vielmehr das handwerkliche Know-how, außerdem zählen zum immateriellen Kulturerbe Bräuche, Traditionen und Handwerkstechniken. Die Liste, die man online findet, ist geistige Nahrung, darauf stehen afghanischer Seidenbau, Stickereikunst aus Palästina, das persische Neujahrsfest oder der Blaudruck. Als deutscher Kulturerbe gilt zeitgenössischer Tanz, der Orgelbau, das Konzept von Genossenschaften oder die Porzellanmalerei.

Die wird in Deutschland in drei Manufakturen praktiziert, bei Meissen, der Porzellanmanufaktur Nymphenburg und in der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin. Bei KPM bemalen täglich 40 Porzellanmaler:innen schneeweiße Teller, Tassen, Schalen und Figuren mit der Hand, gleichzeitig beauftragt die Manufaktur immer wieder Künstler:innen wie Erwin Wurm, Stefan Marx oder Esra Gülmen mit zeitgenössischen Adaptionen, etwa um den KPM-To-go-Becher aus Porzellan neu zu interpretieren. Balenciaga hat übrigens einen geradezu formgleichen Becher im Portfolio, der wird allerdings in China produziert, was – reine Spekulation, versteht sich – nicht am Bone China, sondern an der günstigen Produktionsstätte liegt.

KPM+ Stefan Marx To-Go-Becher

To-Go-Becher von Balenciaga

Auch mit Bottega Veneta hat die Berliner Manufaktur schon kooperiert und die Geschirrserie Urbino (ein ganz schlichter Entwurf der legendären Hamburger Gestalterin Trude Petri aus den frühen 1930-er Jahren) mit Bottegas intrecciato-Muster bemalt. 2013 verzierten die Italiener im Gegenzug zum 250. Geburtstag von KPM ihre Knot-Clutch mit Intarsien und einem Henkel aus Porzellan. Wer heute Bottega und Berlin hört, denkt ans Soho-House-Debakel, vielleicht hätte Daniel Lee damals besser diese Verbindung zelebriert.

KPM x Bottega Veneta aus 2008

Bottega Veneta Knot Clutch aus 2013 

Damit kommen wir endlich zur Mode: Haute Couture ist in Frankreich als Begriff geschützt, auf der Liste des immateriellen Kulturerbes steht sie nicht. Das Ziel dieses Verzeichnisses ist es, lebendige Kulturformen, nun ja, am Leben zu halten, und Couture ist lebendiger denn je, mit einer großen Industrie, die ihr den Rücken stärkt. Apropos Industrie: Business of Fashion hat 2023 zum ersten Mal einen Bericht mit dem Titel The Lifestyle Era: Luxury’s Opportunity in Home and Hospitality herausgegeben. Nicht nur der Titel, sondern auch der Preis der Studie (fast 2.500 Pfund) beweisen, wie relevant der Markt ist, den Modemarken erobern wollen. Eine der Schlussfolgerungen lautet, dass „Marken, die in den Lifestyle-Bereich expandieren, sich für diese Unternehmungen eine neue Geschichte ausdenken und sicherstellen, dass der Ton nicht effekthascherisch ist und dem Wunsch der Kund:innen nach Qualität und Geschmack entgegenkommt.“ Vorbei seien, so BoF, „die Zeiten, in denen der Aufdruck eines Luxuslogos auf einem Alltagsgegenstand Kund:innen anlockt.“

BoFs: The Lifestyle Era: Luxury’s Opportunity in Home and Hospitality

Nun wurde in den letzten Wochen, ja Monaten, ausreichend über Quiet Luxury diskutiert, die Debatte kann man sich ersparen. Doch darf man die Folgerung von BoF hinterfragen. Dabei muss man zuerst einmal zwischen Möbeln und Home- & Living-Accessoires unterscheiden. Denn: Möbel tragen einfach generell keine riesigen sichtbaren Logos, ganz egal, ob sie von einem traditionellen Möbelhersteller oder einem Modeunternehmen produziert werden. Es gibt lediglich einen Herstellerverweis. Wer erkennen möchte, ob es sich bei einem alten Freischwinger aus Leder (die großen, breiten Schwinger, die man so oft in Büros oder Wartezimmern sieht), um ein Original von Thonet handelt, wird den Verweis auf die Stahlleiste gedruckt finden, die das Sitzmöbel stabilisiert. Und bei Möbeln von Modehäusern wird ein präsentes Logo oft durch Charakteristika ersetzt: Hermès zeigt auf dem Salone del Mobile im April ein Sofa, unter dessen Bezug schmaler, mit Leder bezogene Beine hervorblitzen und den Absender so deutlicher machten als ein Namenszug. Bei Accessoires hingegen sind die Marken offensiver: Stichwort Hermès-Decke, ohne die kaum eine Celebrity-Homestory auskommt und die mit ihrer Überrepräsentation Gefahr läuft, so etwas wie die Aesop-Seife der Superreichen zu werden.

Alaïa verschickte anstelle einer klassischen Einladung zur Frühjahr-2024-Präsentation Anfang Juli in Paris einen dreibeinigen Klapphocker mit schwarzer Ledersitzfläche und dunklen Holzbeinen. Designhistorisch ist dieser Entwurf interessant, weil er keine:n klare:n Absender:in hat (und daher vermutlich nicht lizenziert werden musste). Den Klappstuhl mussten die Gäste zur Schau mitbringen, ein frecher und charmanter Weg, sich um die Bestuhlung der Seine-Brücke zu kümmern, auf der die Schau abgehalten wurde. Ob der Hocker in den Verkauf gehen wird? Vielleicht lieber nicht. 2018 realisierte Prada einen aufblasbaren Hocker von Verner Panton aus den 1950-er jähren. Für Panton-Fans war das ein Glück: Das transparente Sitzmöbel hätte ohne die Hilfe von Prada nämlich vielleicht für immer in den Archiven geschlummert. Trotzdem fand man den Kubus wenig später einsam und verloren mit leuchtend orangefarbenen Sale-Sticker versehen im KaDeWe-Outlet.

Alaïa S/S 2024 Einladung getwittert von Vanessa Friedman

Pradas Verner Panton Stuhl in Kooperation mit Verpan

Dabei hat Prada sich in Causa Casa bisher vor allem Tableware und Home-Accessoires wie Yogamatten gewidmet, außerdem gibt es Isolierflaschen, Reisebesteck und Aufbewahrungsboxen. Nun sind To-go-Boxen und -Besteck löblich für den ökologischen Fußabdruck, aber da es hier im Modehaus immer auch um Preise und ihre Rechtfertigung gehen wird, sei an dieser Stelle erwähnt, dass es ein nahezu identisches Besteckset für ein Zwanzigstel des Preises bei Manufactum gibt. Natürlich ohne Logo und das kleine Nylon-Prada-Etui, das Platz für ganz genau einen Löffel, eine Gabel und ein Messer bietet – aber schön quiet.

Prada Besteckset aus Edelstahl

Alles andere als zurückhaltend ist Virgil Ablohs Besteck, das er für Alessi designte. Zwei Serien entwarf er vor seinem Tod: Die Occasional Objects sind auf 999 Stück limitiert, es ist ein Besteckset mit Cut-outs, das ein bisschen so aussieht, als wolle man die Silver Single Link Earrings von Rick Owens als Besteck benutzen. Abloh für Alessi war ein dankbarer Fit: den Besteckkasten, einst ein spießiges Statussymbol, verwandelte er in eine riesige Schraube, an die man Messer, Gabel und Löffel kopfüber hängt und so aus der Schublade befreit. Die zweite Serie, die Conversational Objects, sind etwas gefälliger, sie haben lediglich am Griff ein kleines Loch zum Aufhängen. Letzteres Set wurde während der Mailänder Designwoche bei Alessi vorgestellt, es lag auf einem imposant gedeckten Tisch mit Plastikobst, Plastikkäse, Plastikflieger, der aussah, als hätte hier eben noch jemand gegessen. Sie ahnen es: Virgil was here. Mit Entwürfen von Virgil Abloh verhält es sich seit seinem Tod oft so, dass es immer einen Moment des Innehaltens gibt, eine kurze, andächtige Ruhe. Dann erzählt irgendjemand eine Geschichte, wie die Freundin eines Freundes ihn einmal getroffen hat und er großartig war; klug noch dazu, witzig sowieso, immer ein bisschen müde und überarbeitet. So werden seine Objekte auch auf einer Metaebene zu Conversational Objects. Seinen Schriftzug tragen sie übrigens auch.

Occasional Objects entworfen von Virgil Abloh für Alessi

Conversational Objects entworfen von Virgil Abloh für Alessi

Alessi Ars metallica at Milan Design Week

This article appeared first in ACHTUNG Nr. 46.