
Im September, als in Mailand nach anderthalb Jahren endlich mal wieder eine richtige Modewoche anstand mit mehr physischen Schauen als digitalen, kam Marni auf eine Idee, die zuvor wirklich noch niemand gehabt hatte: In den Tagen zuvor wurde jeder der 400 Gäste zum Fitting eingeladen. Zur Marni-Schau sollten alle in Marni kommen. Also nicht nur die Influencer:innen, für die ein Outfit der Marke, deren Schau sie sehen, Arbeitskleidung ist, sondern auch die Chefredakteur:innen, die Einkäufer:innen, die Kritiker:innen. Der Einfall war etwa so gut wie jener vom vergangenen Jahr, als während der Pandemie alles weit weg schien und Marni-Designer Francesco Risso daraufhin seine Kleider zu Präsentationszwecken an Bekannte auf der ganzen Welt schickte, die von sich geradezu intime Videos aufnahmen, an Straßenkreuzungen, in Treppenhäusern, immer in Marni. Auch dieses Live-Erlebnis hatte eine Botschaft — oder zwei. Während die Kritiker:innen (Vogue, NY Times) nämlich anschließend davon schwärmten, was für ein Gemeinschaftserlebnis das gewesen sei bei Marni, ja, wie Mode überhaupt ein Gefühl von Gemeinsamkeit herstellen könne und damit Werk und Publikum meinten, also auch sich selbst als Teil des Ganzen, blieb unerwähnt, wofür diese Idee noch stand: eine Absage an die Modekritik.

Unser Chefredakteur Markus Ebner beim Fitting für die Marni S/S 2022 Show.
Keine Frage, das Internet, allen voran Instagram, hat die Mode grundsätzlich verändert. Sie ist nicht mehr hermetisch abgeriegelt, sondern transparenter, zugänglicher und somit viel unterhaltsamer geworden. Schön, wenn nicht nur ein paar wenige von einem Ereignis Notiz nehmen, sondern theoretisch die ganze Welt in Echtzeit daran teilhaben kann. (Obwohl die meisten Menschen, die beruflich nichts mit Mode zu tun haben, auch weiterhin Gucci und Dior toll finden können, ohne den Unterschied zwischen einer Fashion Week und einer Fachmesse zu kennen.) Toll auch, wenn alle ihre Meinung äußern können und per Like Zuspruch geben.
Auch die Modekritik hat sich so in den vergangenen Jahren verändert, ebenfalls zum Besseren. Vanessa Friedman von der New York Times rückt das, was auf dem Laufsteg zu sehen ist, treffender in den weltlichen Zusammenhang, als das ihre Vor- gängerin Suzy Menkes gemacht hat. Spannender, als wie ein Stoff fällt und welche fantastischen Assoziationen dabei entstehen, ist ohnehin Mode, die das reflektiert, womit sich unsere Gesellschaft auseinandersetzt, und Analysen, die das herausarbeiten. Francesco Rissos Infragestellen der Geschlechterrollen ist so gesehen eine Goldgrube für Journalist:innen, seine Vielfalt an Körperbildern auf dem Laufsteg, seine Nachhaltigkeitsbestrebungen faszinierend. Aber mit seiner Schau im September machte Risso eben auch klar, welche Bedeutung der Modekritik abgesehen davon heute noch beigemessen wird, nämlich so gut wie gar keine.

Top-Model Paloma Elsesser für Marni S/S 2022.

Marni Chefdesigner Francesco Rissos Infragestellen der Geschlechterrollen.
Das hat nichts damit zu tun, dass die wirklich wichtigen Kritiker:innen nicht auch weiterhin dabei sind und natürlich in der ersten Reihe sitzen. Klar sind sie, im Vergleich zu den käuflichen Influencer:innen, eine unbezahlbare Währung, mit der sich jede Marke gerne schmückt. Aber zugleich können sich diejenigen, die eine Schau eigentlich unvoreingenommen bewerten sollten, heute schamlos auf eines dieser Outfits einladen, weil ihr Urteil am Ende vielleicht doch nicht so entscheidend ist?
Das Marni-Beispiel, die Gäste in gestreiften Marni-Looks, die Models ebenfalls in Streifen, dazwischen Margeriten-Muster, markiert dabei, so berührend das Ereignis für die Beteiligten auch gewesen sein muss, übrigens nur einen Tiefpunkt in der Geschichte der Modekritik. Vor vier Jahren lief die Kritikerin der Financial Times, Jo Ellison, bei Dolce & Gabbana auf dem Laufsteg. Und abseits des Entertainment- Programms kommt es spätestens seit der Pandemie mit neuen Abstandsregeln und somit verringerten Ticketzahlen immer mal wieder vor, dass PR-Leute vorab versuchen, eine „gute Darstellung der Marke“ auszuhandeln, mal mindestens ein Foto.

Jo Ellison für Dolce & Gabbana F/W 2017.
Damals war nicht alles besser als heute, aber: Wäre das alles denkbar gewesen in einer Zeit, als Suzy Menkes behauptete, mit ihren Kritiken Börsenkurse zu beeinflussen? Hätte ein:e Designer:in den Mut zu einem Move à la Marni gehabt, als eben nicht nur die Gäste Ehrfurcht vor den großen Modemacher:innen des 20. Jahrhunderts hatten, sondern auch die Modemacher:innen dem Urteil ihrer Gäste eine ähnliche Art von Wertschätzung entgegenbrachten? Und, als eine einzige Modenschau wirklich noch eine stilistische Wende bringen konnte, nach der sich alle in der folgenden Saison richteten? Mit anderen Worten: Als die künstlerische Arbeit eines:r Designers:in wichtig war. Wichtiger, als die Frage, wie klug er:sie vermarkten kann.
This article appeared first in ACHTUNG Nr. 42 (Fall/Winter 2021).

