Stoffsammlung: It’s Anna’s World

Das hat sie jetzt nicht getan, oder?

Vielleicht war es dieses eine Foto, was einen endgültig zum Grübeln brachte. Das sich einem mit Unglauben ins Gehirn einbrannte. Das hat Anna jetzt nicht getan, oder? Jeff Bezos, Amazon-Gründer mit einem Vermögen von 200 Milliarden US-Dollar, und seine Verlobte Lauren Sánchez im weißen Tanktop, T-Shirt und Jeans als typische US-Amerikaner:innen der Working Class, als Repräsentanz des American Dreams, als Cowboys inszeniert? Fotografiert von Annie Leibovitz für das Dezember-2023-Cover der US-Vogue.

Jeff Bezos und seine Verlobte Lauren Sánchez für die Dezember 2023 Ausgabe der amerikanischen Vogue 

Was Anna, ihres Zeichens Chefin der amerikanischen Vogue, uns damit sagen wollte? Man weiß es nicht. Vielleicht sollte man das Ganze als ironischen Abgesang auf den „Amerikanischen Traum“ interpretieren. Oder doch nur als kleinen, nicht allzu ernstzunehmenden Freundschaftsdienst für den drittreichsten Mann der Welt. Schließlich ist man schon seit 2020 BFF (best friends forever), zeigt sich regelmäßig beim gemeinsamen Lunch in New York, sitzt zusammen in der Front-Row bei Tom Ford. Überhaupt, die guten Freunde: Bradley Cooper fragt sie nach ihrer Meinung zu Drehbüchern, Joe Biden und Hillary Clinton nach Fundraisern, Serena Williams bat Anna Wintour um Rat für ihr Hochzeitskleid, Tennis- Profi Roger Federer ist ihr bester Kumpel. Anzeigenkunden, Brands, Politiker:innen, ja selbst Hollywood, sie alle rufen nicht etwa Condé Nast CEO Robert Lynch an, wenn sie etwas brauchen, they call Anna.

Jeff Bezos, Lauren Sánchez und Anna Wintour bei Tom Ford F/W 2020

Anna ist die Chefin. Sie sitzt bei den Schauen als einzige Chefredakteurin überall Front-Row, abgelichtet von den Kameras, eingerahmt vom CEO der Marke und den Celebrities. Sie ist die Einzige, die nach der Show sofort zum Meet-and-Greet mit dem:der Designer:in hinter die Bühne begleitet wird. Und die Einzige, die durch die Hintertür zu ihrer wartenden Limousine verschwindet. Sogar Einfluss auf die Terminplanung der Modewochen soll sie haben. In London ist die Fashion Week deshalb nur noch fünf Tage, in Mailand sechs. Sollen sich die anderen Redakteur:innen doch durch die enge Taktung der Schauen und Termine kämpfen, sie wollte es so. Und nicht nur das. In den letzten 15 Jahren sind die großen Zeitschriften selbst fast zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft , nicht so die Macht von Anna Wintour. Vielleicht liegt es an dem Zermürbungskrieg, mit dem sie Konkurrenten aus dem inner circle, ihrem Königreich, aus dem Amt gedrängt hat – Graydon Carter, den ehemaligen Chefredakteur der Vanity Fair, oder jüngst Edward Enninful, Chef der britischen Vogue und Wächter über den Editorial Content in Europa. Als schwarzer schwuler Mann entstaubte er die Vogue, machte sie nahbarer, inklusiver, woke. Alles Themen, mit denen Wintour bekanntlich nur wenig anfangen kann, saß sie die öffentliche Debatte 2020 über ihre toxische Unternehmenskultur und Rassismus doch fast so stoisch und eisern aus wie ihr haariger Helm es vermuten lässt. “Den Triumph der alten weißen Frau” bezeichnete die FAZ Enninfuls Wegbeförderung bezeichnenderweise.

Anna Wintour und Edward Enninful

Ihre Rolle bei Condé Nast hat das nur vergrößert. Sie ist nicht mehr nur Chefredakteurin der US-Vogue, sondern auch noch Artistic Director, Condé Nast Global Chief Content Officer und Global Editorial Director of Vogue. Das passt auf keine Visitenkarte mehr. Alles dreht sich jetzt um sie. Und die Met Gala ist wahrscheinlich ihr kolossalster Triumph. Schließlich war sie es, die die Gala von einer spießigen New Yorker Society-Party in eine Nacht verwandelte, die es mühelos mit den Oscars aufnehmen kann. Die Met Gala ist eine einzige Content-Maschine mit einer Reichweite, die weit über den Kreis derjenigen hinausgeht, die ein monatliches Printmagazin in die Hand nehmen. Wen interessieren schließlich noch die Marios (Sorrenti), Bruces (Weber) und Stevens (Klein) dieser Welt? Wer liest noch die Kolumnen von Lynn (Yaeger) oder Hamish (Bowles)? Anna Wintour hat sich weiterentwickelt – weg von den Magazinen, weg von der Mode. Bei Condé Nast gründete man schließlich schon 2011 eine eigene Entertainment-Sparte. Und in dieser dienen die Magazine mittlerweile nur noch als Aushängeschild für das wahre Business: Filmproduktionen (u.a. als Produzent für besagte John-Galliano-Dokumentation), Brand Videos, Merchandise-Artikel (ja, es gibt auch Vogue-Hoodies) und Events wie die Met Gala oder die Vogue World.

Anna Wintour bei der Met Gala 2024

Anna Wintour bei der Met Gala 2022

Für deren neueste Ausgabe hielt Anna Wintour während der letzten Pariser Modewoche übrigens gerade eine Pressekonferenz ab (im Ritz, versteht sich) um das jährlich stattfindende Event in Paris anzukündigen. Am 23. Juni eröffnet die Vogue World die Haute-Couture-Woche kurz vor den Olympischen Spielen zum Thema Mode und Sport. Auf ihrer Website empfiehlt die deutsche Vogue zumindest schon mal „sich bereits jetzt Sonntag, den 23. Juni 2024, in Ihrem Kalender für die Feierlichkeiten vorzumerken“. Wir rufen dann demnächst den offiziellen Vogue-Feiertag aus. Ach so, teilnehmen kann man allerdings an diesem Spektakel nicht. Außer man ist schon Vogue Club Member (für schlappe 30 Dollar im Monat). Oder natürlich BFF von Anna Wintour.

Kendall Jenner und Gigi Hadid ritten Ende Juni für Vogue World in Paris

Katy Perry für Vogue World

This article first appeared in Achtung Mode Nr. 47