Arbesser X Wittmann

Modehaus: Valerie Präkelts Kolumne

Arthur Arbesser hat sich mit seiner eigenen Modelinie bereits eine ganz eigene Welt geschaffen. Bei der Möbelmanufaktur Wittmann muss und will er sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern lässt Klassiker in neuem Gewand für sich sprechen.

Arthur Arbesser fotografiert von Anna Breit in Wien am 1.3.2024 exklusiv für ACHTUNG Nr. 47

Man kann die Zeit nicht anhalten, aber man kann nach Wien reisen. Dort, so scheint es bisweilen, ticken die Uhren ein kleines bisschen langsamer. Woran das liegt? „Wien ist einfach eine Stadt, die manchmal bis zu einem gewissen Grad in der Vergangenheit lebt“, sagt Arthur Arbesser. Zwar hat derModedesigner seinen Lebensmittelpunkt nach Mailand verlegt, allerdings schlägt sein Herz immer noch im Rhythmus der österreichischen Hauptstadt. „Als Wiener ist man per se nostalgischer“, sagt Arbesser, der wieder öfter in Österreich ist, seit er im letzten Jahr die Rolle des Kreativberaters für Wittmann übernommen hat. Das Möbelhaus ist eine österreichische Institution, ein Familienunternehmen mit Produktionsstätte im niederösterreichischen Etsdorf, das es schon seit 1896 gibt. Creative Council lautet sein Titel, das ist Arbesser ganz wichtig; er arbeitet als Berater Seite an Seite mit Head of Design Alice Wittmann, die vor fünf Jahren ins Unternehmen ihrer Eltern zurückkehrte.

Was aber sucht ein Modedesigner wie Arthur Arbesser bei einem Möbelmacher? „Ich bingerade ein wenig abgetan von der Mode“, sagt der Designer mit gleichnamigen Label am Telefon, „sie fühlt sich komischerweise derzeit ein bisschen sinnlos an, sowohl in ihrer Geschwindigkeit als auch in ihrer Masse.“ Unabhängig davon ist die Verzahnung von Fashion und Interior natürlich nicht neu, sie ist ja sogar die Existenzberechtigung für diese Kolumne. Auch ist Arthur Arbesser für die Möbelbranche kein ganz Fremder, er hat unter anderem einen Stuhl für das dänische Label Gubi reinterpretiert, Dessins für Wittmann und Teppiche für CC-Tapis entworfen. Vielleicht sehnt sich einer wie Arbesser, immerhin ein erfolgreicher, aber auch freischaffender Modemacher ohne Konzern im Rücken, also wirklich einfach nach etwas mehr Ruhe.

Da kam die Anfrage von Wittmann also zur richtigen Zeit. Um zu verstehen, wie wichtig das Haus auch für die internationale Möbelszene ist, muss man einen Blick zurückwerfen: Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Sattlerei gegründet. Bis heute ist das familiengeführte Unternehmen das einzige, das die Entwürfe von Josef Hoffmann produzieren darf. Hoffmann war neben Gustav Klimt einer der berühmten Vertreter und Gründer der Wiener Secession, die um 1900 versuchten, sich vom Historismus zu lösen. Er war Mitbegründer der Wiener Werkstätten und des Österreichischen Werkbunds und entwarf für seine Schaffenszeit reduzierte Möbel und Bauten; sachlich und auf Funktion bedacht, obwohl seine „Sitzmaschine“, (ein Stuhl aus Schichtholz und großer Lehne, der in seiner Ästhetik eher an einen Schaukelstuhl erinnert) durchaus auch dekorative und ornamentale Elemente aufweist. Typisch für ihn war es, Holzkugeln an Verbindungspunkten zu montieren, etwa für seinen „Fledermausstuhl“ mit Kufen, der bei Wittmann mit zeitgemäßen Stoffen bezogen wird.

Arbesser berät die Österreicher ganzheitlich, es geht um das Möbelportfolio, um Farben, Materialien, die Kommunikation und den Messeauftritt. Als eine seiner ersten Amtstaten stoppte er bei Wittmann die Uhren – oder besser gesagt: Er drehte sie zurück und vertiefte sich ins Archiv des Herstellers. Archive sind eine wirklich wunderbare Sache, insbesondere wenn es um Möbel und Mode geht: Auf Instagram gibt es diverse Accounts, die nichts anderes machen, als geradezu nostalgisch alte Ausgaben von Architectural Digest, House and Garden, Tatler und World of Interiors zu scannen und diese ins Internet zu schicken.

Arthur Arbesser übernimmt die Rolle des Kreativberaters für die österreichische Möbelmanufaktur Wittmann

„Bei Wittmann gibt es so viele Entwürfe aus den Sechzigern und Siebzigern, die teilweise vielleicht bloß ein paar Saisons lang produziert wurden und dann in Vergessenheit geraten sind. Da gibt es richtige Designschätze – auch berühmte Designer haben für Wittmann entworfen, von Verner Panton bis Hans Hollein.“ Wittmann ist ein Familienunternehmen – ein frischer Blick von außen kann deshalb alten Schätzen neuen Wert verleihen. „Es macht mir großen Spaß, dem nachzugehen und so das eine oder andere alte Design wieder neu zu launchen“, sagt der Modedesigner. „Im April lancieren wir das „Atrium“-Sofa aus den Siebzigern neu, das ist einfach ein kultiges Möbel, das wieder total unsere heutige Sprache spricht.“ Das Sofa fand man zuletzt nur noch auf Vintage-Plattformen wie 1stDibs. Es ist ein ausladender Entwurf mit geraden Linien, das, Kind seiner Zeit, an Entwürfe von Mario Bellini erinnert. Der erlebt dieser Tage eine Renaissance sondergleichen, sein „Camaleonda“ mit den tiefen Polstern und charakteristischen Noppen sieht man inflationär oft.

Spricht man Arthur Arbesser auf sein eigenes Label an, so sagt er, dass es ihm aktuell völlig reiche, alle sechs Monate eine kleine Kollektion zu machen. Ansonsten findet er, dass die Modewelt „sich selbst entzaubert habe“. Und ergänzt: „Die Geschwindigkeit der Mode ist doof. Warum sagt da niemand etwas? Es kann nicht immer mehr sein. Aber natürlich habe ich da auch leicht reden mit meinem kleinen Team, ich muss keine tausend Gehälter bezahlen.“

Atrium Sofa fotografiert von Anna Breit im Wiener Wittmann Showroom

Aber ist es in der Interiorbranche wirklich so viel ruhiger? Immerhin wächst auch hier der Druck: Die Möbelbranche strauchelt nach erfolgreichen Boom-Zeiten während der Pandemie enorm; steigende Baukosten lassen die Nachfrage an Einrichtung und Interiordesigner:innen sinken, Immobilienentwickler:innen melden Insolvenz an. Weil Gleichzeitigkeit aber das Stichwort unseres Jahrzehnts zu werden scheint, wirkt es dennoch so, als wenn Fast Furniture das neue (oder eher: ergänzende) Fast Fashion zu werden. Der chinesische Gigant und Massenwarenproduzent Shein flutet in Berlin ganze Wände mit (analoger!) Plakatwerbung für seine Home-Kollektion (obwohl das natürlich in einer ganz anderen Welt als die des Luxusmöbelmarkts stattfindet.)

Irgendwann einmal gab es für die Designbranche lediglich eine Handvoll an Terminen: die Möbelmesse in Köln, die Maison & Objet in Paris und der Salone del Mobile in Mailand. Allerdings ist der Kalender immer voller geworden, mit kleineren, brandneuen Veranstaltungen wie Matter and Shape in Paris, der Collectible in Brüssel, die Paris Déco Off, dann gibt es die 3 Days of Design in Kopenhagen, die Frankfurter Ambiente, die Design Miami in Basel und Miami – und damit wäre dann auch nur unsere Hälfte der Weltkugel abgedeckt. Der Takt hat zugenommen. Der These, dass das klassische Messekonzept eigentlich ausgedient hat (zu teuer, nicht nachhaltig genug, man kann Neuheiten auch online sehen) steht gegenüber, dass sowohl in der Mode- und der Möbelwelt alle, mehr denn je, sich nach echten Begegnungen sehnen, danach, Dinge live zu erleben, selbst wenn es dabei manchmal nur darum zu gehen scheint, dass sie danach digital ausgeschlachtet werden.

Vielleicht ist Arthur Arbesser also gerade genau der richtige Mann für die Möbelwelt. Es tut gut, gelegentlich zurückzublicken, wenn man dabei das Gegenwärtige nicht aus den Augen verliert. Das weiß er als Wiener. Apropos Wien: Jeden November findet die Vienna Design Week statt. Dort geht es sehr wenig um Abverkauf, viel mehr öffnen die Gestalter:innen der Stadt ihre Ateliers und laden zu Vorträgen, Ausstellungen und Performances. Am Abend kann man gepflegt in einem Wiener Kaffeehaus debattieren, wie es ums Design so steht. Wer am nächsten Tag, mehr oder weniger ausgeruht, eine der großen Wiener Institutionen besucht, Lobmeyr, Carl Auböck oder auch Wittmann, der merkt, dass längst noch nicht alles verloren ist. Schön ist sie nämlich, die Welt der Möbel. Kein Wunder, dass so viele davon etwas abhaben möchten.

This article first appeared in ACHTUNG Nr. 47 “Family: The New Generation”