
Man kann es sich kaum noch vorstellen: Im vergangenen Jahr fand die Berliner Modewoche doch wirklich im September statt, als niemand mit ihr rechnete und alle Welt auf den Saisonbeginn in New York, London und Mailand starrt. Und die Frühjahrssaison war im März abgelaufen, als niemand mit ihr rechnete und jede:r sich noch von Paris erholte. In diesem Jahr ist alles anders, und das ist auch gut so. Im Januar war es so weit, und im Juli geht es weiter. Wie früher. Und wie früher, so finden auch in diesem Jahr die Modemessen Premium und Seek, die zwischenzeitlich nach Frankfurt abgewandert waren, wieder parallel statt. (Und nicht etwa zeitversetzt, was uns auch nicht mehr gewundert hätte.)
In Berlin herrscht eine neue Nüchternheit, endlich. Der Hauptsponsor der Modewoche, Mercedes-Benz, ist nach 15 Jahren abgesprungen. Jetzt müssen eben alle zusehen, wie sie weiterkommen, allen voran der Fashion Council Germany und der Berliner Senat. Der Januar war ein ganz gutes Zeichen dafür, dass es geht. So gewann der Berliner Salon nach dem Abschied vom klassischen Format am Kulturforum in den Kant-Garagen an street credibility. Immerhin 44 Teilnehmende stellten in dem alten Parkhaus aus, unter ihnen Labels wie Société Angelique und Fassbender. Und auch einige solide Schauen spendeten ein Gefühl der leisen Hoffnung, dass in Berlin noch nicht alles verloren ist: Rianna + Nina nutzten ihr erstes Defilee für einen hemmungslosen Überschwang an Farben, Mustern und Lebensfreude. Odeeh, seit Jahren eine der wenigen festen Größen, ließ es ebenfalls mustergültig krachen. Malaikaraiss trat wie immer bescheidener auf, erstmals mit einer Brautmoden-Kollektion. Und wenn diese kleine Zuspitzung mal ausnahmsweise erlaubt ist: Wenn Malaika diesen Stil durchhält, wird sie neben Kaviar Gauche eine der ganz wenigen ernstzunehmenden Brautmodeanbieter:innen in Deutschland werden. Auf ganz andere Art feierlich Lucas Meyer-Leclère, der in der Marienkirche handbemalte Looks präsentierte, und der ukrainische Designer Jean Gritsfeldt, dessen disparate Schau immerhin zum Zustand seines Landes und seiner Seele einen guten Kommentar abgab.
Ansonsten auch große Marken wie Marc Cain, Abendempfänge wie zum zehnjährigen Jubiläum des F.A.Z.-Magazins, Dinner noch und nöcher im Borchardt und im Grill Royal. Was fehlte, waren wieder einmal Blockbuster-Schauen. Warum macht Puma ein Event in New York und nicht in Berlin? Wo ist Boss? Was macht Adidas so? Nein, wir brauchen keine Beyoncé, keine Rihanna, keinen Kanye und nicht einmal Ye. Aber ein bisschen große weite Welt made in Germany wäre nicht schlecht. Es gibt ja auch tolle neue Locations. Der Fashion Council Germany lud zum Beispiel ins Papillon. Und man kann es nicht anders sagen: In dem neuen Restaurant am Bahnhof Zoo vibrierte es. Zugegeben: Es lag nicht nur an der guten Stimmung einer Modestadt, die sich wieder berappelt. Es lag vor allem an den S-Bahnen, die, vom Hansaplatz und vom Tiergarten kommend, über das feine Restaurant in der ehemaligen Lackiererei donnerten. Soll niemand sagen, dass sich in Berlin nichts bewegt!
This article first appeared in ACHTUNG Nr. 45 “Neben Saison”



