
First published in ACHTUNG 49 Mode Als Opposition
Wie viel Politik verträgt die Mode?
Und wie viel Mode verträgt die Politik?

Von der Generation Slim Fit ist knapp zehn Jahre später nicht mehr viel übrig – sie wirkt mittlerweile wirklich slim. Wir erinnern uns an das Jahr 2017: ein paar junge, charismatische Männer standen damals von Berlin bis Ottawa für einen neuen Typus Politiker. Justin Trudeau in Kanada, Emmanuel Macron in Frankreich, Sebastian Kurz in Österreich und Christian Lindner in Deutschland. Sie trugen schmal geschnittene Hemden, über denen schmal geschnittene Anzüge saßen, häufig noch mit schmalen Krawatten obendrauf. Damit standen sie schon optisch für ein neues Kapitel der Macht. Was für eine selbstverständliche Form von Männerschönheit im Vergleich zu der Brioni-Ära ein Jahrzehnt zuvor, als zumindest in Deutschland, mit Gerhard Schröder, der letzte Mann mit Amt und Rang übertrieben in seinen Look investiert hatte. Dann drang diese neue Klasse gutaussehender Männer in die Spitzenpolitik, die nicht allein ihre Botschaften vermarktete, sondern auch sich selbst auf großen Bühnen wie kleinen Bildschirmen (via Twitter, Instagram und Snapchat). Erst an dritter Stelle warben sie für ihre jeweiligen Parteien. Sie waren auf dem besten Weg, Popstar-Politiker zu werden. Die Grenzen zwischen Politik und Populärkultur – und damit auch Mode – verschwanden zusehends. Das lag nicht allein an diesen Slim-Fit-Politikern. Rückblickend gab es damals auch ungewöhnlich viele mächtige Frauen, Angela Merkel, Theresa May und auch Nicola Sturgeon, die schottische Regierungschefin zu der Zeit, gehört in diese Reihe. Hillary Clinton war im Jahr zuvor lange Zeit auf gutem Weg gewesen, die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden. Und der Mann, der stattdessen ins Weiße Haus eingezogen war, befeuerte die Gegenbewegung politischen Pops für die junge, gebildete, urbane Masse nur noch.


Da war nicht allein die Generation Slim Fit, sondern bald auch die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez mit beerenrotem Lippenstift. Nancy Pelosi, damals Sprecherin des Repräsentantenhauses, sendete optische Botschaften mit ihren Power-Mänteln. Die Rede war auch vom Power-Pantsuit, vom politischen Bob und politischen Pink, vom Suffragetten-Lila und Suffragetten-Weiß. Es war viel los. Politiker:innen öffneten sich für den schönen Schein der optischen Schönheit. Mit der Wahl von Donald Trump gingen aber auch auf einmal viele Modemachende auf die Straße. Mode vertrug sich nicht nur mit Politik, Politik vertrug sich auch so gut mit Mode wie schon lange nicht mehr. Die pinkfarbenen Pussy-Hats, mit denen Millionen Frauen gegen Trump demonstriert hatten, tauchten vier Wochen später in der Schau von Angela Missoni in Mailand auf. 1.500 Mützen hatte die Modemacherin insgesamt nähen lassen, als Zeichen, dass sie es, trotz aller Zweifel, die im Unternehmen über die Aktion geäußert wurden, wirklich ernst meinte. Auf jedem Platz lag ein Pussyhat bereit, die Models liefen mit Pussyhat auf dem Kopf über den Laufsteg, und im Anschluss hielt Angela Missoni, im Kreis ihrer Mutter Rosita und ihrer Töchter Teresa und Margherita eine kurze Rede über Frauenrechte. Wie zum Beweis, wie viel die Missonis von ihrem Strickhandwerk verstehen, hatten sie den Original-Pussyhat-Entwurf sogar noch optimiert, die Ohren zeigten nicht nach unten wie bei den Demonstrationen. Angela Missoni wollte stehende Ohren und bekam sie, dank einer Falte in der Mitte. Auch wenn damals niemand Donald Trump beim Namen nannte, kam die Message an. Donatella Versace arbeitete mit den Begriffen „loyalty“, „courage“, „unity“ und „power“. „Fearless“ wurde allgemein zum beliebten Hashtag auf Instagram.
Nur was folgte auf Donatella Versaces Feminismus-Phase? Auf Angela Missonis Hommage an den Pussyhat? Kleider natürlich. Etliche Kollektionen, mal stärker, mal schwächer, häufig nichtssagend, jedenfalls ohne politische Aussagen. Nichts, was an die Mode von Vivienne Westwood und Miuccia Prada im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert heranreichen konnte, die mit politischer Vorbildung und ihrer persönlichen Agenda an die Arbeit gegangen waren. Das waren Frauen, die wie Westwood das Kunststück vollbrachten, noch spät in ihrer Karriere die shoppingsüchtige Carrie Bradshaw in Sex and the City mit einem Hochzeitskleid auszustatten und zugleich die Überproduktion von Mode glaubwürdig anzuprangern. In einer Zeit, als sonst kaum jemand die Eisbären im Blick hatte. Oder die, wie Prada und auch Jil Sander, konsequent gegen alle Klischees anschneiderten, die andere Frauen über Jahrhunderte zurückgehalten und kleingehalten hatten. Was für ein politischer Akt! Insbesondere im Vergleich zu, sagen wir, jenen roten Lippenstift aufzutragen, der dann als solcher in den Zehnerjahren und bis heute in den sozialen Medien gefeiert wird. Und jetzt? Sicher, da war kurz nach dem Überfall der Hamas die mutige und letztlich einzigartige Stellungnahme in der Mode von Benjamin Alexander Huseby und Serhat Işik in Paris. Eigentlich hatten die GmbH-Designer aus Berlin, ehemalige Einwandererkinder mit norwegisch-pakistanischen und türkisch-deutschen Wurzeln, zur Schau in Paris während der Herrenmodewoche geladen. Nun aber redeten sie vor ihrem Defilee nicht drumherum, sondern benannten die „Besatzung“, forderten „Geiselfreilassung“ und „Waffenstillstand“ und kritisierten Deutschlands ungelenken Umgang mit palästinensischen, jüdischen und schwarzen Künstler:innen. Ansonsten: Stille!


Klar, andernorts, in Amerika, zur New Yorker Modewoche vergangenen September, zwei Monate, bevor wieder Wahlen anstanden, flammten die Designer:innen noch mal ihre Botschaften ab. Beim sogenannten „non-partisan march“ zum Auftakt der Fashion Week machten sie eben doch deutlich, für wen sie mehrheitlich gekommen waren. Am Ende sprach Jill Biden. Und ganz am Ende reichte es bekanntlich nicht für die Demokraten. Wenn schon Taylor Swift die Massen nicht mobilisieren konnte. Zur Anti-Trump-Haltung von 2017 gehörte damals auch, dass einige Designer:innen erklärten, die First Lady auf keinen Fall auszustatten, darunter Marc Jacobs, Phillip Lim, Tom Ford. Solche Aussagen fehlen heute. Stattdessen herrscht vornehme Zurückhaltung unter den meisten Modeleuten. Denn das Beispiel von Trumps zweiter Präsidentschaft zeigt auch, dass die Zeiten ernster geworden sind. Und unübersichtlicher. Wie als Modemacher:in reagieren, wenn das halbe Land resigniert ist und die andere Hälfte die politische Ordnung als wiederhergestellt empfindet? Die Brandmauer der Mode jedenfalls ist schon durchbrochen: Das Team von Oscar de la Renta teilte aufwendiges Making-off-Material aus den Ateliers an der Arbeit an Ivanka Trumps perlenbesticktem Abendkleid zum Dinner der Amtseinführung. Auch für Usha Vance persönlich arbeiteten die Näherinnen von Oscar de la Renta. Und wenn sich bei der Amtseinführung die reichsten Männer des Planeten in der Rotunde des Kapitols versammelten, dann fehlte auch LVMH-Chef Bernard Arnault samt Ehefrau Hélène, Tochter Delphine (Dior) und Sohn Alexandre (Moët Hennessy) nicht.
Ein popkulturelles Momentum sieht anders aus. Auch fashion moments bleiben damit aus. Wer die Lieblichkeit von Usha Vances Rosa-Look bei der Amtseinführung thematisiert, wer Pete Hegseth für seine gut geschnittenen Anzüge lobt, lenkt von der Hässlichkeit der Politik dieses Lagers ab. So auch hierzulande: Kann man Friedrich Merz noch modisch betrachten, also zum Beispiel seine Brille und Krawatten thematisieren, wenn dessen Fünf-Punkte-Plan die letzten Wochen des Wahlkampfes dominiert? Und während Instagram Ende Januar, mit Anbruch der Berliner Modewoche, voll war mit Stellungnahmen zum Migrationsplan der CDU, während an jenem Wochenende allein in Berlin schätzungsweise 160.000 Menschen zum Demonstrieren auf die Straße gingen, äußerten sich die Berliner Designer:innen, viele von ihnen Kinder von Einwander:innen, im Rahmen ihrer Schauen nicht nennenswert. Mit Mode ist gerade noch weniger Politik zu machen als eh schon. Und mit Politik offenbar keine Mode. Auch aus der Generation Slim Fit sind am Ende keine großen Politik-Popstars geworden. Emmanuel Macron – steckt jetzt im wohl schwersten Jahr seiner zwei Amtszeiten. Sebastian Kurz –ist nach einem Schuldspruch im Prozess um Falschaussagen im ver- gangenen Jahr politisch am Ende. Christian Lindner – mal sehen, ob seine Partei es überhaupt in den Bundestag schafft. Justin Trudeau – hat im Januar seinen Rücktritt angekündigt. Pierre Poilievre, der konservative Oppositionsführer mit trumpschen Zügen, könnte bald an seine Stelle treten. Kein Popstar, sondern ein Populist.


