
„Auf dem roten Teppich geht es nicht um Individualismus“ – Theresa Gross
Stylistin Theresa Gross hat sich bewusst vom Red-Carpet-Styling verabschiedet. Im Interview erklärt sie, warum der deutsche rote Teppich wenig Raum für Individualität lässt, wieso Hollywood-Stars wie Zendaya hierzulande undenkbar sind – und was sich ändern müsste, damit Mode in Deutschland wieder aufregender wird.
Isabell Gielisch: Theresa, du lebst seit vielen Jahren in Berlin. Wie bist du überhaupt zum Styling gekommen?
Theresa Gross: Ich habe mit 14 schon in Modeläden gearbeitet, weil mir klar war: Ich will in diese Branche. Später bin ich nach Berlin gezogen und habe – eher widerwillig – Modedesign studiert, weil ich damals dachte, das sei der einzige Weg. Aber schnell habe ich gemerkt: Das ist überhaupt nicht meins. In einem Laden, in dem ich gearbeitet habe, bin ich dann zufällig mit Styling in Berührung gekommen. Meine Chefin hat das gemacht, ich habe ihr assistiert – und mir sofort gedacht: Das kann ich besser. Bald kamen Anfragen für Musikvideos, irgendwann habe ich mich selbstständig gemacht. Das ist jetzt neun Jahre her.
IG: Du hast im Laufe deiner Karriere bereits verschiedene deutsche Celebrities und Schauspieler:innen für den Red Carpet gestylt. Allerdings hast du dich dann relativ schnell bewusst dagegen entschieden. Warum?
TG: Weil ich schnell gespürt habe, dass der Red Carpet nicht zu meiner Arbeitsweise passt. Dort gibt es extrem viele Regeln und Instanzen, die mitreden: Managements, Brands, Prestige. Alles ist sehr stark vorgegeben. Ich folge aber keinen Regeln, ich will frei arbeiten, Spaß haben, intuitiv entscheiden. Auf dem roten Teppich geht es um Sicherheit und darum, nicht anzuecken. Das widerspricht meinem Ansatz von Styling.
TG: Dass es kaum um Individualität geht. Schauspieler:innen sind eine Art „Blank Canvas“, sie müssen für viele Rollen und Marken funktionieren. Die meisten tragen aktuelle Looks von Dior, Prada oder Chanel – das signalisiert Status, ist aber modisch uninspirierend. Mich langweilt es, wenn alles nach Vorschrift abläuft. Ich liebe es, aus verschiedenen Jahrzehnten zu mischen, Archive zu nutzen, ganz eigene Looks zu kreieren. Auf dem Red Carpet ist das so gut wie unmöglich. Und wenn du ausgestattet wirst, ist der Look normalerweise von Kopf bis Fuß eine Marke. Für mich ist das kein Styling. Das ist einfach jemandem einen Look vom Runway anziehen.
IG: Wenn wir in die USA blicken, zeichnet sich ein anderes Bild: Die Looks sind spektakulärer. Schauspielerinnen wie Zendaya sorgen regelmäßig mit ihren außergewöhnlichen Premieren-Looks für Schlagzeilen. Warum funktioniert das in Deutschland nicht?
TG: Ganz einfach: Reichweite. Hollywood-Premieren sind weltweite Medienereignisse. Wenn Zendayas Stylist Law Roach bei Mugler anklopft, öffnen sich die Archive mit Kusshand – weil die Marke weiß, dass die Bilder um die Welt gehen. In Deutschland sind Premieren winzig im Vergleich. Der Markt ist kommerziell schlicht zu unbedeutend. Dazu kommt die Mentalität: Wir sind konservativ, wollen nicht auffallen, lieber „zu langweilig“ als zu riskant.

Zendaya wearing ’90s archival Mugler for the premiere of Dune
TG: So hart es klingt: Nein. Ja, wir haben eine Vogue – aber die ist sehr konservativ. Ich persönlich würde nie die deutsche Vogue aufschlagen, um mich modisch inspirieren zu lassen. Dafür gibt es andere Quellen. Die Berliner Fashion Week hat zwar einen rebellischen Charme, aber global zählt Paris. In Berlin sitzt niemand in der ersten Reihe mit einem spektakulären Outfit, in Paris dagegen schon. Und genau das lässt sich auch auf den roten Teppich hier übertragen: Alles bleibt safe. Letztens war ich in New York und dort habe ich gemerkt: Wer Geld hat, zeigt es. Wer einen Spleen hat, trägt ihn nach außen. In Deutschland ist es das Gegenteil. Hier spricht man nicht über Geld, niemand trägt fetten Schmuck oder Uhren. Diese Zurückhaltung prägt auch den roten Teppich: Lieber unauffällig, als auffallen und kritisiert werden. „Rather blending in than standing out“ – das ist typisch deutsch.
IG: Woran liegt es aber, dass sich der modische Mut der Berliner Fashion Week nicht auf dem Red Carpet widerspiegelt?
TG: Die Berliner Designer:innen nehmen sich die Freiheit, eben nicht Paris sein zu müssen, sondern für Kreativität und einen DIY-Charakter zu stehen. Das finde ich total inspirierend. Es wäre schön, wenn sich diese Mentalität auch auf den roten Teppich übertragen würde. Zu sagen: Wir sind zwar nicht in Amerika, aber genau deswegen nehmen wir uns die Freiheit heraus, das zu machen, was wir wollen. Aber viele wollen einfach nicht anecken, sie wollen sich wohlfühlen und einen netten Abend haben. Was ich persönlich auch total nachvollziehen kann! Es ist auch total okay zu sagen: Meine Performance ist die performance on the screen.
From Theresa Gross’ Instagram @theresagrs
TG: Mehr Freiheit und weniger Regeln. Ich vergleiche mein Arbeiten gern mit dem eines DJs: Ich picke mir aus allen Jahrzehnten und Stilrichtungen das Beste heraus und mixe daraus etwas Neues. So entstehen Looks, die überraschen, die vielleicht sogar irritieren – und genau das macht Styling interessant. Auf dem roten Teppich ist das nicht möglich, weil dort niemand „komisch“ wirken möchte.
IG: Welche Red-Carpet-Looks sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?
TG: Kein konkreter Look, aber wenn ich an die Oscar-Looks aus den 90ern denke: Da waren die Menschen viel mehr sie selbst. Unaufgeregt, nicht so kuratiert, nicht so perfektioniert wie heute. Frauen hatten noch normale Gesichter, schiefe Zähne, wenig Make-up. Es gab keinen Instagram-Druck, der jeden Auftritt sofort viral macht. Heute hat jeder Angst, am nächsten Tag in der Presse zerrissen zu werden. Das nimmt den Looks Leichtigkeit und macht den roten Teppich – in Deutschland, aber auch international – weniger spannend.
IG: Glaubst du, dass sich das irgendwann wieder ändern wird?
TG: Alles läuft in Zyklen. Ich beobachte schon jetzt eine Rückkehr zu natürlicheren Looks. Meine Hoffnung ist, dass Menschen nicht mehr jedem Trend hinterherrennen, sondern überlegen: Was funktioniert langfristig für mich? Wie kann ich mit meinem eigenen Körper arbeiten statt gegen ihn? Wenn wir dahin zurückkommen, wäre auch der rote Teppich wieder inspirierender.

