
Bemerkenswert eigentlich, dass er immer noch als einer der „jungen Wilden“ gilt, seinen Stil aber seit 24 Jahren durchzieht. Hart und weich, männlich und weiblich, Bomberjacke und Abendkleid.
Von einem Comeback zu schreiben bei einem Designer, der so in der Mode der Gegenwart verankert ist wie Lutz Huelle, ist also irgendwie bizarr. Und doch scheint es der unsichtbare Diktator namens Zeitgeist mit Huelle seit der letzten Saison besonders gut gemeint zu haben. Da formulierte Vogue’s Nicole Phelps nämlich das aus, was schon längst viele denken: „Is Lutz Huelle Paris’ most underrated designer?“ Schließlich kreiert der Remscheider mit Sitz in Paris schon immer die „echte Kleidung“, über die auf einmal alle in ihrem Marketing-Bla-Bla sprechen, mit nicht vielen Ressourcen, dafür aber mit einer Menge kreativer Brillanz, cleveren Ideen und so viel euphorischer Freude am Tun, dass man bei seinen Shows am Ende fast selbst mit auf den Laufsteg springen will, um ihn in seiner Begeisterung zu umarmen.

Karoline Schuch wearing jacket and blouse LUTZ HUELLE photographed by Julia von der Heide for ACHTUNG 47

Eliza Kallmann wearing jacket LUTZ HUELLE photographed by Laura Schaeffer for ACHTUNG 46
Während also andere Designer:innen jede Saison aufs Neue Inspirationen suchen, ist das für Huelle einfach: Der Ausgangspunkt ist immer die Kollektion davor. Kollektionen bauen aufeinander auf, ihre Geschichte ist eine ähnliche, sie entwickeln sich weiter und letztendlich basiert alles auf der Idee, kleidsame Identitätshüllen zu zeigen, die die Art, wie wir uns kleiden, hinterfragen. Warum sind bestimmte Sachen so, wie sie sind? Muss das so sein? Kann man das nicht auch anders machen? Die Antworten liefert Huelle eingewebt in Stoff. So bedruckt er Recycled-Jeans mit Gold, verwandelt steife Männerhemden dank Spitze in subtile Cocktailkleider, verleiht schlichten Jersey-Shirts pinke Puffärmel – macht nicht auf tragbar oder auf avantgardistisch, sondern bewegt sich vielmehr auf der schmalen Naht zwischen dem Willen, etwas dauerhaft Eigenes zu schaffen, und dem Wunsch, dass das auch anderen Menschen gefällt.
Huelles Radikalität liegt oftmals darin, dass sie gar nicht so radikal ist. „Die winzige Verdrehung der Wirklichkeit“, so wie Huelle es fast spitzbübisch nennt. So bleiben seine Entwürfe verständlich. Denn genau in diesem Spannungsfeld – Bruch mit Bekanntem, Beibehaltung von Bewährtem – entsteht ja im Grunde jene Mode, die ihren Weg letztlich in die Kleiderschränke anspruchsvoller Kund:
innen finden will. Genau das macht sie aus, die Attraktivität seiner Kleidung.
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