Stoffsammlung: Mode und Rechtsextremismus
Wie Kleidung instrumentalisiert wird
January 8, 2025

„Fashion has been weaponized“. Das schrieb schon die Washington Post zu den erschreckenden Bildern der Unite the Right-Demonstration in Charlottesville, Virginia, im August 2017, bei der gewaltbereite Rechtsextremist:innen gegen die Entfernung einer rassistischen Statue protestierten. Feuerfackeln, heftige Auseinandersetzungen und eine durch ein Attentat getötete Gegendemonstrantin – und die Kleidung. Menschen in fein gebügelten Hemden, bedruckten Shirts, manche sogar in Anzügen. Ist das ein Problem? Ja, eines von vielen, schaut man sich den neuen, aufstrebenden Rechtsextremismus an.
Symbolische Erkennungsmerkmale sind oft der schnellste Einstieg in eine neue Bewegung und im Rechtsextremismus ist es nicht anders – ein leichter Weg, Widerstand gegen den so verhassten Mainstream auszudrücken. Früher war das auch schnell zu erkennen. Glatze + Springerstiefel + Bomberjacke = rechtsextrem. Aber wer noch immer denkt, nach einem Straßenwechsel bei der Sicht eines Mannes mit diesen rechtsextremistischen Codes sicher zu sein, hat leider in den letzten 20 Jahren nicht aufgepasst. Nicht auf den ersten Blick oder nur für ihresgleichen erkennbar zu sein, ist vielen Neonazis leider genauso wichtig wie menschenverachtendes, rassistisches Gedankengut zu verbreiten. Schon seit den frühen 2000ern bewegen sich rechtsextreme Jugendliche immer mehr weg von schnell zu erkennenden Skinheads hin zu modischen, beliebten Marken – natürlich nicht ohne das gewisse rechtsextreme Flair. Besonders beliebt bei Faschisten ist die Marke Thor Steinar. Stil: hochwertig, schick, sportlich – die Marke ist nach außen hin ebenso dezent gestaltet wie sie eindeutig nach innen rassistische und faschistische Botschaften verbreitet. Obwohl „dezent“ in diesem Fall auch eher eine Definitionsfrage ist. Derzeit findet man im Online-Shop T-Shirts mit dem Ausruf „Save the white continent“, darunter dann ein Orca gedruckt. Das ist ungefähr das Maß an Respektlosigkeit und Einfältigkeit, das man hinter Thor Steinar erwarten darf. Ansonsten zur Auswahl: ein T-Shirt aus einer Kombination der Tyr- und Siegrune, inmitten eines Adlers, der dem Reichsadler gefährlich nah kommt. Beide Runen wurden schon in der NS-Zeit genutzt, die Verwendung ist übrigens strafbar. Das scheint die Käufer:innen allerdings herzlich wenig zu interessieren. Ähnlich beliebt bei Neonazis ist Consdaple, der Name der Marke ist hier keineswegs zufällig gewählt: Er enthält die Buchstabenreihenfolge „NSDAP“ und wenn man ein Shirt mit großem Aufdruck der Marke unter einer offenen Jacke trägt, werden die ersten und letzten beiden Buchstaben versteckt. Käufer:innen können sich also gängige Kleidungsstile aneignen und ohne Angst vor Konsequenzen Gleichgesinnten auf offener Straße Signale senden.

Rassistisches “Save the white continent” T-Shirt von Thor Steinar

Mit einer übergeworfenen Jacke wird die wahre Message der Marke Consdaple sichtbar
Es gibt aber auch Marken, die ihren Ursprung nicht in der rechtsextremen Szene haben, aber durchaus als Erkennungsmarken unter Neonazis gelten. Lonsdale zum Beispiel, die waren Vorbild für Consdaple, da die Buchstabenreihenfolge „NSDA“ im Markennamen enthalten ist und das genug ist, um ein Naziherz höher schlagen zu lassen. Oder die Marke Fred Perry, besonders deren Polohemd mit Lorbeerkranz und besonders das mit dem Kragen in schwarz-weiß-rot, die Farben der Reichsflagge. Ansonsten beliebt unter Faschist:innen ist die kommerziell erfolgreiche US-amerikanische Marke Alpha Industries, weil das Logo dem verbotenen Zivilabzeichen der SA ähnelt und die Schuhmarke New Balance, das „N“ an der Seite des Schuhes wird dann gerne als „Nazi“ gelesen. Diese Marken versuchen allerdings, sich aktiv von rechtem Gedankengut zu distanzieren. Im Webshop von Lonsdale findet man Shirts mit dem Aufdruck „Lonsdale London against racism and hate“ und „Lonsdale loves all colors“, das könnte bei Neonazis durchaus auf Unverständnis stoßen. Der Fakt, dass Fred Perry Jude war, scheint an den meisten rechtsextremen Stilikonen ebenfalls komplett vorbeigegangen zu sein.
Das Erscheinungsbild von Neonazis hat sich verändert. Nach der Unite the Right- Demonstration in Charlottesville konnte man online oft lesen, dass die faschistischen Protestierenden „nett angezogen“ und „höflich und adrett“ aussehen. Und genau da liegt das Problem.
This article first appeared in ACHTUNG Mode Nr. 48

