
Man muss sich dieses Wort einmal so richtig auf der Zunge zergehen lassen. Madame, das klingt so schön nach Ehemann und Ehefrau statt LGBTQ+, nach Mannequin statt Model, nach Küche statt Karriere. Kurzum: nach den guten alten Zeiten. Oder wie man in Verlags- und Medienkreisen zu pflegen sagt, nach pre-Internet era. Eine Ära ohne Online-Magazine, Blogger, TikToker, Instagram. Eine verdammt gute Zeit, in der Zeitschriften den Frauen noch auf den Leib diktieren konnten, was der „letzte Schrei“ aus Paris sei und in der die Hefte vor allem noch prall mit Anzeigen gefüllt waren.
Die Madame, Deutschlands wahrscheinlich älteste Frauenzeitschrift, die diesen März 70 Jahre alt geworden ist, stammt exakt aus jener Zeit. 1952 erschien sie erstmalig als Zeitschrift für die gepflegte Frau, Lektüre für den Friseurbesuch, sozusagen. Zur Jubiläumsausgabe hievte Petra Winter, seit acht Jahren Chefredakteurin der Madame, nun die 82-jährige Tina Turner auf das Cover. Und fragen durfte man sich dabei schon, wo hier bitte die vermeintliche Verbindung zwischen dem Münchner Traditionsblatt und dem Rockstar besteht, außer vielleicht das Altern irgendwie gerade sexy ist (insbesondere bei einer Leserinnenschaft um die 47+). Jedoch allein die Tatsache, dass das Magazin Anfang des vergangenen Jahres vom Zeitschriftftenverlag Bauer aus Hamburg an die Münchner Agentur Looping Group verkauft wurde, bietet genügend (Zünd-)Stoff für die Aufklärung dieser auf den ersten Blick nicht ganz einleuchtenden Kombination. Denn auf der Internetseite der Looping Group liest man viel von ambition, bravery, collaboration und upps!, dass ihr Chef Dominik Wichmann ebenfalls die Biografie That’s My Life von Tina Turner produziert und mitgeschrieben hat. Da passt es doch prima, dass sich in dem neuerworbenen Heft auch gleich mal die eigene publizierte Biografie mit dem Cover des hauseigenen Magazins vermarkten lässt. Win-win also.

Tina Turner am Cover der 70-Jahr-Ausgabe der Madame
Schon beim Erwerb von Madame hatte Wichmann verlauten lassen, das Heft könnte für die Looping Group zu einem Türöffner für den Luxusgüter-Markt werden, seitdem beteuert man allerdings lieber gegenseitig die Unabhängigkeit voneinander. Nur zum Verständnis, die Looping Group wurde 2014 von Dominik Wichmann, seines Zeichens elf Jahre Chefredakteur des SZ Magazin und drei Jahre des Stern, zusammen mit drei Partnern keineswegs als Verlag, sondern als Marketing- und PR-Firma gegründet. Entwickeln tut die Agentur mit Standorten in München, Berlin, Hamburg und London u.a. Corporate-Hochglanzmagazine und Digitalkonzepte für Mercedes-Benz, den Versicherer Ergo oder die Messe München. Wer weiß, vielleicht ist dies aber auch die goldene Zukunft des Print-Markts, das Heilmittel gegen alles Magazin-Sterben? Keine klassischen Verlage, sondern Content-Agenturen als Herausgeber von selbst unabhängigen Zeitschriften. Werden doch schon jetzt die Lifestyle-Beilage des immerhin großen Spiegel (S-Magazin, Brookmedia) und des wirtschaftsträchtigen Handelsblatt (Monsieur, ebenfalls Looping Group und ebenfalls Editorial Director Petra Winter) keineswegs mehr von der Stamm-Redaktion produziert, sondern von externen Agenturen.
„Verzweiflung ist kein guter Ratgeber, Hoffnung dagegen schon“, lautet bezeichnenderweise dann auch einer der prägenden Sätze aus dem Interview mit Tina Turner in der Madame. Und das muss man Petra Winter lassen, sie gibt zumindest nicht auf. Allein unter ihrer Regie hat das Münchener Traditionsblatt schon drei Mal den Besitzer gewechselt (Vision Media, Bauer Verlag und nun die Looping Group) und bleibt doch oder vor alledem, weil es nicht wie die deutsche Elle, Harper’s Bazaar oder Vogue Ableger einer internationalen Marke ist, eine Ausnahme im deutschen Frauenzeitschriften-Markt. Das macht den Job seiner Chefin nicht gerade einfacher. Und das peinliche Cover-Gate vom Dezember 2021 wiederholt sich hoffentlich nicht noch mal, als die deutsche Elle und Madame das gleiche, für die spanische Elle produzierte Victor-Demarchelier-Foto benutzten und Winter sich als Schützerin von Bildrechten und nicht Content gebar.
This article first appeared in Achtung Mode Nr. 43

