Stoffsammlung: Kim Kardashian

Our Fair Lady

Erst mal Zahlen: Rund 935.000 Dollar Media Impact Value generierte der Post von Kim Kardashian nach der Couture-Show von Balenciaga, bei der sie als Muse und Model mitgelaufen war. Pures „Social Media Gold“ schrieb Women’s Wear Daily. So kann man das wohl nennen. Die halbe Welt staunte, juchzte, applaudierte. Nur Leuten, die sonst wenig von der Modewelt mitbekommen, rutschte ein beherztes „Äh, geht’s noch?“ heraus, was bis vor ein paar Jahren noch die ganz normale Reaktion auf diese Frau in diesem Rahmen gewesen wäre.

Kim Kardashian für Balenciaga Haut Couture Spring 2022

Doch in der Zwischenzeit ist die 41-Jährige tatsächlich vor unser aller Augen in den High-Fashion-Kanon übergegangen. Und egal, ob man das jetzt gut, bewundernswert oder fatalistisch deprimierend findet – der Plot an sich ist ebenfalls Social Media Gold. Ein modernes Fashion-Märchen, das My Fair Lady der Neuzeit. Oder, weil wir ja als Öffentlichkeit alle an dieser Seifenoper fleißig mitgewirkt haben, nennen wir es am besten „Our Fair Lady“. Statt dem Blumenmädchen Eliza Doolittle ist die Hauptperson hier die Paris-Hilton-Stylistin Kim, Tochter des O.J.-Simpson-Anwalts mit diversen Geschwistern.

Als die ganze Sippe 2007 ihre eigene Reality-TV Show Keeping up with the Kardashians bekommt, ist ihr Auftritt noch ungefähr so ungeschliffen wie das Englisch von Doolittle, der neue Higgins in Gestalt von – ausgerechnet – einem Rapper namens Kanye West. Diese absurde Konstellation würde in keinem Drehbuch durchgehen, aber das echte Leben kennt halt keine Zensur und schreibt die besseren Geschichten.

In Staffel Sieben rückt Kanye also mit seiner Stylistin an, um die Garderobe seiner neuen, modisch noch unterbelichteten Freundin zu entrümpeln. Weg mit den Hervé-Leger-Wurstpellen-Kleidern, LV-Metallic-Taschen, Billig-Blazern und dem geföhnten Stufenschnitt. Rein in – ja was bloß? Anfangs wollen die richtig großen Designer den Reality-TV-Star nämlich nicht mal gegen Bezahlung einkleiden, Kanye muss ordentlich Lobbyarbeit für seine Braut machen. Nur Olivier Rousteing sieht schon, wo die Reise hingeht. Auch Riccardo Tisci bei Givenchy lässt sich erweichen. Sein mit Rosen bedrucktes Kleid, das Kardashian hochschwanger beim Met-Ball 2013 trägt, erntet allerdings vor allem böse Vergleiche mit alten Sofagarnituren. „Kimderella“ bricht in Tränen aus.

Kim Kardashian in Mugler bei der Met Gala 2019

Zum Trost hebt Anna Wintour Kimye 2014 aufs Cover. Thierry Mugler entwirft für sie ein spektakuläres Tropfen-Kleid und prophezeit, dass sie die Ikone der Zukunft ist. Nach und nach kippen fast sämtliche Luxusmarken um. Dressur komplett. Happy End. Aber heute gibt es ja keinen Blockbuster mehr ohne Sequel und „Our Fair Lady“ wird in der Fortsetzung immer noch besser: Während jemand wie Dries Van Noten sie Mitte der Zehnerjahre partout nicht bei seiner Show haben wollte, sitzt sie nun bei Prada und wirbt für Balenciaga. Social Media Gold halt. Aber eines muss man der fleißigen Schülerin lassen: Sie hat ihre Lektionen eisern gelernt, wahrscheinlich gibt es aktuell niemanden, der so bedingungslos alles für einen unvergesslichen Auftritt tut. Selbstdarstellung ist die Rolle ihres Lebens. Ganz oben auf der Bucket List von KK dürften nur noch zwei Buchstaben stehen: CC.

This article first appeared in Achtung Mode Nr. 44

Titel-Illustration von Sarah von der Heide