Stoffsammlung: Kering

Arnault vs. Pinault

Die Krise bei Kering war weit fortgeschritten, als François-Henri Pinault im Juni endlich die Lösung präsentierte. Women’s Wear Daily meldete: „Kering Confirms Renault’s Luca de Meo as New CEO“. In der Headline waren alle Chancen und alle Schwierigkeiten der Berufung knapp zusammengefasst. Denn, Überraschung, im kleinsten Wort der Überschrift lag vielleicht das größte Problem verborgen: Dieses klein geschriebene „de“ ist nämlich ziemlich verdächtig, es riecht nach Aufschneiderei, also nach Problemen. Doch dazu gleich mehr.

Erst mal muss man festhalten, dass Pinault den Ernst der Lage erkannt hat. Gucci hat den Umsatz des Konzerns, zu dem auch Saint Laurent, Bottega Veneta, Balenciaga, McQueen, Brioni, Boucheron und andere gehören, in Schieflage gebracht. Da kann einem schon schwindelig werden, bei 47.000 Mitarbeitenden im Jahr 2024, die mit ihrer Arbeit schließlich auch ihr Leben bestreiten. Einen erfahrenen Manager zu holen, ist da vielleicht eine gute Strategie.

KERING

Luca De Meo soll dem Konzern neue Impulse geben und ihm zu Wachstum verhelfen. Bei Renault hat er schon gezeigt, wie man Marken profitabel macht und Konzerne umbaut. Als erste Person außerhalb der Gründerfamilie, die Kering führt, wird nun viel von ihm erwartet. Der frische Blick schadet gewiss nicht. Die erste große Änderung wird allerdings noch auf Pinault und seinen neuen Gucci-Designer Demna zurückgehen: Francesca Bellettini wurde vor Kurzem zur Gucci-Geschäftsführerin ernannt. Sie hat Saint Laurent groß gemacht – eine Marke, deren Name immer größer war als ihre Umsätze, bis sie schließlich kam. Warum sollte nun auch bei Gucci nicht der Neustart gelingen? Das ist ein guter Anfang. Gut ist auch Pinaults Selbsterkenntnis, dass es die Familie in einem familiengeführten Unternehmen nicht immer allein richten kann.

Sein großer Konkurrent Bernard Arnault hingegen, der den LVMH-Konzern wie im Alleingang aufgebaut hat, schwört weiter auf die Kraft der nächsten Angehörigen. Seine Tochter Delphine ist CEO von Dior, Antoine ist Image Director von LVMH, Alexandre leitet die Wein- und Spirituosensparte von LVMH, Frédéric ist mit 29 Jahren Chef von Loro Piana, und Jean, erst 27 Jahre alt, leitet die Uhrensparte bei Louis Vuitton. Geht es besser? Alle smart, alle super ausgebildet, alle bestens in die Branche eingeführt. Doch, ja, es geht besser. Denn wenn der Patriarch, Gott behüte, eines Tages nicht mehr ist, dann droht Streit in der Familie. Daher ist ein familienfremder Manager auch eine Vorsichtsmaßnahme gegen zu viele Eitelkeiten der Nachgeborenen, gegen schwierige emotionale Verwicklungen, undurchsichtige Entscheidungen und strategische Lustlosigkeit. Man weiß ja seit den Buddenbrooks, wie das am Ende ausgeht.

ARNAULT FAMILY

Alexandre, Antoine, Delphine and Bernard Arnault

Vielleicht könnte in diesem Fall Arnault ausnahmsweise von Pinault lernen. Der Kering-Chef tut gut daran, den Rat von außen zuzulassen. Wenn da nur nicht dieses kleine „de“ wäre! Denn in Wirklichkeit heißt der Italiener natürlich Luca De Meo, mit großem „D“. In Italien ist das ein großer Unterschied: ein „De Simone“ ist einfach nur der „Sohn von Simone“, ein „de Simone“ wäre ein Adeliger. Hat sich Luca De Meo also gewissermaßen einen Adelstitel erschlichen? So weit wollen wir nicht gehen. Aber bei aller positiven Energie im Konzern – dieses große „D“, fast so groß wie das „D“ im neu gestalteten Logo von Dior, geht uns nicht aus dem Kopf und liegt uns schwer im Magen. Vielleicht weiß man in Paris aber auch nicht, wie man das in Italien wirklich schreibt.