Stoffsammlung: Julie Pelipas

Dieses Label macht's bettter

Vielleicht wird das endlich mal eine wirklich nachhaltige Erfolgsgeschichte: Julie Pelipas sorgte schon als Modechefin der ukrainischen Vogue für Aufsehen in der Modewelt. Weil sie mit 1,85 cm sehr groß ist, einen drahtig-athletischen Körper hat (sie surft und macht Yoga) und oft eher klassisch männliches Tailoring trug. Ihre Anzüge seien sicher Celine, schrieb jemand, also schrieben andere es fleißig ab. Dabei waren es zuletzt Hosen und Jacken einer Marke, die es damals noch gar nicht gab: Pelipas‘ eigenes Projekt in the making: Bettter. Kein Druckfehler, sondern Ausdruck der zentralen Philosophie des Labels, die Modewelt ein ganzes Stück besser zu machen, besserer gewissermaßen. Etwa indem man keine neuen Stoffe kauft oder entwickeln lässt, sondern sich bei den Tonnen an Überproduktion der Luxusmarken bedient.

Pelipas‘ eigenes Projekt: Bettter. Kein Druckfehler, sondern Ausdruck der zentralen Philosophie des Labels, die Modewelt ein ganzes Stück besser zu machen, besserer gewissermaßen. Via bettter.us

Pelipas‘ liebstes Ausgangsmaterial sind Herrenanzüge, weil die für Männer immer noch sehr viel besser gearbeitet seien als für Damen, findet sie. Alte Ungerechtigkeit, neu gedacht. Pelipas und ihre Schneider schneidern sie für Frauen um oder nehmen sie teilweise auseinander und setzen sie zu anderen Kleidungsstücken zusammen. Aus Hosen werden Röcke oder Tops, aus Jacken neue Jacken oder aus mehreren Jacken Mäntel. Sie habe schon ganze Lagerhallen voller unverkaufter Luxusanzüge gesehen, sagte Pelipas der Süddeutschen Zeitung in einem Interview. Von welchen Marken dürfe sie aber natürlich nicht verraten.

Die Jacken, Röcke oder Mäntel, die nach ihren Ideen und ihrem geschulten Auge entstehen, sind so gefragt, dass sich Frauen aufgeregt den Handywecker stellen, wenn der nächste Drop online geht. Letzten Herbst wurden einzelne Entwürfe bei Browns zum ersten Mal offline verkauft, mittlerweile hat auch Net-A-Porter Bettter im Programm. Eine Korsage aus einer Reihe von Ledergürteln, die Lara Worthington kürzlich trug, ging auf Instagram sofort viral. Und gerade erschien Kristen Stewart in einem ihrer Bodysuits, wohlgemerkt ohne dazugehörige Hose, zur Premiere ihres neuen Films in LA. Vergangenes Jahr gewann sie für ihre Idee beim LVMH Prize den mit 200.000 Euro dotierten Karl Lagerfeld Award.

Eine Korsage aus einer Reihe von Ledergürteln, die Lara Worthington kürzlich trug, ging auf Instagram sofort viral. Foto via Instagram

Kristen Stewart in einem der BETTTER Bodysuits, wohlgemerkt ohne dazugehörige Hose, zur Premiere ihres neuen Films in LA. Foto via Instagram.

Pelipas stammt aus Mariupol. Bei Kriegsausbruch waren sie und ihre Kinder zum Glück gerade nicht im Land, seitdem konnten sie und ihr Mann aber auch nicht mehr in ihr Haus zurückkehren. Sie leben mittlerweile in London. Auch die Produktion findet kriegsbedingt nicht mehr in der Nähe von Kyjiw statt, sondern in Portugal und in ihrem kleinen Designstudio im Londoner Bezirk Shepherd’s Bush. Was Bettter fundamental von anderen Upcycling-Projekten unterscheidet: Pelipas dachte von Anfang an groß, im Sinne von wie „skalierbar“ ihre Idee sei. Sie wollte nie in Heimarbeit einzelne Hemden umschneidern, sondern mithilfe von eigens entwickelter Software Upcycling im großen Stil betreiben. Sogar andere Marken sollen die Technologie nutzen können, damit Deadstock insgesamt besser verwertet werden kann. Business of Fashion berichtete kürzlich, allein LVMH habe vergangenes Jahr 3,2 Milliarden Euro an Lagerbeständen abgeschrieben, die „obsolet“ geworden oder kaum mehr verkäuflich seien. Bei Kering waren es 1,5 Milliarden Euro. Da dürfte der ein oder andere Herrenanzug dabei sein, den man noch mal besser machen kann.

Title image: Andrew Grey.