Stoffsammlung: Demna

Mode zu Kriegszeiten

Krieg und Mode – das passt einfach nicht. Zumindest nicht, wenn man einen guten Look mit so abgelutschten Wörtern wie „glamourös“, „elegant“, „chic“, „in“ oder „mega“ bezeichnen möchte. Nur in einem Fall darf man Krieg und Mode in einem Atemzug nennen: Wenn man Demna Gvasalia heißt, oder, okay, einfach auch nur noch Demna, und für Balenciaga die Aussagekraft modischer Entwürfe nicht nach ihrem dekorativen Wert bemisst. Dann darf man*frau sogar mit einer Modenschau auf das Elend des Kriegs und das Schicksal der Flüchtlinge anspielen. Das Handy mit zersprungenem Display, das beim Prêt-à-porter im März als Einladung zum Defilee kam, sagte schon alles: Hier wird keine heile Welt beschworen, sondern die Zerstörung mitgedacht. In der riesigen Halle am Flughafen Le Bourget war der russische Angriff auf die Ukraine nicht 2.000 Kilometer entfernt, sondern ganz nah. Und ganz weit entfernt waren plötzlich all die zynischen Äußerungen der anderen großen Modemarken, die sich „tief besorgt über die derzeitige Situation in Europa“ äußerten, aber den am 24. Februar ausgebrochenen Angriffskrieg nie also solchen benennen wollten – um ihre russischen Geschäftspartner*innen und Kunden*innen nicht vor den Kopf zu stoßen.

François-Henri Pinault, der Chef des Konzerns Kering, zu dem Balenciaga gehört, wird erst gar nicht gehofft haben, dass sein Designer Demna sich aller politischen Äußerungen enthält. Denn Demna stammt aus Geor- gien, er weiß, was Krieg und Gewalt in einem ehemaligen Sowjetstaat bedeuten können, er musste selbst als Zwölfjähriger vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat fliehen. Als Flüchtling in Deutschland und später als Designer in Paris war er ein Außenseiter – nach der letzten Balenciaga-Schau mit dem großartigen Simpsons-Film erzählte uns Raf Simons lachend, Demna habe sich einmal als Praktikant bei ihm beworben, sei aber nicht genommen worden. Das hat den Jungen aus Georgien stark gemacht. Diese Rolle des Außenseiters, der mit dem Blick des Fremden die Szene neu sieht, war einer der Gründe für Demnas Erfolg bei Vetements und dann auch bei Balenciaga.

Balenciaga Herbst/Winter 2022

Die saturierte Modeszene brauchte die seltsamen Proportionen, die absurden Schnitte, die klobigen Sneaker, die abgedrehten Models – denn endlich war da mal wieder einer, der nicht nur nachbetet, was die Produktmanager*in als vermeintlichen Kundenwunsch identifiziert hatten. Und nun das: Die Models laufen in einem riesigen Rund durch künstlichen Schnee und scharfen Wind. Sie kämpfen gegen den eisigen Schneesturm an wie Flüchtlinge in Charkiw oder Mariupol in ihrer fürchterlichen Hoffnungslosigkeit. Manche haben nur einen dünnen Pullover an, manche staksen in Stiefeln mit hohen Absätzen herum, andere tragen schwarze Müllsäcke. Die Musik hämmert wie Artillerie und Gewehrsalven zugleich. Im Publikum fließen Tränen, auch Pinaults Frau Salma sagt backstage, sie habe zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Schau geweint. In keiner Sekunde wirkt die ganze Veranstaltung zynisch, obwohl doch auch teure Mäntel und Taschen promotet werden sollen.

Ein Wahnsinn, diese beste Schau des Jahres 2022. Und eine Erleuchtung, nämlich die Erkenntnis: Demna ist der neue Meisterregisseur der Mode. Seine Schauen haben die existenzielle Wucht der Inszenierungen von Alexander McQueen, die theatralische Qualität der Dior-Schauen von John Galliano, die überlebensgroße Grandezza der Grand-Palais-Spektakel von Karl Lagerfeld. Demna ist ihr legitimer Erbe.

Demna, Kreativdirektor von Balenciaga, fotografiert von Christopher Anderson.

This article first appeared in Achtung Mode Nr. 43