Stoffsammlung: Anita Tillmann

Mode in Deutschland

Die Hoffnungen waren groß, und die Enttäuschung kam schnell. Frankfurt Fashion Week, das klang gut. Anita Tillmann, die Geschäftsführerin der Premium Group, weiß schließlich, was Sache ist. Für den Prozess schöpferischer Zerstörung braucht sie kein Lehrbuch der Volkswirtschaft, sie macht das einfach. Vor zwei Jahren kündigte sie also plötzlich an, mit ihren Messen nach Frankfurt zu gehen: Premium, Neonyt, Seek in Frankfurt – das hatte historische Ironie, denn ursprünglich stammte Tillmann ja aus dem Westen der Republik und nach so vielen Jahren in Berlin wäre sie ins Herz der alten Bundesrepublik zurückgekehrt. Die Partnerschaft mit Detlef Braun, dem Geschäftsführer der Frankfurter Messe, schien ideal — weil die beiden sich seit ewigen Zeiten kennen und weil die finanzkräftige Messe Frankfurt dringend einen neuen Auftritt brauchte nach dem sang- und klanglosen Abschied der IAA nach München. Und natürlich, weil die Berliner Modewoche auch nicht mehr taufrisch aussah.

Im Juli 2021 sollte es losgehen. Aber den Beginn versemmelte die Pandemie. Um die Welt gingen Bilder einer anderen Veranstalterin, die minderbegabte Labels auf einem aerosolfreien Open-Air-Laufsteg an der Alten Oper auftreten ließ — was Anita Tillmann und den Fashion Council Germany und alle anderen, die etwas von Mode verstehen, schrecklich ärgern musste, weil nun jeder denken musste: Das ist also ist Frankfurter Mode! Im Januar 2022 sollte das nicht geschehen. Aber die Pandemie war noch immer da und nichts fand statt außer digitalen Diskussionen und einem Nebenprogramm, bei dem immerhin die Ausstellung von F.A.Z.-Fotograf und ACHTUNG-Contributor Helmut Fricke an mehreren Stellen in der Stadt herausstach. Zwischendurch aber war etwas geschehen, was man in Frankfurt gar nicht so recht als Gefahr wahrgenommen hatte.

Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin wurde Franziska Giffey (SPD) am 26. September 2021 zur Regierenden Bürgermeisterin gewählt. Und sie hatte sogleich ein besseres Händchen im Umgang mit der Mode als ihr Vorgänger Michael Müller (obwohl auch er brav zu vielen Events gepilgert war). Jedenfalls brachte die neue „Regierende“ Anita Tillmann dazu, ihre Frankfurt-Entscheidung zurückzunehmen. Am 31. Januar 2022 hieß es also plötzlich, die Premium Group werde im Juli wieder in Berlin sein: Dort habe der neue Senat das Thema zur Chefsache erklärt, und „im Herzen sind wir Berliner“. Was für eine Pleite! Für Frankfurt – und für Anita Tillmann. Nicht dass wir der Frankfurt Fashion Week nicht viel zugetraut haben. Aber das Hin und Her schadet natürlich der deutschen Modeszene insgesamt. Wer will jetzt darauf vertrauen, dass die Premium frischen Wind in die Berliner Szene bringt? Und was soll das, die Messen im Juli stattfinden zu lassen, während die Mercedes-Benz Fashion Week vom 5. bis 10. September abläuft? Der Witz war doch zu den erfolgreichsten Zeiten der Berlin Fashion Week von etwa 2007 bis 2017, dass Messen und Schauen und Showrooms und Geschäfte und Partys die ganze Stadt zum Vibrieren brachten.

Die zerstörerische Lust, nur sein eigenes Ding zu machen, war schon zu Zeiten von Karl-Heinz Müller eine schlechte Lachnummer. Jetzt hat es System. Das Vertrauen ist weg. Außer der Frankfurter Modewoche traut man nun auch der Berliner Modewoche nichts mehr zu. Deutsche Mode wird noch provinzieller. Anita Tillmann treibt das Zerstörungswerk weiter. Daran ist nichts mehr schöpferisch, das ist nur noch destruktiv. Schade – für alle.

This article first appeared in Achtung Mode Nr. 43

Titel-Illustration von Caroline Marine Hebel