
Dress MSGM

Top and pants LOUIS VUITTON
So weit auseinander sind sie ja nicht, die Mode und die Bildhauerei. Klar, die Materialien sind andere, die Ausbildung auch, eher häufen sich jedoch die Gemeinsamkeiten der beiden Bereiche: Kenntnisse der Körperanatomie, Experimentierfreude, Geduld. Was Leonardo Da Vinci mit seinen fast schon absurd detailgetreuen Werken mit Marmor oder Bronze kreierte, machte Cristobal Balenciaga mit Stoff in der Art wie er seinen Ärmel perfektionierte, Madame Grès mit ihrer Technik des Plissieren und ihrer Herstellung skulpturaler Silhoeutten, Lee McQueen mit seinen Abnäher-spielchen um die perfekte Jacke mit der perfekten Passform zu kreieren. Was die beiden leider auch gemeinsam haben: das Aussterben des Handwerks. Modedesign-Studiengänge sind begehrter denn je, Jobs gibt es aber immer weniger. Und wann hat man das letzte Mal, oder eigentlich wann je, ein Kind sagen hören, es will Bildhauer:in werden? Fotografin Kathrin Makowski, Stylistin Caroline Bucholtz und Kreativdirektorin Simone Wanzke packten die aktuelle Mode der Saison ein und fuhren auf Werkstattbesuch nach Italien, zum Künstler und Bildhauer Giuseppe Calò, der sich irgendwo in den Felsen Apuliens dem Zusammenspiel aus Stein und Form verschrieben hat und uns ein wenig über seine Arbeit und die Parallelen zwischen Stoff und Stein, Mode und Bildhauerei erzählte.

Top ZIMMERMANN; Pants SPORTMAX

Dress FERRAGAMO

Dress MSGM; Boots JIL SANDER

Top and pants LOEWE

Total look SPORTMAX

Dress FERRAGAMO

Shirt MAX MARA, Shorts COS

Dress JIL SANDER

Total look SPORTMAX

Giuseppe Calò
Sehen Sie Parallelen zwischen der Art, wie Stoff auf den Körper fällt, und Ihrer Arbeit mit Stein?
Giuseppe Calò: Zweifellos, Stoff und Patina, Passform und Verarbeitung, aber vor allem: Erscheinung und Anmutung. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die Seele auf der Oberfläche des Körpers genauso sichtbar wird wie auf der Oberfläche einer Statue, sei es durch das Finish oder den Anstrich. Ein nackter Körper ist ein Naturwunder, ein Kleid verunstaltet ihn nur, wenn es aus falschem oder schlecht proportioniertem Stoff ist. Genauso ist der Stein ein Naturwunder, das durch die künstlerische Arbeit des Menschen veredelt und patiniert wird.
Gibt es ein Material, das der Textur oder Oberfläche von Stein ähnelt?
GC: Früher trug ich eine Lederjacke mit Reliefstrukturen und Details in Form von Steinen, die die Patina alter Steine simulierten – eine besondere Farbe zwischen dunklem Wassergrün und Rosteffekt. Ich ließ mich auch schon von einigen Mänteln meines Großvaters inspirieren – einem Soldaten des Zweiten Weltkriegs, der sehr robuste Stoffe trug und eine Patina aufwies, die von der Zeit gezeichnet ist. Das sind echte Skulpturen in Bewegung.
Wenn Sie Ihre Arbeit mit einem Begriff aus der Modewelt beschreiben müssten, welcher wäre es?
GC: Der Begriff, den ich wählen würde, ist „Chiton“. Eine ärmellose, ionische Tunika, hergestellt aus Stoff, zusammengenäht wie ein bodenloser Sack und an den Schultern mit zwei Fibeln geschlossen wird. Der Chiton ist der kleinste gemeinsame Nenner beider Bereiche, und das, was Nike von Samothrake trägt – eine prächtige Skulptur eines unbekannten Künstlers, heute beheimatet im Louvre. Dieses Werk vereint die lebendige pheidianische Draperie, die transparente Leichtigkeit und die lysippeanische Dreidimensionalität – alles Eigenschaften, die meine Arbeit inspirieren.


