
Left: Necklace and purse GUCCI. Middle: Top and pants LOEWE. Right: Jacket, shirt and tie GIVENCHY
Schauplatz Kunsthalle Bielefeld
Eine Modestrecke mit dem doppelten Model Silas
Der Fotograf Emil Dietrich und der Stylist Dennis Schneider sind mittlerweile ein eingespieltes Team, auch für ACHTUNG arbeiten sie nicht zum ersten Mal gemeinsam an einer Modestrecke. Für diese Zusammenarbeit haben sie sich mit Silas Lutz Fabian im Museum in Bielefeld getroffen und man weiß gar nicht genau, wo man zuerst hinschauen soll. Silas ist für diese Strecke nämlich nicht nur Model, sondern auch Teil der Ausstellung. In Prada, Louis Vuitton und dem pinkfarbenen, viralen Nadel-Oberteil von Loewe gekleidet führt er uns in der Kunsthalle Bielefeld an ausgestellten Bildern von ihm vorbei und erzählt uns nebenbei ein bisschen mehr über seine Karriere als Model.

Jacket and pants LOUIS VUITTON; Shoes TIMBERLAND

Photograph: Necklace and purse GUCCI. Right: Top and pants LOEWE

Stature: „Oval with Points“ by HENRI MOORE; 1968/70. Total look; CELINE BY HEDI SLIMANE; Shoes ADIDAS

Left: Jacket and pants LOUIS VUITTON. Photograph: Jacket, shirt and tie GIVENCHY
ACHTUNG: Wie kamst du zum Modeln?
Silas: Etwa ein Jahr vor dem Abitur wurde ich über Instagram von Celine-Cadisha Korte und ihrem Management Lead+Develop kontaktiert. Damals hatte ich keine Ambitionen, Model zu werden, obwohl ich mich durchaus für Mode und Design interessierte. Klar entschieden für einen Studiengang oder eine Ausbildung hatte ich mich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich wollte reisen und Freund*innen im Ausland besuchen, was sich allerdings durch Covid nach meinem Abi schwierig gestaltete. So war ich offen und bereit für Neues. Nach einigen Video-Calls und später persönlichen Treffen mit meiner Agentin folgte mein Runway-Debüt in Mailand für Prada. Vier Tage später lief ich für Louis Vuitton in Paris. Ein perfekter Start in eine unerwartete Karriere.
A: Gibt es etwas, das dich am Modeln nervt?
S: Der Job als Model ist viel anspruchsvoller, als ich zunächst dachte. Sowohl psychisch als auch physisch stoße ich oft an meine Grenzen, was mir die Möglichkeit gibt, sie herauszufordern und zu überwinden. Außerdem suche ich regelmäßig Ruhe und nehme mir bewusst Zeit für Entspannung, denn in der Ruhe liegt die Kraft.
Wir leben in einer Welt, die in ständiger Vorwärtsbewegung ist. Niemand muss sich mehr langweilen, es gibt unzählige Angebote des Konsums. Aber stärkt uns das? Bewusst nichts zu tun macht nahezu niemand, es scheint so unproduktiv, gar unlogisch, aber mir persönlich hat es meinen Horizont erweitert. Es ist langweilig und anfangs sehr schwer. Die Gedanken spielen verrückt, ich bin ständig versucht, irgendetwas zu machen oder zu konsumieren. Als Model bin ich häufig Reizüberflutungen ausgesetzt. Das bewusste Nichtstun hilft mir, mental damit umzugehen und Ordnung in meinem Kopf zu schaffen. Je öfter ich das in meinen Alltag integriere, desto mehr schätze ich kleinere Dinge im Leben.
Wenn du dich von morgens bis abends permanent beschäftigst, ist es so, als würdest du in einem Zug sitzen und die Gleise sind bereits gelegt; der Weg ist also praktisch vorherbestimmt. Aber bist du überhaupt mit der Richtung einverstanden? Darüber kannst du erst nachdenken, wenn du den Zug anhältst. Anschließend verlässt du diesen vielleicht und gehst zu Fuß weiter oder steigst in einen anderen Zug ein. Je mehr ich in meinem Leben Zeit für Ruhe und Reflexion schaffe, desto produktiver wird es.
Eine weitere Frage, die ich mir oft stelle, ist: Was will ich? Diese Frage ist simpel und eiskalt. Motivation kommt und geht. Disziplin ist schwer aufrechtzuerhalten, deshalb die Frage: Will ich jetzt wirklich zu meinem Telefon greifen? Will ich heute nichts erreichen? Manchmal antworte ich mit „ja“. Aber in den meisten Fällen würde ich „nein“ antworten. Doch wenn ich mir die Frage gar nicht stellen würde, dann würde ich mein Handy nehmen und endlos im modernen Konsum versinken. Lebe dein Leben langsam, frag dich jeden Tag, was du willst, und schaffe Zeit für echte Ruhe.

Stature: „Le penseur (Der Denker)“ by AUGUSTE RODIN; around 1902. Bag LOUIS VUITTON

Stature: „Oval with Points“ by HENRI MOORE; 1968/70. Total look; CELINE BY HEDI SLIMANE; Shoes ADIDAS
A: Wie hat sich deine Meinung über die Modewelt verändert, seitdem du ein Teil von ihr bist?
S: Eine Meinung über die Menschen in der Modebranche gehabt zu haben, bevor ich Teil dieser wurde, kann ich eher weniger behaupten. Jedoch hat sich mein Blick auf die Fashion-Community in den letzten zwei Jahren erweitert. Ich durfte vielen Menschen begegnen und mich von ihrer Art und ihren Begabungen faszinieren lassen. Es freut mich zu sehen, dass viele Talente sich hier ausleben können und gehört sowie gesehen werden.

Top and pants FENDI; Socks and shoes N21; Watch IWC SCHAFFHAUSEN VIA BUCHERER. Stature: „Bronzefrau Nr. 1“ by THOMAS SCHÜTTLE; 2000.

Left: Shirt VALENTINO; Glasses MIU MIU. Photograph: Jacket JIL SANDER

Total look PRADA
A: Wo siehst du dich in Zukunft?
S: Mich hat es schon immer fasziniert, in einen anderen Charakter zu schlüpfen. Manchmal mache ich das im Alltag, alleine oder wenn ich mit Freunden unterwegs bin. Womöglich kann meine Karriere als Model aufgrund der bereits vorhandenen Sichtbarkeit und Kontakte hilfreich dafür sein, eine Karriere als Schauspieler anzustreben.
Zudem habe ich schon lange den Traum, eines Tages meine eigene Kleidung zu entwerfen. Dabei ist es mir besonders wichtig, auf Nachhaltigkeit zu achten und die richtige Botschaft zu vermitteln.
In den letzten Jahren fiel mir immer häufiger auf, dass ich einen recht guten Blick für Ästhetik habe, auch wenn Ästhetik als solche ein relativer Begriff bleibt. Es begeistert mich, wie kleinste Veränderungen an einem Look riesige Auswirkungen haben können. Wie man einen Look stylt, entscheidet darüber, was man letztendlich empfindet, wenn man diesen zu Gesicht bekommt. Der/die Designer*in stellt Kleidung her, der/die Stylist*in entscheidet darüber, wie diese Kleidung zum Leben erwacht. Also, kurz gesagt, ich kann mir gut vorstellen, eines Tages auch als Stylist tätig zu sein.
A: Drei Ratschläge für jemanden am Anfang seiner Karriere als Model.
S: Werde dir klar über deine Prioritäten. Sei dir deines Selbst und deines Wertes bewusst. Lerne, Tag für Tag zu leben, oder noch besser: Sei präsent im Hier und Jetzt.

Coat and polo MIU MIU; Briefs CALVIN KLEIN; Socks N21; Shoes TIMBERLAND; Watch CARTIER

Jacket and sunglasses PRADA

Left: Shirt, pants, socks and shoes VALENTINO; Glasses MIU MIU. Photograph: Jacket and pants JIL SANDER

Coat and polo MIU MIU; Briefs CALVIN KLEIN; Watch CARTIER
A: Was bedeutet es für dich, „du selbst zu sein“?
S: Um diese Frage zu beantworten, muss man wissen, wer man selbst ist. Viele Menschen begleitet diese Frage ihr Leben lang. Ich glaube an Jesus Christus, der für mich am Kreuz gestorben ist. Die Bibel sagt mir, dass ich ein Kind Gottes bin und errettet werde, wenn ich von ganzem Herzen glaube, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Ein Kind Gottes zu sein, gibt mir Identität. Das zeigt mir, dass ich wertgeschätzt und geliebt bin, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Ich darf einfach sein und werde so akzeptiert, muss nicht aus eigener Kraft besser werden.
Oft ertappe ich mich bei Castings dabei, mich zu verstellen. Ich denke, ich müsse besser sein, als ich bin, um den Job zu bekommen. Ich versuche dann, besonders gelassen zu wirken, mit Selbstbewusstsein zu protzen und den „perfekten“ Walk abzuliefern. Aber das bringt eher wenig. Viel besser ist es zu wissen, dass ich genug bin, so wie ich bin, und mit dem, was ich kann. So laufe ich bei einem Casting meinen Walk, wie ich ihn geübt habe. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht stetig weiterentwickeln möchte, sondern dass ich nicht versuche, mehr zu sein, als ich in dem Moment bin. Wenn das nicht reicht, bin ich nicht das richtige Model für den Job. Nicht mehr und nicht weniger.
A: Wie findest du die richtige innere Balance, wenn du immer eine Reihe an Charakteren verkörpern musst?
S: Zeiten der Stille, in denen ich in der Bibel lese, mit Gott rede oder Musik mache, prägen mich. In diesen Momenten komme ich zur Ruhe und kann abschalten. Außerdem liebe ich es, laufen zu gehen und meinen Körper auszupowern. Dabei kann ich hervorragend reflektieren, und oft kommen mir neue Ideen oder Gedanken über mein aktuelles Leben und darüber, was ich vielleicht verändern möchte. Kurz gesagt, ich beziehe mich gerne auf meine Antwort zur vorherigen Frage: Es ist wichtig zu wissen, wer ich bin – ich bin Silas, ein Kind Gottes.

Top and pants DIOR MEN; Bag EMPORIO ARMANI

Total look FERRAGAMO

