Please meet: Claire Beermann

Our Fashion People 2024: Journalism Wunderkind

ACHTUNG: Mit Greta Gerwig warst du Frühstücken, mit Sängerin Caroline Polachek beim Stimmarzt. Als du von deinem Porträt über sie gesprochen hast, klang es so, als würdest du beim Schreiben komplett in das Leben der Person eintauchen, über die du berichtest. Ist das immer so? 

Claire Beermann: Ja, das ist wirklich so. Ich werde komplett besessen von der Person, die ich porträtiere, oder von dem Thema, über das ich schreibe. Ich lese, höre, gucke vor dem Interview alles. Ich versuche natürlich, so viel Zeit wie möglich mit ihr:ihm zu verbringen, aber es beschäftigt mich, warum das überhaupt relevant und gegenwärtig und deshalb erzählenswert ist. Ich muss wissen, was ich eigentlich sagen will, bevor ich anfange zu schreiben. Und ich habe immer ein bisschen Angst davor, es diesmal nicht rauszukriegen, diesmal daran zu scheitern. Aber ich liebe diese Herausforderung natürlich – ich mag, dass man bei jedem Text wieder ein bisschen nervös ist. Und inzwischen vertraue ich auch darauf, dass man das Rätsel schon irgendwann knackt. 

A: Was macht für dich ein gutes Porträt aus? 

CB: Dass jemand genau beobachtet hat – natürlich vor allem die Person, um die es geht, aber unterschwellig auch sich selbst. Einem guten Porträt merkt man an, dass sich der:die Autor:in vorher selbst gefragt hat, warum er:sie dieses Porträt überhaupt schreiben möchte, warum diese Person ihn:sie eigentlich so brennend interessiert. Und ein gutes Porträt interpretiert eine Person nicht, erklärt dem:r Leser:in also nicht, was er:sie denken soll – sondern beschreibt sie sehr genau, ordnet diese Beschreibungen natürlich hier und da auch ein, aber gibt dann eigentlich dem:r Leser:in den Raum, sich sein:ihr eigenes Bild zu machen.

Caroline Polachek Cover ZEITmagazin

Charli XCX Cover ZEITmagazin

A: Du schreibst über spannende Persönlichkeiten aus Pop, Kultur und Mode – von Jacquemus und Greta Gerwig bis hin zu Linda Evangelista. Bist du vorher nervös?

CB: Ich bin nervös, ja. Man weiß ja nie, ob die Person sich einem öffnen wird, ob man sie dazu bekommt, sich einem zu öffnen, oder ob sie nur Plattitüden von sich geben wird. Interviews sind obendrein anstrengend – das ganze Multitasken: genau zuhören, auf das Gesagte reagieren, im richtigen Moment nachfragen, also dem Gespräch den Raum geben, sich organisch zu entfalten, dabei aber auch darauf achten, dass man alles fragt, was man wissen muss. Und oft hat man auch noch ein Zeitlimit, muss also auf die Uhr schielen und damit rechnen, dass die Person jederzeit das Gespräch beendet.

A: Wie entstehen die großen Produktionen für das ZEITmagazin? Wie entstehen die Themen?

CB: Wir scheuen beim ZEITmagazin keinen Weg und (fast) keine Kosten, um eine Geschichte auf die bestrecherchierte, bestinformierte, bestfotografierte Art zu erzählen, was inzwischen im Journalismus ja ein seltenes Qualitätsmerkmal geworden ist. Welche Prominenten wir auf unsere Modecover bringen wollen, entscheiden wir gemeinsam – also die Stilredaktion, Fotoredaktion und Chefredaktion. Wer interessiert uns gerade? Wer ist im Gespräch? Wer steht für einen Gegenwartsmoment? Wer hat eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt?

A: Gab es ein besonderes Highlight in deiner Arbeit?

CB: Zuletzt hat mich besonders der Besuch bei Ann Roth fasziniert, der wichtigsten Kostümdesignerin Hollywoods. Ich bin im November 2023 zu ihr nach Pennsylvania gefahren, wo sie in einem Bauernhaus wohnt, und habe dort den ganzen Tag mit ihr verbracht. Sie war damals 92, aber hatte die Energie und Neugier einer Zehnjährigen. Ihr aufrichtiges Interesse an anderen Menschen, das sie ja erst so gut in ihrer Arbeit hat werden lassen, hat mich extrem beeindruckt. Nach dem Besuch war ich ganz beseelt. Solchen Leuten begegnet man nicht jeden Tag.— Lea Lennardt

Claire Beermann, Style Director of Zeit Magazin photographed by José Cuevas in Berlin exclusively for ACHTUNG 48