Wie überlebt die Mode im Krieg? Und wie floriert sie aller Widrigkeiten zum Trotz? Die ukrainischen Modedesignerinnen Lilia Litkovska und Anna October erzählen vom Zustand der Branche seit der russischen Invasion.

How could we not look at the Ukrainian fashion landscape when doing a politics issue? But when we first thought this would be solely a gesture of support, our writer Carmen Maiwald found out that this is a good news feature as people from all over the world have show a strong demand for the designs of Ukrainian brands and sales have gone up. Anna October has doubled her staff and at Litkovska extra shifts are put in plus the label has a project with Nick Knight.

Es gibt viele Arten, ein Leben im Krieg zu vermessen. Die Tage zählen, seit die erste Bombe fiel. Die Leben zählen, die genommen wurden. Die Häuser, die zerstört wurden. Die Quadratkilometer, die eingenommen wurden. Anna October zählt neben alldem auch Kollektionen. Zwölf Kollektionen lang Krieg in der Ukraine. Es ist ein Freitagmorgen im Januar, gerade ist die Pariser Modewoche vergangen, auf der Anna October ihre neue Kollektion präsentierte und in der Nacht meldete die Ukraine einen russischen Drohnenangriff auf die Stadt Odessa. Immer wieder begegnen sich in Anna Octobers Leben große Träume mit großen Albträumen. Anna October ist aus Paris zurück in London, ihr zweiter Wohnsitz seit Russland Bomben über ihrer Heimat, der Ukraine abwirft. Die Designerin sitzt in einem Café vor einer großen Bücherwand, trägt ein weißes T-Shirt, einen schwarzen Blazer und lange blonde Locken. Anna October hat sich kaum verändert, seit sie zum letzten Mal mit ACHTUNG gesprochen hat. Aber sie klingt anders. Es ist drei Jahre her, als sie in einem Interview das erste Mal erzählte, wie der Krieg ihr Leben und ihre Arbeit als Designerin veränderte. An diesem Januarmorgen, 1.073 Tage nachdem Russland seinen Angriffskrieg begann, sagt October in einem Videocall: „Ich bin heute eine komplett andere Person.“ Als am 24. Februar 2022 Russland die Ukraine angriff, brach der Modemarkt im Land zusammen. Investor:innen wurden nervös, Kund:innen blieben aus und viele Fachkräfte mussten das Land aus Sicherheitsgründen verlassen. Für die ukrainische Regierung habe die Modebranche zudem nie als vielversprechender Businesssektor gegolten, erzählt October, das Land habe kaum investiert, die Branche sei vom Ministerium für Kultur betreut worden. Kulturelles Gut ja, aber ein ernst zu nehmender Wirtschaftszweig? Eher nicht. Doch dann passierte etwas Unvorhersehbares: Die Verkaufszahlen einiger ukrainischer Designer:innen stiegen – sogar über Vorkriegszeiten hinaus. Immer mehr Reseller, immer mehr Kund:innen interessierten sich für Mode Made in Ukraine. Mittlerweile hängen tausende Arbeitsplätze an der Branche. „Die Einkäufe gehen immer weiter nach oben, mein Team hat sich sogar verdoppelt“, sagt October. Die ukrainische Mode floriert – und das in Kriegszeiten. Während aber die Branche wächst – wachsen die Schwierigkeiten mit. „Die größte Herausforderung ist auf jeden Fall die Sicherheit“, sagt Anna October: „Denn Kyjiw, wo wir leben und arbeiten, ist eine aktive Kriegszone.“ Mode im Krieg zu produzieren bedeutet für October und ihr Team, Entwerfen und Nähen zwischen Stromausfällen und Luftalarm. Immer wieder müssen die Büros evakuiert werden und die Arbeiter:innen Schutz suchen.

Dress ANNA OCTOBER; Shoes CHRISTIAN LOUBOUTIN; Necklace SWAROVSKI

Hauptsächlich Frauen arbeiten in Anna Octobers Team, nähen Frauen Kleider für Frauen. Alles dreht sich ums Thema Weiblichkeit, mit der October in ihren Designs ständig spielt, größtenteils entwirft October Kleider. Für ihr Design hat sie ein eigenes Wort kreiert: Ein „date-ready look“: weiche, fließende, seidige Kleider, die Frauen dabei helfen sollen, sich selbst zu fühlen. „Wie selfcare aus Stoff“, sagt October. Mit diesem Konzept feiert sie internationale Erfolge, stand auf der Shortlist des LVMH-Preises und der BoF 500 List, zeigt ihre Mode immer wieder in Pariser Showrooms. Anna October hat sich gerade auf den Weg gemacht, den Mode Olymp zu erklimmen. Doch durch den Krieg ist Anna Octobers Zeitrechnung eine andere geworden, aber der Modezyklus bleibt gleich schnell. „Man weiß nicht, was morgen passiert. Trotzdem muss man ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre vorausplanen. Das ist sehr komisch und ein seltsamer Zustand im Kopf“, sagt Anna October. „Man lebt im Moment – dazu zwingt einen der Krieg – aber entwickelt zeitgleich eine Langzeitstrategie für die Marke.“ Bei October vergehen oft allein bis zu drei Wochen, bis ihre bestellten Stoffe überhaupt erst bei ihr in Kyjiw ankommen. Zwischenzeitlich hatte sie ihren Designprozess sogar so umgekehrt, dass der Entwurf der Stoffauswahl folgte, die Designerin musste mit dem kreativ werden, was zugänglich war. Weil keine Flugzeuge fliegen, werden jegliche Stoffe und Zubehör über den Landweg geliefert, erklärt October: „Und Mode hat verständlich keine Priorität an der Grenze.” Schickt Anna Ihre Kollektionen von der Ukraine aus ins Ausland los, kann sie nie ganz sicher sein, was mit ihren Entwürfen auf dem Weg passiert: Durch Raketenangriffe, die oft die zivile Infrastruktur zum Ziel haben, sind ihre Produkte auf dem Weg ins Ausland ständig dem Risiko ausgesetzt, zerstört zu werden. Trotz allem würde October ihre Marke und Produktion nie außerhalb der Ukraine verlagern, Made in Ukraine sei Teil ihrer Brand Identität, ihrer DNA, ihrer Mission. October sieht im Krieg zwei Frontlinien: Die militärische und die wirtschaftliche. Und sie kämpfe an letzterer. Die andere, die militärische Frontlinie, verfolgt Anna October kaum noch in den Medien. Egal ob sie gerade in der Ukraine ist und von innen auf den Krieg schaut oder von London aus von außen auf den Krieg schaut, sie liest keine Zeitungen mehr, schaut keine Nachrichten mehr, es gibt in ihrem Leben kaum noch Schlagzeilen zur Ukraine. „Wenn ich die ganze Zeit auf die Nachrichten reagieren würde, könnte ich nicht arbeiten, weil ich ständig weinen würde. Dann wäre ich nicht in der Lage, etwas anderes zu tun“, sagt die Designerin. Seit den Kriegsjahren muss sich Anna October immer wieder in einen Raum zurückziehen, wo sie die Dinge, die sie erschüttern, nicht mehr erreichen: „Ich versuche, mich auf das zu konzentrieren, was ich beeinflussen kann.“

Dress ANNA OCTOBER

Anders ist es bei Lilia Litkovska, die ihre Mode zu Beginn des Krieges über 500 Kilometer weiter östlich im ukrainischen Lwiw designte und produzierte. Sie hatte ihr Team aus Kyjiw dorthin in Sicherheit gebracht. „Mein Morgen beginnt mit dem Checken ukrainischer Nachrichtenplattformen und sozialer Medien“, sagt Litkovska: „Es ist unmöglich abzuschalten.“ Mittlerweile sind Litkovska und ihr Team wieder zurück in Kyjiw. Dort hatte sie 2009 ihr gleichnamiges Label gegründet. Seit drei Generationen schon ist ihre Familie eine traditionelle Schneiderei-Familie. Auch bei Litkovska geht es um Weiblichkeit, aber sie spielt nicht mit ihr, sie dekonstruiert sie. „Männliche Formen auf weiblichen Schultern”, so beschreibt die Designerin ihren Litkovska-Stil. Seit 2017 zeigt sie in Paris ihre Kollektionen, die in über 16 Länder verkauft und auch von der ukrainischen First Lady Olena Selenska getragen werden. „Jede Kollektion spiegelt die Widerstandsfähigkeit unserer Menschen wider“, sagt Litkovska. Und diese Menschen machte Litkovska während einer Show in Paris sichtbar: Sie präsentierte ihre Kollektion in einem Kino und während die Models die Entwürfe über den Laufsteg trugen, konnten Besucher:innen dem Litkovska-Produktionsteam in einer Liveübertragung bei seiner Arbeit im Kriegsgebiet zusehen. „Wir wollten dem Publikum die Herausforderungen näher bringen, mit denen wir täglich konfrontiert sind“, sagt Litkovska. Trotz all dieser Herausforderungen bringen Litkovska und ihr Team jährlich vier vollständige Kollektionen, verschiedene Drops und Kollaborationen heraus, über 50 Personen arbeiten an diesem Kraftakt. „Mein Team und ich konzentrieren uns jeden Tag auf unsere Mission: weiterzuarbeiten, die Ukraine zu unterstützen“, sagt Lilia Litkovska: „Und vor allem die Hoffnung aufrechtzuerhalten.“

Jacket and pants LITKOVSKA; Shoes NEW BALANCE

Am 1. September 2024 kam dann ein großes Stück Modehoffnung ins Land zurück. Nachdem ukrainische Designer:innen zwei Jahre lang auf Modewochen anderer Länder ausweichen mussten, fand im vergangenen Jahr das erste Mal wieder eine Modewoche im eigenen Land statt. Und der russische Angriffskrieg sollte für die Dauer der Modewoche nicht vergessen werden, sondern wurde zur Kulisse der Schauen gemacht: Models liefen auf den Laufstegen über die Asche ausgebrannter Häuser, trugen Beinprothesen und Krücken. „Wie alle Menschen in der Ukraine führen wir gerade ein Doppelleben: Wenn ich die Nachrichten lese, empfinde ich Schmerz, aber wenn ich arbeite, dann sehe ich, dass es fantastische und talentierte Menschen bei uns gibt“, sagt Iryna Danylevska, Gründerin und CEO der ukrainischen Modewoche im Interview mit Arte. Für Lilia Litkovska ist es ein extrem emotionaler Moment gewesen, ihre Kollektion wieder im eigenen Land zeigen zu können, erzählt die Designerin. Wie ein „Akt des Trotzes und des Stolzes“, eine Möglichkeit zu zeigen, dass die ukrainische Mode unter allen Umständen floriere. Wie aber floriert Mode aller Widrigkeiten zum Trotz? Wie überlebt Mode einen Krieg und wie wächst sie darin? „Die ukrainische Modebranche ist während des Krieges gereift“, sagt Litkovska. Die Marken seien sozial verantwortungsbewusster geworden, es habe sich ein Netzwerk unter den Designer:innen gebildet, man unterstütze einander. Und Mode sei mehr zum Sprachrohr geworden. Menschen kaufen die Mode auch, weil sie politisch ist. Dabei will Litkovska selbst gar nicht politisch sein. „Mode und Politik, diese beiden Welten überschneiden sich in meinem Leben nicht – ich bin unpolitisch“, sagt Litkovska. Aber der Krieg sei dennoch in ihrer Kleidung zu sehen.

Top and pants LITKOVSKA; Hat C.P. COMPANY; Shoes CHRISTIAN LOUBOUTIN

Auch wenn es nicht immer direkt sichtbar ist, verarbeitet Litkovska in ihren Entwürfen Themen wie Krieg, Nostalgie, Migration und nationale Identität. In einem Blumenprint zum Beispiel, der die Resilienz der ukrainischen Bevölkerung versinnbildlicht, wie die Blumen, die zwischen den Trümmern und auf dem Schlachtfeld wachsen. Inspiriert sind diese Drucke von der ikonischen Blumenfotografie des Bildgestalters Nick Knight, mit dem sich Litkovska für eine Kollaboration zusammengetan hat. Gemeinsam entwarfen sie eine Capsule-Kollektion, der Erlös wird an Kinder und Frauen in der Ukraine gespendet. „Wir verbinden Mode mit unserer gelebten Realität“, sagt Litkovska. Selbst wenn sie es sein will, kann Mode in diesen Zeiten nicht nicht politisch sein. Anna October, die nach den vergangenen 1.073 Tagen Krieg nicht mehr dieselbe Person ist, die sie vorher war, schaut den Menschen, zu dem sie geworden ist, inzwischen lieber als zuvor im Spiegel an. „Ich war egozentrisch und verloren und jetzt finde ich mich wieder, wie ich Verantwortung für die Menschen in meinem Team und um mich herum übernehme“, sagt October. Sie fühle sich den Menschen näher, mit denen sie zusammenarbeite. Sie denke jetzt anders über sie: „Es hat meine ganze Perspektive geändert. Wenn es um das Geschäftliche und das Design geht, bin ich sehr viel konkreter geworden. Ich mag es, dass ich mit beiden Füßen auf dem Boden stehe.“

Jacket LITKOVSKA; Dress LITKOVSKA X NICK KNIGHT

Model: Magatte Diop | Modelwerk; Grooming: Paloma Brytscha. Photographed on February 11th, 2025 in Berlin, Germany