Mover and Shaker
F.C. Gundlach war der heimliche König der Deutschen Modefotografie
November 15, 2021


Aus Achtung No. 35 Hamburger Schule
Wenn berühmte Personen sterben, geht das den meisten Menschen nah. In den Medien gibt es daher die schöne Rubrik Nachruf. Kurz den Werdegang skizziert, das Wirken kategorisiert („er war schon immer ein Draufgänger“, „dieser melancholisch, verschattete Blick, dieses betörende Lächeln“), die Werke präsentiert — fertig ist das Leben in meist weniger als 6.000 Zeichen. Lesezeit: vier Minuten.
Unter dem Titel Zum Tod von… so auch zu lesen im Juli dieses Jahres, als die Fotografen- und Sammlerlegende F.C. (Franz Christian) Gundlach mit immerhin 95 Jahren verstarb. Von SZ, FAZ bis NZZ war da zu lesen, wie Gundlach mit 10 Jahren sein erstes Foto auf einer Leiter stehend als Selfie machte, wie er, der allein für die Brigitte 5.000 Seiten Modestrecken produzierte, es schaffte, den Deutschen die Modefotografie als Kulturgut nahezubringen, und natürlich war sie zu sehen, Romy Schneider, wie sie ohne Effekte, sogar ohne Maske, nicht länger ein Star, sondern nur noch eine junge, verletzliche Frau, sich ihm 1961 ganz offenbarte. Neben den zwei Models mit Badehauben vor den Pyramiden von Gizeh (1966) sein wohl berühmtestes Bild.
Natürlich war auch davon die Rede, wie Gundlach, der mit der Reportagefotografie begann, die Modefotografie immer wieder in den Kontext ihrer Zeit setzte (Kinder, Passanten, Hafenarbeiter waren bei ihm nur selten beiläufige Sujets). Wie er die Mode dynamisch, beweglich machte, indem er seine Modelle ganz einfach auf der Avus statt vor der weißen Fotowand posieren ließ. Und wie er, der Wahl-Hanseat, stets in blauem Blazer mit Goldknöpfen gekleidet, mit seiner außergewöhnlichen Privatsammlung und als Gründer des Hauses der Fotografie in den Hamburger Deichtorhallen die Hansestadt zum deutschen Zentrum für Fotografie machte.
Allesamt ehrenwert, allesamt exakt, wahrhaftig, richtig, allesamt, der Scherz muss erlaubt sein, sterbenslangweilig. Denn was die meisten dieser Nachrufe, wenn überhaupt, als kleine Randnotiz bemerken, ist, dass der Starfotograf, Sammler, Kurator F.C. Gundlach vor allem ein Mann des Diskurses war, neugierig auf neue künstlerische Formen und Inhalte. Und junge Fotograf:innen.

Aus Achtung No.30 Ein Bild von einer Frau
Robert Mapplethorpe in Deutschland? Gab es bei ihm erstmals zu sehen. 1981 in seiner Fotogalerie, die er 1975, natürlich, als erste ihrer Art in Deutschland gründete. Oder Nan Goldin, die er hierzulande bekannt machte. 1991 trafen sie sich in Berlin, da war Goldin gerade ohne einen Pfennig Geld zu ihrem DAAD-Stipendium angereist. Gundlach unterstützte sie, zwei Jahre lang produzierte er Goldins Prints — ohne Entgelt. Wolfgang Tillmans, den er 1992 als Erster ausstellte und durchsetzte. Oder den Berliner Fotografen Andreas Mühe, der mit ihm im ständigen Austausch darüber stand, wie man Bilder liest, hängt, wie man sie komponiert. Mühe, der mit 16 Jahren, wie ganze Heerscharen deutscher Fotograf:innen, in Gundlachs PPS-Fotolaboren in Hamburg, Düsseldorf und Berlin in die Lehre ging. Überhaupt, Gundlachs Fotolabore wie Pixelgrain, an dem er bis zum Schluss beteiligt war, einzigartig in ihrer Mahnungskultur, ohne deren Großzügigkeit die gesammelte Magazin- und Fotoszene Berlins die ersten Gründerjahre wahrscheinlich nie überlebt hätte. F.C. Gundlach, dem Förderer, Mäzen, Patron, dem scharfen Beobachter, der die disruptive Kraft der Fotografie vor vielen anderen erkannte, ging es nie um nur Bewahren, sondern um ein Aufspüren. Vielleicht blieb er auch deswegen immer aufgeschlossen, neugierig, wie 2015, als ACHTUNG ihn um ein Portfolio für unsere Ausgabe Ein Bild von einer Frau bat. Einige Titel haben wir seitdem zusammen mit ihm und Sebastian Lux, dem Leiter der 2000 errichteten Stiftung F.C. Gundlach, bestückt. Zuletzt im Frühjahr 2018 zum Thema Hamburger Schule.
Zu sehen ist dort auf einem der Bilder ein Model im Trenchcoat, stehend am Ende der Hafentreppe am Pinnasberg. Hinter ihr, von der Kamera nur unscharf eingefangen, ein Mann, scheinbar aus einer Hafenkneipe stolpernd. F.C. Gundlach versah dieses Bild mit den Worten: „Es gibt immer unkalkulierbare Zufälle, die am Ende das Bild machen — besonders auf St. Pauli.“ So und nicht anders mögen ab jetzt bitte alle Nachrufe auf das Leben enden.

Aus Achtung No. 35 Hamburger Schule
Title image illustration: Caroline Marine Hebel

