Wie sieht ACHTUNG die Mode?
Mode ist Vergangenheit und Gegenwart. Mode ist Kunst und Politik. Mode ist Macht und Menschen. Wir von ACHTUNG machen es uns seit Jahren zur Aufgabe, diese Zusammenhänge und Ambivalenzen zu durchdringen. Wir schauen in die Ateliers der Designer*innen, hinter die Gewinne der großen Modeunternehmen und auf die neuen Entwürfe der großen Labels: Chanel, Dior, Bottega Veneta, Chloe, Prada, Fendi, Valentino, Burberry, Saint Laurent, Gucci, Jil Sander, Isabel Marant, Celine, Dolce&Gabbana, Balenciaga, Y/Project, Loewe und mehr. In Interviews und Porträts kommen wir den Menschen hinter den Marken und Zahlen näher und stellen ihnen mal mehr oder weniger modische und vor allem persönliche Fragen. Dabei verlieren wir aber nie die weniger großen, aber genauso wichtigen Stimmen der Branche aus den Augen: Marine Serre, Ottolinger, Telfar, Vitelli, Antonio Marras, Lutz Huelle, Boramy Viguier, Christina Seewald, Del Core, Wales Bonner, Christoph Rumpf, Thebe Magugu und viele mehr. Seit 2003 erinnert ACHTUNG daran, was Modejournalismus ausmacht: gut geschriebene, oft auch kritische Texte von Leuten, die nach Jahrzehnten in der Mode ein wahres Archiv im Kopf haben und das Gesehene in Kontext setzen können. Wir nehmen die Mode ernst, Mode ohne Gesicht und ohne Geschichten ist langweilig.
Wieso sind Modemagazine wichtig?
Weil sie sich einem Thema widmen, das uns alle berührt, ob wir wollen oder nicht, jeder Mensch trägt Kleidung – das macht sie noch lange nicht zur Mode, aber trotzdem kommt man um eins nicht herum: die Bekleidungs- und Modebranche ist einer der größten Wirtschaftsplayer überhaupt. Mit einem jährlichen weltweiten Umsatz von $551.36 Billion und 118000 Mitarbeiter*innen allein in Deutschland, ist die Modebranche ein Gigant, der unausweichlich ist, ein Motor der Wirtschaft und ein Teil unserer Gesellschaft. Das bietet eine große Angriffsfläche für Kritik und viel Stoff für gute Geschichten. Wir von ACHTUNG erzählen diese Geschichten, öffnen neue Sichtweisen, inspirieren und interpretieren – und bleiben kritisch, vor allem gegenüber Fast Fashion-Marken wie Zara, H&M und Shein.
Wie sieht die Zukunft der Mode aus?
Die Mode folgt klar einem kapitalistischen Gesetz: Je schneller der Warenumschlag, desto höher der Umsatz, umso mehr Gewinne. Aber die Mode folgt auch gesellschaftlichen Dynamiken und oftmals auch ihren Zwängen: Wir hinterfragen Geschlechter und Gesellschaftsbilder, Bilder von Frauen, Bilder vom Altern. Wo es spannend wird, da schauen wir hin, wo die Mode Unordnung in die Gesellschaftsordnungen bringt, wo sie Menschen mit neuer Ästhetik konfrontiert und irritiert, wo sie fordert ein bisschen weiterzudenken, da ist ACHTUNG zu finden. Es geht um Konformität und Distinktion. Uns geht es nicht nur um den Glanz – der oft Schein ist – sondern um Authentizität, Skurrilität und Einzigartigkeit und den besonderen Glanz, der dem allen innewohnt.
Trotz Glanz verkörpert die Mode aber auch alles, das schiefläuft in unserer Welt: Das Wohlstandsgefälle zwischen Arm und Reich, die Ausbeutung von Natur und Mensch, der gedankenlose Konsum und die Projektionsfläche von auferlegten Schönheitsbildern. Wir sehen mit den vielversprechendsten Köpfen der Branche, wie Francesco Risso von Marni und Allessandro Sartori von Ermenegildo Zegna, in die Zukunft. Was kann und muss verbessert werden? Was können wir aus der Vergangenheit lernen und wie wird die Mode der Zukunft aussehen?
Mode und Soziologie?
Diese Fragen führen uns immer wieder zu den Themen, die die Welt gerade bewegen. Mode mag oft als oberflächlich, als Luxus und unwichtig abgetan werden, aber wer einen genaueren Blick wagt, erkennt, dass sie ein Spiegel unserer Gesellschaft ist – für die guten wie die schlechten Seiten. Brennende Wälder, eine Umweltkatastrophe nach der anderen. Die Frage nach der Rettung der Wälder beschäftigte uns im Jahr 2020. ACHTUNG reiste in den Schwarzwald mit den Fotograf*innen Gregor Hohenberg, Michael Ullrich, Julia von der Heide und Model Maike Inga und produzierte Editorials am mystischen Ort der Stunde: dem Wald. Die Umbenennung des Innenministeriums in das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat? ACHTUNG fragte, was der Begriff in der Mode bedeutet, wie er sich mit der Globalisierung der Branche verändert hat und ob wir ihn überhaupt noch brauchen. Wir besuchten die Gesichter hinter der Ausgabe in ihren Heimatstädten und sprachen mit ihnen darüber, was Heimat für sie bedeutet.
Der Blick nach Osten?
ACHTUNG hat sich schon immer für internationale Talente, für ihren kulturellen Hintergrund und die Verarbeitung dessen in ihrer Mode und Kunst interessiert. Von Anfang an haben wir in unseren Ausgaben gen Osten geschaut und nicht nur Ödnis und Grau gefunden, sondern eine Modebranche, die floriert mit aufsteigenden Talenten, beeindruckenden Idolen und wegweisenden Trends und Designs: Situationist aus Tiflis, Anton Belinskiy aus Kiew, Dumitrascu aus Bukarest, Nanushka aus Budapest, Magda Butrym aus Warschau.
Auf den Laufstegen der Welt – Runway Reviews?
In unseren Runway Reviews analysieren wir neue Entwicklungen in der Branche, wir schauen auf die wichtigen Shows: in Paris, Mailand und New York. Wir schauen auf die neuen Designs, die Inszenierungen, die Musik und die Locations und stellen uns die Frage nach dem Zeitgeist-Zusammenhang Zeitgeist, den Einflüssen von Politik und Kultur. In dieser schillernden Welt unterscheiden wir die Facetten. Von Haute Couture bis Streetstyle und Prêt-à-porter, ob Interpretation aus Filmen, Computerspielen oder alten Machtstrukturen, die Mode hat schon alles gesehen und einige unserer Autor*innen waren und sind live dabei, wie beim Debut von Matthieu Blazy bei Bottega Veneta, der letzten Louis Vuitton Show von Virgil Abloh und dem Blick in die Zukunft der Mode bei Palomo Spain.
Modegeschichten in Bildern erzählen?
In unseren Editorials bringen wir zusammen, was zusammengehört: Mode und Fotografie. Kein falscher Glanz, keine schillernde Illusion, stattdessen reichhaltige Geschichten. Mode in Deutschland gleichzeitig als gesellschaftlich relevant anzuerkennen, aber dabei die elegante Leichtigkeit nicht zu verlieren, ist stets der erste Leitgedanke von ACHTUNG. Ob unser Cheffotograf Gregor Hohenberg oder Fotografin Julia von der Heide – wir haben einen festen Stamm an Fotograf*innen: Kuba Dabrowski, Markus Pritzi, Jelka von Langen, Alexey Kiselev, Michael Ullrich, Ralph Mecke, Sandra Semburg, Jork Weismann, Helmut Fricke, Eva Baales und viele weitere; und schauen uns auch immer wieder nach neuen Talenten um, die mit uns Modegeschichten in Bildern erzählen wollen, wie die Wiener Fotografin Anna Breit es mit dem Model Greta Hofer in der letzten Print Ausgabe „Hausbesuch“ getan hat. Frisch vom Laufsteg oder aus den Editorials, arbeiten wir mit den Models der Stunde, wie Greta Hofer, zusammen, die entweder noch vor ihrem großen Durchbruch in der Modelkarriere stehen und in denen wir Potentiale erkennen, oder mit den Gesichtern und Charakteren, die gerade am Peak ihrer Karriere stehen: ob Maike Inga, Karolina Kurkova in ACHTUNG Nr. 1, Eva Padberg, Nadja Auermann, Tatjana Patitz, Cordula Reyer, Helena Severin, Lars Burmeister, Clemens Schick, Heike Makatsch, Lilith Stangenberg oder Alpha Dia. Wir casten Menschen auf der Straße, die auch so aussehen dürfen und dann zu Models werden.
Mode und die nächste Generation?
Einen Blick haben wir dabei immer auf die Jugend – auf den Motor unserer Gesellschaft und die Mutigen, die etwas wagen. Wieso ist Mode so wichtig für die Jugend? Und wieso die Jugend so wichtig für die Mode? Es sind Kids aus dem Kiez, die vor unseren Kameras stehen und von ihrer Stadt erzählen und was sie mit ihr verbinden. Es sind junge Menschen, die verstanden haben, wie unsere digitale Gesellschaft funktioniert, aber auch in welche Richtung sich eine Mode entwickelt, die mit unserem Gewissen vereinbar ist. Doch so ausdifferenziert und individualisiert die heutige Gesellschaft auch sein mag, insbesondere unter Jugendlichen ist die Identität und Zugehörigkeit zu einer Lebenswelt – und die Abgrenzung von einer anderen – immer noch über die Wahl ihrer Kleidung und Accessoires konstituiert – wir schauen auf diese Konstruktion und ihre Codes. Streetwear-Erscheinungen wie von Vetements oder Off-White und Collaborations großer Marken wie Dior x Birkenstock oder Gucci x adidas.
Genauso fotografieren wir und sprechen mit Menschen, die ihre Jugend schon länger hinter sich gelassen haben, die von Fehlern der Branche erzählen können und auch von besseren oder zumindest anderen Zeiten wie der Barkeeper und Model Charles Schumann aus München. Oder Claudia Skoda, die Pionierin der Strickmode. Geschichten und Gesichter, die ebenfalls von Mut erzählen und von Treue, Treue gegenüber dem eigenen, individuellen Stil und Weg.
Was ist neu und relevant in der Mode – ein Kompass?
Dabei ist die Mode trotz Treue im ständigen Wandel, die Branche ist agil, Menschen kommen und gehen, Trends kommen und gehen – was wirklich wichtig ist, filtern wir heraus und werfen einen analytischen Blick auf die Strukturen und die Machtverhältnisse der Branche. Stella McCartney, Gabriela Hearst bei Chloe, Tom van der Borght, Christopher Raeburn – welche Designer*innen und Marken sind wirklich nachhaltig, wer hat inspirierende Visionen und wer den Durchblick? Um diese Zusammenhänge interpretieren zu können, braucht es nicht nur einen Blick auf die aktuellen Ereignisse, sondern immer auch einen auf das größere Bild, auf langfristige Entwicklungen und abzeichnende Tragödien und Aufstiege – wir erzählen von ihnen.
Wieso ist die Mode so wichtig und wie verändert sie sich gerade?
Dafür wagen wir in unseren Modeanalysen einen Blick in die Vergangenheit und bleiben dabei immer nah am Hier und Jetzt und noch viel wichtiger: am Morgen. Wie prägt die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage die Branche in den nächsten Monaten? Was kommt wieder aus den vergangenen 10, 15 oder 20 Jahren – und wieso? Wie entwickelt sich das Handwerk und wie der Ruf der Branche? Ob neue Schnitte oder nachhaltige Techniken, wir gucken hinter die Mode und auf ihre Macher. Iris van Herpens futuristische Entwürfe und Stoffrecherche, Chanels 19M Initiative zur Erhaltung des Handwerks oder Christopher Rumpfs Teppichrecycling.
Was wird aus Modemagazinen?
Es ist offensichtlich, dass die großen Verlage es nicht mehr schaffen, dem Modemagazin ein neues Gesicht zu geben, oder besser es zu retten. Madame gehört jetzt zu einer PR-Agentur, Condé Nast mit Vogue, Glamour und GQ hat fast alle Moderedakteure entlassen, Elle stolpert von Skandal zu Skandal, Gruner + Jahr publizierte einst stolz das Stern Modeheft mit Helmut Newton oder Inez&Vinoodh als Fotograf*innen und hat es jetzt zum Mikro-Supplement schrumpfen lassen, wobei der ganze Verlag via Bertelsmann-Entscheidung bei RTL angedockt wurde. Es bleiben eigentlich nur die Magazine der großen Zeitungen wie Welt, Süddeutsche und FAZ sowie die Independent Press in Berlin, um weiter eigenen Qualitätsinhalt zu produzieren und nicht nur Syndikat-Material abzudrucken. Bei diesen hat sich 032c zu einem Modelabel weiterentwickelt, das digitale Highsnobiety zur Content-Maschine für eingeschlafene Modemarken sowie unsere fast 20 Jahre alte Zeitschrift für Mode, ACHTUNG zum deutschen Spiegel der Mode. Deutschland in Wort und Bild modisch zu zeigen ist und bleibt unser Mantra.

