Meine Sommer waren neongrün

Ein Essay über vergangene Fußballsommer

Berlin zeigt sich nochmal gütig mit einem Altweibersommer, die Tage jedoch sind gezählt und die Luft riecht nach Herbst. Aber so ein Berliner Sommer funktioniert sowieso anders. Der Fußballsommer 2025 dagegen – Frauen EM in der Schweiz – der ist zu Ende, England ging dabei als Gewinnerin hervor. Die Stimmung, das Gefühl, das Rauschen der jubelnden Massen, aber, das hält noch an. Für Joséphine 2025 schwelgte Autorin Anna Dreussi in den Erinnerungen vergangener Sommer, begleitet von der Fotografin Sarah Willmeroth, die den Fußball einmal quer durch die Schweiz kickte und ihm hinterher fotografierte.

Ball MCM; Kapellbrücke, Luzern, CH

Ich wuchs in einer Stadt in der Ostschweiz auf. Wahrscheinlich waren meine Sommer wie die Sommer an vielen anderen Orten. In den Sommern meiner Kindheit habe ich gehofft, die Jungs, in die ich verknallt war, in der Badi, also im Freibad, zu treffen. Die Sommer meiner Kindheit schmecken nach diesen Calippo-Eisperlen, die ich aus der Verpackung direkt in meinen Mund schüttete. Die Sommer meiner Kindheit waren neongrün. In den Sommern meiner Kindheit lief Fußball im Fernsehen.

Bikini EA7 EMPORIO ARMANI; Ball MCM; Seebad Zürich, CH

FC Luzern Sportplatz, CH

Die Sommer meiner Kindheit sind getaucht in das rauschende Leuchten des Stadionrasens auf unserem Fernseher, neongrün eben und verpixelt. Unser Fernseher stand auf dem Dachboden. Meine Mutter weigerte sich, eine Satellitenschüssel auf unserem Dach anzubringen, deshalb stand auf dem Fensterbrett nur eine kleine Antenne, die gegen schlechtes Wetter machtlos war. Unser Fernseher stand also auf dem Dachboden, weil dort oben der Empfang besser war. Wenn Italien spielte, fluchte und jubelte mein Vater dem Fernseher zu. Die Spieler bewegten sich als bunte Kleckse über den blendenden Rasen, draußen war es dunkel. Das Fenster war offen. In meiner Erinnerung war mir trotzdem viel zu warm. Ob es wirklich so heiß war, weiß ich nicht mehr. Ich kannte das Wort Klima­krise noch nicht. Auch dieses Jahr ist Sommer. Und die Fußball-Europameisterschaft der Frauen findet in der Schweiz statt. Begriffe wie Fußballsommer oder Sommermärchen, beweisen, dass Sommer und Fußball nicht nur für mich zusammengehören. Die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Katar habe ich nicht verfolgt. 

Top and pants OTTOLINGER; Ball MCM; Zürich, CH

Ball MCM; Pilatus, Luzern, CH

Heute wohne ich in Neukölln, in Berlin. Die Sonnenallee riecht anders im Sommer, fettiger und nach Abgasen. Es ist wunderbar. Manchmal stehen auf wackeligen Hockern und Kisten Fernseher vor Spätis und Fremde drängen sich Schulter an Schulter vor die Bildschirme und schauen Fußball. Alle scheinen gleich zu funktionieren während dieser Wochen. Wir schwitzen in Bussen, im Park, im Freibad, treffen, alle die wir kennen, aus Versehen, weil alle draußen sind und wahrscheinlich auch ver­liebt, weil sie besser gelaunt sind, als noch vor ein paar Monaten. Das Wetter ist gut und unsere Oberarme und Nasenrücken haben morgen Sonnenbrand. Und dann sitzen abends alle vor einem Fernseher, vielleicht auf der Straße vor einer Bar oder einem Späti und schauen gebannt auf neongrün. Da sitzen sie, fremden Menschen ganz nah. Wahrscheinlich halten alle gleichzeitig die Luft an beim Elfmeter.

Klimsenkapelle, Pilatus-Massiv, CH

FC Luzern Sportplatz, CH

Jacket, bikini and panties EA7 EMPORIO ARMANI; Ball MCM; Seebad Zürich, CH

Das Gefühl ist noch dasselbe wie früher. 2010, Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Südafrika. Ich war auf Klassenfahrt im Kanton Graubünden in einem Dorf mit weniger als vierhundert Einwohnern. Die Schweiz spielte in der Gruppe H mit Spanien, Chile und Honduras und gewann am dritten Tag unserer Klassenfahrt das erste Spiel in der Vorrunde eins zu null gegen Spanien. Spanien würde in diesem Jahr Weltmeister werden. Das wussten wir natürlich nicht. Doch das war egal, ein Sieg gegen Spanien und nicht Spanien, der Europameister, reich­te. Mit 12-Jährigem Überschwang rannten wir durch die Herberge und wussten nicht, wohin damit. Wir hatten keine Flaggen dabei, wir hingen das T-Shirt eines Mitschülers mit Schweizer­kreuz aus dem Fenster der Jugendherberge. In den Erinnerungen an meine Kindheit ist es meistens Sommer.

Ball MCM; Rugghubelhütte, Engelberg, CH

Vest, pants and ball MCM; Shoes PUMA; Opernhaus Zürich, CH

Wird dieser Sommer ein Fußballsommer wie es seine Vorgänger waren? Ein Sommer mit Heimspielen für die Schweizer Fußball-Nationalmannschaft der Frauen hätte mir als Kind die Vorbilder gegeben, die ich gerne gehabt hätte. Denn als Kind stand meine Liebe zum Fußball für einen inneren Konflikt. Schon in der Grundschule sträubte ich mich gegen mein Mädchensein. Ich wollte keine rosa Kleidung tragen, kaufte in der Jungsabteilung, spielte Fußball. Ich spielte Fußball im Verein, in dem der Mittelfeldspieler der Schweizer Nationalmannschaft der Männer, Tranquillo Barnetta, selbst auch spielte. Vor der Turnhalle unterschrieb Barnetta mein Trikot. Ich breitete Paninibilder auf meinem Schlafzimmerboden aus. Jahre später schrieb ich in einem Text, woraus sich damals mein Bild von Weiblichkeit zusammensetzte. Ich schrieb über die H&M-Mädchenabteilung. Mädchensein bedeutete Strass, Rosa, zuckersüße Prints. Ich schrieb über den Max-Factor-Lipgloss, den mir meine Cousine schenkte. Mädchensein bedeutete für mich in Fußballspieler verliebt zu sein, statt einer sein zu wollen. Dagegen wollte ich mich wehren mit oliv­grünen Hosen, mit Fußball, mit Paninibilder-Tau­schen in der großen Pause. Fußball war für mich der Wunsch, ernst genommen zu werden.

FC Luzern Sportplatz, CH

Pilatus, Luzern, CH

In der Vierten bekam unsere Klasse einen neuen Lehrer. Er war auch Trainer im Quartierfußball­verein und trainierte einige meiner Mitschüler. Von ihnen ließ er sich duzen. Einen Sport auszuüben, der primär mit Männlichkeit assoziiert wird, bedeutet auch Respekt zu bekommen. Das lernte ich in der Vierten. Ich lernte, Weiblichkeit abzulehnen. Mit einem Team aus Mädchen aus unserer Stufe meldeten wir uns für ein Fußballturnier an, bei dem Teams aus der ganzen Stadt gegeneinander spielten. Die Jungs schieden schon in der Vorrunde aus. Wir belegten den dritten Platz. Duzen durften wir trotzdem nie. Manchmal frage ich mich, was an mir echt ist und was ich an mir zurechtgerückt habe als Antwort auf eine Welt, die mich als Mädchen nicht ernst nehmen wollte.

FC Luzern Sportplatz, CH

Ball MCM; Sportsbar Le Calvados, Zürich, CH

Vielleicht wäre vieles anders gewesen, hätte die Schweiz fünfzehn Jahre früher eine Fußball-Europameisterschaft der Frauen ausgetragen. Vielleicht wäre mir Tranquillo Barnetta und Francesco Totti egal gewesen. Vielleicht hätte ich den Max-Factor-Lipgloss nicht weggeschmissen, weil mir etwas so Weibliches nicht stehen kann. Vielleicht hätte ich mir nicht den Zuspruch eines Grundschullehrers gewünscht, der lieber nur Jungs unterrichtet hätte. Vielleicht hätte ich ihn einfach geduzt. Vielleicht wären meine Sommer nicht geprägt gewesen von männlichen Vorbildern. Vielleicht hätte ich nicht Fußballspieler sein wollen, sondern Fußballspielerin. Vielleicht hätte ich Luana Bühler sein wollen. Natürlich herrscht im Fußball noch immer keine Gleichheit. Viele Spielerinnen können nicht allein vom Sport leben, vor allem in der Schweiz. Die 29-jährige Bühler, Verteidigerin im Schweizer Nationalteam und beim FC Tottenham Hotspur, ist in der Schweiz eine Ausnahme. Sie kann von ihren Einnahmen als Fußballspielerin leben. Vielleicht bleibt das in der Zukunft keine Ausnahme mehr. In der Schweiz steigt die Zahl der Fußballspielerinnen. Der Schweizerische Fußballverband hatte 2022 325.000 Mitglieder, 12 Prozent davon waren Frauen. Vor zwanzig Jahren, als ich anfing Fußball zu spielen, lag der Frauenanteil noch bei 6,1 Prozent. Frauenfußball bewegt sich aus der Nische. Vielleicht kommen wir mit diesem Sommer einer Welt näher, die keine Unterscheidung zwischen Fußball und Frauenfußball macht.

Ball MCM; FC Luzern Sportplatz, CH

Zum Glück gibt es auch dieses Jahr Fußball und Sommer. Eigentlich denke ich das ganze Jahr an den Sommer. Im Frühling sitze ich in einer Bar in Italien; ich trinke Ramazzotti con ghiaccio – Ramazzotti mit Eis–, die anderen auch. Lo stesso per lui – dasselbe für ihn. OK. Ein bisschen Zitrone auch noch. Wir tun nur so, als ob. Im Sommer würde das hier alles viel mehr Sinn ergeben. Aber wir lachen, als wären es dreißig Grad, als würde unsere Haut noch brennen vom Tag in der Sonne, als würden wir abends im Bett liegen und die Wellen spüren. Ich schaue mir die Ex-Freundin von irgendwem auf Instagram an. Auf den Bildern sieht sie gut aus und es ist Sommer. Und ich wäre gern sie, aber nur an dem einen Nachmittag auf dem Foto. Nur im Sommer. Ich stelle mir vor, wie ich den Tag am Strand verbringe, wie ich nicht so tun muss, als ob. Wie ich nicht so tun muss, als wäre Sommer. Und später läuft irgendwo Fußball. Und meine Tage sind so, wie die der anderen. Denn wir freuen uns auf dasselbe. Alle sind draußen und verknallt, weil man nur im Sommer so verknallt sein kann. Und ich bin es auch, draußen und verknallt. Vielleicht mit Lipgloss. Ich bestelle Ramazzotti con ghiaccio und überall flimmern Bildschirme. Es wird gejubelt.

SFV Women’s Home Jersey 2025 Replica; Rugghubelhütte, Engelberg, CH

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