„Mein Leben in Moskau ist vorbei“

Fotografin Masha Demianova über ihre Flucht

Über 30.000 Russ:innen verließen in den ersten Tagen nach Beginn des russischen Angriffskriegs ihre Heimat. Auch als Ächtung der Putin-Politik. Masha Demianova ist eine von ihnen. Masha kommt aus Moskau, ist Fotografin und arbeitet seit über 15 Jahren in der Modebranche, erst als Produzentin, später als Fotografin. Sie fotografierte in Russland für Titelseiten, Leitartikel und für Werbespots und für international Projekte wie den Katalog der Pariser Oper. Bis Putin in die Ukraine einmarschiert ist und – obwohl keine Bomben auf ihr Land gefallen sind – ihr Leben durchgerüttelt wurde.
Masha hat sich öffentlich gegen den Krieg geäußert, Anti-Kriegs-Demos besucht und bei Instagram zum Spenden für Menschen in der Ukraine aufgerufen. Masha hat sich damit in ihrer Heimat strafbar gemacht. Mit der Angst im Nacken, dass das Kriegsrecht ausgerufen werde und die Grenzen dichtgemacht werden, verließ sie Russland im März. Sie kaufte ein Ticket für ihre Flucht nach Tiflis, ließ ihre Katze impfen, verabschiedete sich von Familie und Freund:innen und ließ ihr altes Leben hinter sich. Später wird sie über ihren Abschied sagen: „Das war sicher nicht einfach, aber ich hatte Zeit, um mich zu verabschieden und stand nicht unter Bombenbeschuss wie die Menschen in der Ukraine.“ Später kam sie nach Deutschland. Masha ist 33 Jahre alt und hat vor dreieinhalb Monaten hier ein neues Leben begonnen. Jetzt lebt sie in Berlin, ihr Zufluchtsort.

Carmen Maiwald: Hast du deine Entscheidung, Russland zu verlassen, jemals bereut?

Masha Demianova: Niemals. Etwas so Schweres hat sich in meinem Leben noch nie so richtig angefühlt.

CM: Was war der Grund dafür, dass du Russland verlassen hast?

MDDer Krieg in der Ukraine. Vom ersten Tag der russischen Invasion am 24. Februar an, war mir klar, dass mein Leben dort vorbei ist.

CM: Kennst du viele Menschen, die Russland verlassen haben? Was waren ihre Gründe?

MDViele meiner engen Freund:innen sind gegangen. Alle, die ich kenne, sind gegangen, weil sie den Krieg und die russische Regierung verurteilen, die es uns verbietet, sich gegen den Krieg auszusprechen. Viele von ihnen sind in Tiflis, Georgien, einige sind in Europa.

CM: Hast du Angehörige, die anders auf den Krieg blicken als du und gibt es deshalb in eurer Familie Konflikte?

MDMein Vater sieht schon seit langem Fernsehen. Vor dem Krieg haben wir uns oft über Putins Regime gestritten, aber als der Krieg begann und er mich sah, wie ich alle meine Sachen in ihr Landhaus brachte, mit tränenverschleiertem Gesicht, und ihn anschrie, den Fernseher auszuschalten, hatte ich das Gefühl, dass er es verstanden hatte. Ich erzähle meiner Mutter immer wieder all die Geschichten, die ich während meines Freiwilligendienstes in der Arbeit mit ukrainischen Geflüchteten erlebt habe, nur um sie über die Wahrheit aufzuklären. Wir lieben und respektieren einander. Aber ich bin mir sicher, dass sie meine Meinung über den Krieg nicht ganz teilen. Was ist mit den Leuten, die den Krieg und Putin offen unterstützen? Ich sage ‘scheiß auf sie’.

CM: Drohte dir Gefahr in deiner Heimat, dass du verfolgt wirst, oder wurdest du sogar schon verfolgt?

MDDie Chancen dafür stehen für alle die sich gegen den Krieg ausgesprochen haben 50 zu 50. Je nachdem, ob die Regierung sich genug für dich interessiert. Im März begannen die Verhaftungen, wir waren bei einer der letzten Antikriegsdemonstrationen, bevor das Gesetz zur Diskreditierung der Streitkräfte erlassen wurde, dass den Behörden das Recht gibt, jede:n anzuklagen und strafrechtlich zu verfolgen, die:der sich gegen den Krieg ausspricht, ihn direkt als Krieg bezeichnet oder sich gegen Putins Regime ausspricht.

CM: Hast du Angst, in deine Heimat Russland zurückzukehren?

MDJa.

CM: Warst du vom Ausbruch des Krieges überrascht?

MDIch war schockiert. Wir haben all die Nachrichten gesehen, dass “Putin in die Ukraine einmarschieren wird”, aber ich konnte einfach nicht glauben, dass dieses Arschloch wirklich so verrückt ist.

CM: Wann hast du verstanden, dass der Krieg länger als ein paar Tage oder Wochen dauern wird?

MDFür mich war klar, dass dies eine Tragödie ist, die unser Leben für lange Zeit bestimmen wird.

CM: Wie genau ist deine Flucht verlaufen?

MDEs war sehr beängstigend. Ich hatte meine Katze dabei, 2 Koffer und 2 Taschen. Ich habe Instagram, Facebook und alle anderen sozialen Netzwerke von meinem Handy gelöscht. Ich hatte Angst, am Zoll verhört zu werden, wir haben gehört, dass das schon einigen Leuten passiert ist. ‘Was wollen Sie in Georgien?’, fragte mich die Zollbeamtin. ‘Tourismus’ – sagte ich, während ich ganz rot vom Weinen war, mit Taschen, die überall verteilt an meinem Körper hingen, meiner Katze und meinem Lieblingskaffeebecher, der an meinem Gürtel hing. Aber sie hat sich einen Dreck um mich geschert und meinen Pass bei der Ausreise aus Russland abgestempelt.

CM: Wie ging es danach für dich weiter?

MDMit dem Flugzeug bin ich nach Tiflis ausgereist. Es war voll, es gab nur fünf Tickets für Passagiere mit Tieren – alle fünf wurden gebucht. Eine Frau in der Warteschlange sprach mich an und fragte: “Findet jetzt irgendwo in Tiflis eine Tierschau statt?”, und meinte damit die vielen Tiere an Bord. Ich fing an zu lachen, so nervös und laut, dass ich ihr Angst machte.

CM: Wie haben Freund:innen und Angehörige, die in Russland bleiben, reagiert, als du ihnen mitgeteilt hast, dass du das Land verlassen wirst?

MD: Sie haben mich alle verstanden.

CM: Wie bist du dann von Tiflis nach Berlin gekommen?

MDIch bin nach Berlin gekommen, weil meine Freundin Nastya Klychkova, eine fantastische Kreativdirektorin und Stylistin, mit der wir in Russland zusammengearbeitet haben, sagte, ich solle kommen. Damals war ich für einen Monat in Georgien, arbeitete als Freiwillige bei der Organisation „Helping to Leave“ die Ukrainer:innen aus Kriegsgebieten an sichere Orte evakuiert – und noch viel mehr als das. Ich fühlte mich zutiefst deprimiert und verloren, meine bisherigen Beziehungen gingen in die Brüche, und diese Einladung schien mir der einzig mögliche Ausweg zu sein.

CM: Kannst du erzählen, wie sich deine ersten Tage in Deutschland angefühlt haben?

MD: Dort, wo ich herkam, war ich völlig verloren, ich war vorher schon ein- oder zweimal für kurze Trips in Berlin gewesen. Also fingen wir an, hier Leute zu treffen, mit ihnen zu reden, versuchten, die Stadt zu erkunden. Und schließlich haben wir beschlossen, dass wir ein Freiberufler-Visum beantragen und bleiben werden. Ich konnte damals noch nicht sagen, ob mir die Stadt gefiel, aber ich mochte auf jeden Fall das Multikulturelle an ihr, es erinnerte mich ein wenig an meine Zeit in New York City.

CM: Wo hast du dann in Berlin gelebt und hat sich dieser neue Ort für dich bald wie ein neues Zuhause angefühlt?

MD: Unsere erste Wohnung war eine schöne Wohnung im Wedding, eine kleine Straße, eine grüne Riemenmarkise auf dem Balkon, nur alte Leute in der Nähe, ich liebte es. Vor unserem Schlafzimmerfenster stand ein Baum, von dem wir dachten, er sei tot, aber es stellte sich heraus, dass der Frühling zu spät kam und dann blühte er.

CM: Welche Gegenstände hast du mit nach Deutschland gebracht?

MD: Nur ein Handgepäckstück. Die meisten meiner Sachen und meine Katze sind noch in Tiflis. Das Einzige, was ich überall hin mitnehme, ist mein Lieblingsspielzeug ‘Lisichka’ – der Fuchs – das haben mir meine Eltern geschenkt, als ich ein Jahr alt war.

CM: Wie treten dir Menschen in Deutschland gegenüber, wenn sie erfahren, dass du aus Russland bist?

MD: Ich habe nie erlebt, dass ich als Russin besonders behandelt wurde, weder von Deutschen noch von anderen Nationalitäten. Während meines Freiwilligendienstes am Hauptbahnhof mit „Berlin Arrival Support“ habe ich nie irgendwelche Aggressionen oder ein schlechtes Wort von ukrainischen Menschen erlebt, auch wenn die erste Frage immer war „Woher kommst du?“.

CM: Was hast du an einem Sonntag in Russland gemacht?

MD: Ich bin Freiberuflerin und trenne die Wochenenden nicht von den Wochentagen. An einem normalen Sonntag könnte ich also zum Beispiel bei einem Dreh gewesen sein. Oder habe meine Familie in ihrem Landhaus besucht, mich mit Freund:innen getroffen oder habe mit meiner Katze im Studio an persönlichen Projekten gearbeitet. Aber das gehört alles der Vergangenheit an.

CM: Hast du manchmal Heimweh?

MD: Ich vermisse meine Familie, das Leben, das ich früher gelebt habe, mein Studio, mein Fotolabor und noch viel mehr.

CM: Wie roch es dort an solchen Tagen?

MD: Nun, die Gegend, in der sich mein ehemaliges Studio befand, roch nach Straßenbahn und Grünzeug und manchmal nach McDonalds, weil einer auf der anderen Straßenseite war.

CM: Aber fehlt dir auch manchmal dein Heimatland?

MD: Ich vermisse das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Aber ich trauere nicht zu sehr um all das, weil meine Heimat im Moment nicht unter Beschuss steht, wie das Land meiner ukrainischen Freund:innen und meine Eltern nicht in Gefahr sind. Jedes Mal, wenn ich meine Heimat vermisse, werde ich sofort wütend: weil sie mir von der russischen Regierung genommen wurde.

CM: Wie sehen die Sonntage für dich heute in Deutschland aus?

MD: Es ist ein sehr heißer Sommer, also bin ich oft mit dem Fahrrad zu den Seen gefahren. Ich habe mich verliebt und seit Kurzem verbringe ich meine Sonntage mit ihm, er zeigt mir die Stadt und durch meine Liebe zu diesem Menschen wächst auch meine Liebe zu Berlin.

CM: Wie sieht dein Alltag gerade aus?

MD: Nachrichten lesen, kochen, Sport treiben, mein Leben zusammenhalten, Fahrrad fahren, retuschieren. Ich versuche, weiterhin Fotoprojekte umzusetzen, auch wenn ich mich im Moment selten inspiriert fühle, aber das kommt langsam wieder. Zeit mit meinem Freund oder Freund:innen verbringen. Ich hatte das Glück, in Berlin tolle und lustige Leute kennenzulernen, die meine Freund:innen geworden sind, ich wohne bei ihnen. Ich ziehe viel um, aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich kann nicht legal arbeiten, bis ich mein Visum habe, also kann ich mir auch den Mietvertrag nicht leisten.

CM: Wirst du das Erlebte in deiner Arbeit verarbeiten?

MD: Ich denke, das ist unvermeidlich. Künstler:innen sollten sich zu dem Krieg äußern, der immer noch andauert, auch wenn die Aufmerksamkeitsspanne in den Medien immer geringer wird. Durch ihre Kunst oder mit Worten müssen wir dagegen ankämpfen.

CM: Wie war dein Leben zuletzt in Russland und wie unterscheidet es sich von deinem Leben jetzt in Deutschland?

MD: Nun, es ist ein anderes Leben.

CM: Willst du nach Russland zurückkehren oder dauerhaft im Ausland bleiben?

MD:Ich werde niemals in Russland leben, solange sich das Regime nicht ändert.

CM: Würdest du sagen, dass du auch vorher in Russland schon Exilantin im eigenen Land warst, oder hattest du das Gefühl tun und sagen zu können, was du möchtest?

MD: Ich habe es offensichtlich verdrängt, als ich dort lebte. Als ich mein vorheriges Interview mit ACHTUNG las, war ich schockiert, wie offensichtlich alles für mich war. Warum haben wir nichts getan? Warum haben wir nicht gehandelt? Diese Fragen quälen mich die ganze Zeit. Es ist die Schuld jeder:s einzelnen Russ:in, dass der Krieg passiert ist. Wir waren so abgelenkt mit unserem Leben im „gemütlichen, modernen, coolen“ Moskau mit all den Clubs, Partys, Essenslieferungen. Wir haben uns blenden lassen und wurden benutzt, und jetzt zahlen wir den Preis dafür.

CM: Wie geht es für dich in Deutschland weiter?

MD:Ich bin mit meinem Touristenvisum eingereist, jetzt habe ich hier ein Freiberufler-Visum beantragt, hoffentlich wird es mir gewährt.

CM: Was würdest du dir von Berlin als Stadt deiner Zuflucht wünschen?

MD: Ich wünsche mir, dass dieser Ort meine “Basis” ist, mein sicherer Ort, an dem ich stärker werden kann; als Künstlerin, als Mensch. Und eines Tages werde ich zurückkehren, mit der Kraft, die Dinge so gut wie möglich in Ordnung zu bringen.

Walk of Shame editorial styled by Natasha Goldenberg and photographed by Masha Demianova exclusively for Achtung Nr. 38 << Heimat >> (September 2019).

Masha Demianova teilt im Story-Highlight „Donate“ auf ihrem Instagram-Profil eine Vielzahl von Links zu Spenden und Hilfsangeboten. Hier klicken.