Meet: Julia Lange

Julia Lange, Founder of Julia Lange Casting photographed by Max von Gumppenberg in Milan exclusively for ACHTUNG 48

The casting director you should know about

ACHTUNG: Wie wird man eigentlich Casting-Director?

Julia Lange: Ich war schon immer interessiert an spannenden Gesichtern, in ganz verschiedenen Kontexten. Film, Kunst, Mode, genauso wie im Alltag. Ich konnte schon immer stundenlang in einem Café sitzen und Menschen beobachten. Ans Casting bin ich durch ein Prak­tikum bei der Vogue gekommen, was schließlich zu einer langjährigen Festanstellung als Booking Director führte. Ein Schlüsselerlebnis war ein Shooting für Peter Lindbergh mit Stylistin Florentine Pabst. Die beiden haben damals Burlesque-Tänzerinnen gesucht, die man nicht in den klassischen Modelagenturen-Karteien fand. Also habe ich mich in Berlin auf die Suche gemacht, bis ich durch einen Fetisch-Laden an ganze viele Kontakte kam und wunderbare Frauen casten konnte. Danach habe ich neben dem klassischen Modelcasting immer mehr „Streetcasting“ gemacht.

A: Wie ist der Ablauf, womit fängst du an? Wie gehst du vor? 

JL: Der Ablauf ist oft ganz unterschiedlich, das liebe ich an meinem Job! An einem Tag suchen wir mit Lucie und Luke (Meier) ungesehene Gesichter für David Sims’ Jil Sander-Kampagne, am nächsten sitze ich im Flieger, um eine Vorschau der nächsten Hermès-Show zu bekommen, damit wir mit der Arbeit an der Februar-25’-Show beginnen können. Und dann gehts weiter mit einem Streetcasting für den Relaunch eines Labels, für das mein Team und ich deren Casting-Sprache, also genauer gesagt „deren Frau“ definieren sollen. Ich lebe zwischen Frankfurt und Mailand und merke immer wieder, wie gut es mir tut, mich nicht ständig im kompletten Modezirkus zu bewegen. Mich inspirie­ren oft ganz andere Sachen, die absolut nichts mit Mode zu tun haben. Hier in Frankfurt versteht niemand so ganz genau, was ich beruflich mache, das gefällt mir gut, so führen kreative Austausche oft zu spannenden Resultaten.

A: Was sind die stressigsten Momente? 

JL: Stressig wird es eigentlich immer freitagabends. Dann kommt in der Regel irgendeine unangenehme E-Mail, gleichzeitig verpasst ein Model einen Flieger für einen Shoot am Samstag, ein Reisebüro dreht durch, weil ein Flug noch nicht gebucht ist für einen Shoot am Sonntag, ein anderes Model findet ihren Pass nicht und ein Fotograf für einen Termin am Montag möchte doch noch mal eine neue Runde neue Vorschläge.

A: Wie viele Gesichter schaust du dir geschätzt pro Saison an? 

JL: Wir machen in allen Modestädten immer ein großes Precasting vor den Schauen. Insgesamt sehen wir zwischen 300 und 400 neue Gesichter würde ich sagen.

A: Woran arbeitest du gerade? 

JL: Zur letzten Fashion Week war ich wieder einen Monat auf Reisen, erst New York, dann London, Mailand und Paris. Wir haben ganz unterschiedliche Shows gecasted, von Simone Rocha über Jil Sander bis zu Acne Studio, Hermès, Alexander McQueen und auch zwei spannende neue Labels, Hodakova und All-In. Jetzt gehen die Castings für die nächsten Kampagnen los und auch die Arbeit an den vielen Editorials, also den Modestrecken verschiedener Magazine. Ganz ruhige Phasen gibt
es eigentlich selten in diesem Job.— Silke Wichert