Malgosia Bella und Anja Rubik fotografiert von Juergen Teller auf dem Cover der ersten Ausgabe von Vogue Polska.

Made in Poland

This editor hails from an interesting family. His father Chris is a former Time and Newsweek photo journalist who won the World Press Photo Prize in 1986. No wonder Filip Niedenthal has what it takes to make the Polish Vogue a new standard bearer for fashion journalism from eastern Europe: fearlessness and pride to be polish are the secret ingredients of Vogue Polska

Vor zwei Jahren startete die polnische Ausgabe der Vogue – und gehorchte erst mal so gar nicht den allgemeinen Erwartungen an das berühmte Glamourmagazin. Ein Gespräch mit dem Chefredakteur Filip Niedenthal über die „kleinen Wilden“ unter den Vogues, Fashion made in Poland und die nationalkonservative Stimmung im Land.

Vogue Polska Chefredakteur Filip Niedenthal fotografiert von Stanislaw Boniecki für Achtung Mode Nr. 39.

Achtung Mode: Filip Niedenthal, wenn in den Nachrichten aktuell über Ihre Heimat Polen berichtet wird, geht es meistens über steigenden Rechtspopulismus, protestierende Richter oder härtere Abtreibungsgesetze. Die ideale Vogue-Welt sieht anders aus.

Filip Niedenthal: Das Land kriegt aktuell sicher nicht die beste PR. Was schade ist, denn Polen hat in jeder Hinsicht mehr zu bieten als das.

AM: Ist das Land politisch ähnlich gespalten wie etwa die USA?

FN: Ziemlich. Die nationalkonservative PiS-Partei ist seit 2015 in der Regierung, seitdem sind sie immer stärker und radikaler geworden, aber es gibt auch reihenweise Demonstrationen gegen ihre Politik. Vor allem Frauen haben verständlicherweise das Gefühl, dass ihre Rechte ausgehöhlt werden. Im Frühjahr 2016 kam es zum czarny protest, dem „schwarzen Protest“. Menschen gingen zu Zehntausenden in Schwarz gekleidet auf die Straßen, um gegen die radikale Verschärfung der Abtreibungsgesetze zu demonstrieren.

AM: … und knapp zwei Jahre später erscheint die erste Vogue Polska mit zwei komplett schwarz gekleideten Models – Malgosia Bella und Anja Rubik fotografiert von Juergen Teller – vor einem schwarzen Auto, vor stalinistischer Kulisse. Nicht ganz das, was viele von dem Glamourtitel erwartet hatten.

FN: Die meisten haben eine ziemlich genaue Vorstellung, wie eine Vogue zu sein hat: schön, glamourös, luxuriös. Das war offensichtlich nicht unsere Vision. Das Cover sah obendrein ziemlich grau aus, wir haben im Dezember fotografiert, beim ersten Schneefall. Wir nannten Anja und Malgosia unsere beiden „Agentinnen“, das Auto im Hintergrund ist ein Volga, was natürlich auch kein Zufall war. In den Köpfen älterer Polen ist es das Auto, mit dem die Geheimpolizei die Leute zu Hause abholte. Und trotzdem war die Botschaft für mich immer positiv: Das sind wir, das ist unsere Realität, und es macht keinen Sinn, sich vorzumachen, dass wir in einer anderen Gegend, in anderen Zeiten leben. Wir müssen das Beste aus dem machen, was wir haben, und in die Zukunft blicken. Grafisch gesehen war das Cover übrigens fantastisch.

AM: Das Foto ist mittlerweile legendär, auch weil es so kontrovers diskutiert wurde. Was war Ihre Intention?

FN: Zunächst einmal sollten die Leute sofort erkennen: Das ist Polen. Deshalb sieht man im Hintergrund den Kulturpalast, den Stalin 1955 der Hauptstadt schenkte. Auch wenn viele kritisierten, die Szenerie sehe zu sehr nach Moskau aus – polnische Leser, und an die richten wir uns ja, wissen, dass dieser Wolkenkratzer in Warschau steht. Außerdem wollte ich auf der ersten polnischen Vogue ein polnisches Models zeigen. Glücklicherweise haben wir nun mal zwei heimische Topmodels, die im Übrigen noch nie wirklich miteinander gearbeitet hatten, also wurden es Malgosia und Anja. Als Fotograf hatte ich sofort Juergen Teller im Kopf, war mir aber nicht sicher, ob er die richtige Wahl wäre.

Eine stillende Mutter auf dem Cover – statt sich den Erwartungen an ein Glamour-Magazin zu beugen provoziert die kleine wilde unter den Vogues.

AM: Weil er Deutscher ist?

FN: Nein, nein, den Aspekt hatte ich überhaupt nicht bedacht, obwohl das nach Erscheinen natürlich auch diskutiert wurde. Es ging eher darum, ob wir nicht einen polnischen Fotografen nehmen. Aber Juergens Bilder von Kurt Cobain oder Björk hingen schon an meiner Wand, als ich noch Teenager war. Durch ihn habe ich verstanden, dass Modefotografie auch anders sein kann. Er war einfach unser absoluter Wunschkandidat.

AM: Es gab keine Headline, keine Sublines auf dem Bild – das Cover war in jeder Hinsicht ein Statement. Wollten Sie damit auch zeigen, dass diese neue Vogue nicht einfach die Nummer 23 eines austauschbaren Titels wird?

FN: Das ist sie definitiv nicht.

AM: Ob die ukrainische oder portugiesische Edition, wo etwa die Komikerin Celeste Barber das Model Irina Shayk parodierte und am Ende dafür ein Doppelcover bekam – es sind eher die kleinen „wilden” Vogues, die in den letzten Jahren für Schlagzeilen sorgten.

FN: Als wir anfingen, gab es noch keine Vogue Tschechien, aber schon die ukrainische, die eine sehr kreative Richtung einschlug. Wir sind alle verschieden, aber es scheint durchaus eine kleine Gruppe von ein bisschen abtrünnigen Vogues zu geben, die andere, eigene Wege gehen.

Ein Auszug aus der Mai/Juni Ausgabe der Vogue Polska.

AM: Die Zukunft der Vogue in eher schwierigen Print-Zeiten?

FN: Vielmehr ist local content entscheidend. Für mich – und ich glaube auch für unsere Leser – spielt es eine wichtige Rolle, dass dieses Magazin nicht für irgendwen, sondern genau für sie gemacht ist. Und wenn du dich an die Frauen von heute richtest, geht das gar nicht, ohne politisch zu sein. Wir sprechen diese Themen vielleicht nicht immer direkt an, aber in jeder Ausgabe gibt es etwas, das sich mit der aktuellen Realität von polnischen Frauen beschäftigt. Wir featuren außerdem viele lokale Talente, Schauspieler und Regisseure, Künstler, Designer. In dem ersten September-Issue haben wir so gut wie alles in Polen fotografiert, für die zweite buchten wir ausschließlich Fotografen von hier.

AM: Es gibt außerdem auffällig viel Text.

FN: Ich arbeite seit zwanzig Jahren für verschiedene Magazine in Polen, für Harper’s Bazaar, später für Esquire, und meine Erfahrung hat mich gelehrt: Polnische Frauen ziehen sich sehr gut an und legen viel Wert auf ihr Äußeres – aber Mode ist deshalb nicht zwangsläufig auch ein großes Thema für sie. Vielleicht sind das Spätfolgen des Kommunismus. Als es nichts gab, musste improvisiert werden. Meine Großmutter zum Beispiel ließ sich aus einer Wolldecke, die ihr Mann aus England mitgebracht hatte, von einer Schneiderin einen Mantel nähen. Die Frauen fanden immer einen Weg, aus nichts doch noch etwas zu machen. Das ist hier selbstverständlich und hat womöglich deshalb keine so große Priorität. Unsere Leserinnen sind eher daran interessiert, was kulturell im Land passiert oder was polnische Künstler im Ausland bewegen.

Am 26. Mai feiert Polen den Muttertag, das hat sich Vogue Polska zum Anlass genommen und ihm seine aktuelle Ausgabe gewidmet.

AM: Einer der häufigsten Sätze im kommunistischen Polen war „nie ma“ – „es gibt nichts“. Können Sie sich an diese Zeit erinnern?

FN: Ich bin zwar 1977 geboren, aber nicht wirklich repräsentativ für diese Zeit. Meine polnischen Großeltern sind im Zweiten Weltkrieg nach England geflüchtet, mein Vater ist dort geboren, er hatte einen britischen Pass. Wir konnten also reisen und bekamen viel von Verwandten geschickt. Ich besuchte den amerikanischen Kindergarten, mir mangelte es an nichts. Ich erinnere mich dunkel an die Zeit des Kriegsrechts Anfang der Achtzigerjahre, an Panzer auf den Straßen und Leute, die für alles und überall Schlange standen. Als ich neun war, zogen wir nach Wien, weil mein Vater von dort besser arbeiten konnte. Erst 1993 kamen wir zurück nach Warschau, aber das war ja schon „das neue Polen“.

AM: Ihr Vater, Chris Niedenthal, ist einer der bekanntesten polnischen Fotoreporter. Seine Aufnahmen, etwa über die Solidarność-Bewegung, erschienen in Der Spiegel, Newsweek und Time, 1986 wurde er mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Kam der Wunsch, Journalist zu werden, durch ihn?

FN: Überhaupt nicht. Als Kind interessierte mich seine Arbeit nicht im Geringsten, aber ich habe alles gelesen, was irgendwo herumlag. Neben Newsweek und Der Spiegel hatte mein Vater kurioserweise auch die amerikanische Interview abonniert, damals das beste Heft auf dem Markt und meine Eintrittskarte in die Welt der Mode. Da war ich etwa 10 Jahre alt. Meine erste Vogue bekam ich wahrscheinlich mit elf oder zwölf in die Finger, als meine Mutter sich in Wien mit einer Freundin traf. Linda Evangelista war auf dem Cover, fotografiert von Arthur Elgort. Ich war so fasziniert, dass ich die Ausgabe heimlich in meinen Rucksack stopfte.

AM: Aber haben Sie von Ihrem Vater gelernt, dass man für guten Journalismus auch mal etwas riskieren muss? Also zum Beispiel ein tiefgraues Cover durchziehen?

FN: Mein Vater war in jedem Fall sehr integer. Er wollte die Dinge zeigen, wie sie sind.

Für eine Strecke der aktuellen Ausgabe zeigten erfolgreiche Fotografen wie Juergen Teller ihre Lieblingsbilder der eigenen Mütter.

AM: Wie konnte er seine Bilder damals überhaupt unbemerkt aus dem Land schmuggeln, durch „den eisernen Vorhang“ hindurch?

FN: Wenn ein Zug nach Berlin fuhr, fragte er am Bahnhof irgendwelche Reisenden, ob sie seine Filmrollen überführen würden. In Berlin nahm sie dann ein Kurier entgegen und schickte sie nach Bonn in die Redaktion von Newsweek. Was er im Detail fotografiert hatte, sah er erst, wenn die Bilder gedruckt waren. Mein Vater war zu dieser Zeit auch keine Bekanntheit im Land, sondern arbeitete weitgehend unerkannt. Erst in den letzten Jahren hat er nach und nach seine Negative zurückbekommen und all die Bilder entwickelt, die nie erschienen sind.

AM: Auch Ihre Landsleute entdeckten seine Arbeiten wieder, Ihr Vater avancierte in den letzten Jahren regelrecht zum Star.

FN: Das war eine interessante Erfahrung, zu sehen, wie der eigene Vater auf seine alten Tage noch so etwas wie eine Celebrity wird. Es gibt da plötzlich eine Nostalgie, die so vor einigen Jahren definitiv noch nicht existierte. Mein Vater war auch nie nostalgisch. Er sagt immer, die Realität sei noch schlimmer gewesen, als man es auf seinen Bildern sieht.

AM: Nach „nie ma“, „es gibt nichts“, gibt es in Polen mittlerweile ziemlich viel. Wirtschaftlich geht es Polen so gut wie noch nie, das Wachstum übertrifft das der meisten EU- Länder, die Arbeitslosenquote ist extrem niedrig. Die Bedingungen für ein Luxusmagazin könnten nicht besser sein.

FN: Eine Zeit lang nannten sie uns „die grüne Insel von Europa“. Als alle anderen Länder 2008/2009 in die Rezession rutschten, ging es mit Polen immer noch bergauf. Dementsprechend hoch ist mittlerweile die Kaufkraft der Leute. Nicht zufällig hat im November Hermès seinen ersten Store in Warschau eröffnet, auch Louis Vuitton läuft extrem gut.

Ein Auszug aus einem Editorial der aktuellen Vogue Polska.

AM: Wie sieht es mit der heimischen Modeszene aus?

FN: Sie ist klein und hatte es nie einfach. Es gibt keine Strukturen, um junge Designer zu unterstützen. Wir haben lange mit mehreren Journalisten und Designern für eine Modeschule gekämpft. Mittlerweile gibt es seit zehn Jahren die Modeklasse an der Akademie der Künste in Warschau. Es gab immer tolle polnische Models, aber kaum polnische Designer oder nur hinter den Kulissen. Umso mehr sind wir jetzt stolz auf die Talente, die wir haben – Misbhv von Natalia Maczek und Thomas Wirski, Magda Butrym. Und was vor allem wichtig ist: Leute wie Magda hätten ja längst nach Paris gehen können, sie bleiben aber mittlerweile in Polen, weil sie stolz sind auf ihre Heimat.

AM: So wie Sie selbst? Studiert haben Sie in England, sind dann aber Ende 1999 nach Warschau zurückgekehrt.

FN: Ich erinnere mich noch gut, dass ich früher nur ungern gesagt habe, woher ich komme. Meistens habe ich mich als Engländer ausgegeben, weil ich ja schließlich auch einen britischen Pass habe. Aber nach dem Studium wollte ich unbedingt zurück nach Polen, nicht nur weil ich glaubte, die Perspektiven seien hier besser für mich, sondern weil es in diesem Land noch viel zu tun gibt und ich ein Teil davon sein wollte. Wir können die Wahrnehmung von Polen verändern, gerade jetzt.