Made in Germany: Reiner Holzemer

Reiner Holzemer fotografiert von Thomas Gothier am 14. September 2025 in München
Der deutsche Filmemacher über seine bewegten Modeportraits von Margiela, Dries & Akris
Dokus sind die neuen Trophäen der Modewelt. Ralph hat eine, Raf auch und die Vogue sowieso: Die filmische Hommage an das eigene Werk ist längst ein eigenes Genre. Kein Wunder, klingen Diven, Dramen und Designerwahnsinn fast wie gemacht für Hollywood. Doch leider verkommt der Stoff oft irgendwo zwischen Imagepflege, Selbstinszenierung und gut getarnter PR. Nur selten geht es um echte Einblicke. Wer genau die sucht, muss nach München – zu Reiner Holzemer. Der deutsche Filmemacher kommt den Großen der Mode so nah wie kaum ein anderer. Seine Werke über Dries Van Noten oder Martin Margiela sind leise und überraschend unprätentiös – fast so, als ginge es ihm wirklich um Menschen. Mon dieu!
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JUST AS MUCH AN ENIGMA AS THE ENIGMA HE’S GOT TALKING. DOCUMENTARY FILM MAKER REINER HOLZEMER FROM MUNICH BROKE INTO THE FASHION WORLD WITH HIS DRIES VAN NOTEN AND MARTIN MARGIELA FILM AND MANY HAVE FOLLOWED SINCE INCLUDING AKRIS. WE TALK TO HIM ABOUT HIS ART OF CONVINCING.

Film Poster Martin Margiela – In his own words by Reiner Holzemer

Film Poster: Dries – A film by Reiner Holzemer
Nicole Urbschat: Du hast Porträts von Dries Van Noten und Martin Margiela geschaffen – Persönlichkeiten, denen sonst kaum jemand so nahekommt. Warum ausgerechnet du?
Reiner Holzemer: Keine Ahnung. Vielleicht weil ich unglaublich geduldig bin und Vertrauen zu meinem Gegenüber aufbauen kann? Generell empfinde ich es ja als ein großes Privileg, so nah an eine Person heranzukommen, in ihr Leben einzutauchen. Ich zeige meinem Gegenüber, dass das für mich keine Selbstverständlichkeit ist. Dabei geht es auch viel um Respekt und Wertschätzung. Mir geht es darum, intime Porträts zu schaffen und den Zuschauer:innen Einblicke zu geben, die sie sonst nie bekämen. Dafür braucht es eine teilnehmende Zurückhaltung. Und Nähe.
NU: Wird manchen nicht das gerade zu viel – diese Nähe?
RH: Am Anfang herrscht oft Skepsis und Zurückhaltung – nach dem Vorgespräch schauen viele erst mal: Was macht der da mit seiner Kamera? Und am Ende bist du fast Teil der Familie. Diesen Prozess schätze ich sehr.
NU: Das hat also etwas mit Vertrauen zu tun.
RH: Vertrauen ist keine Selbstverständlichkeit, man muss sich das erarbeiten. Ich würde eher sagen, das hat mit einer persönlichen Haltung zu tun. Und ich gebe den Leuten in der Regel auch die Gelegenheit, den Film als Erste zu sehen. Das macht auch nicht jede:r. Aber ich finde, wenn man Vertrauen einfordert, dann muss man es auch schenken.
NU: Riskiert man damit nicht, dass einem die kritischen und somit spannendsten Szenen gestrichen werden?
RH: Es ist ja nicht meine Absicht, jemanden fallen zu sehen. Natürlich gibt es Stimmen, die meine Arbeit als unkritisch sehen. Aber auch Martin Scorsese dreht keinen Film über Bob Dylan, um dessen Musik zu zerreißen. Meine Projekte entstehen immer aus einer gewissen Bewunderung – schließlich verbringe ich ein Jahr oder länger mit den Menschen. Ohne Sympathien wäre das kaum auszuhalten. Und meine Erfahrung ist: Die meisten sind viel offener, als man denkt. Dries etwa ließ mich vier Tage auf sein Feedback warten – und wollte am Ende einfach nur mehr farbige Entwürfe im Film sehen.
NU: Trotzdem gibt es doch sicherlich den Moment, an dem man denkt: Ach Mist, das wäre jetzt doch schon wichtig für die Story gewesen.
RH: Um diese Szenen kämpfe ich natürlich, wenn sie für den Film oder die Erzählung wichtig sind. Dann muss man mit den Protagonist:innen über die Bedeutung und Wirkung der Szene sprechen. Meistens versteht das Gegenüber das sehr gut, manchmal weniger. Lars Eidinger hat all meine Entscheidungen verstanden. Er war einer der Wenigen, der in der Lage war, sich als Lars in der Rolle des Lars Eidinger zu betrachten. Extrem schwierig war es mit Martin Margiela.
NU: Weil er sich nicht zeigt?
RH: Dass er nicht im Bild erscheinen würde, war von Anfang an klar. Aber er wollte erst auch nicht sprechen – für mich undenkbar. Es gab die Idee, dass ein Schauspieler seinen Text sprechen könnte, aber ich brauchte etwas Persönliches von ihm, sonst hätte der ganze Film keinen Sinn gemacht. Nach viel Überredung hat er dann, anstatt frei zu sprechen, Texte vorgelesen, – da bin ich fast verzweifelt. Jetzt hatte ich ihn schon so weit und musste ihm sagen, dass auch das nicht funktioniert. Also habe ich ihm gesagt: „Heute Morgen hast du mir eineinhalb Stunden lang wunderbar erzählt, was du alles sagen willst. Morgen bekommst du ein Mikrofon ans Revers, das permanent aufnimmt.“ Das war die Lösung und für uns beide ein wunderbarer Moment.
NU: Weil du das Mysterium Margiela endlich „geknackt“ hattest?
RH: Weil man hört, wenn jemand seine Stimme findet, wie die Person plötzlich sie selbst ist. Letztlich versuche ich ja nur, einen Rahmen zu schaffen, in dem Menschen wirklich sie selbst sein können. Das merkt man dann auch im Film – das erreicht die Zuschauer:innen ganz anders.
Trailer: Martin Margiela – Mythos der Mode © RH Film
NU: Thom Browne, Martin Margiela, Dries Van Noten – das sind alles One-Man-Geschichten. Jetzt ein Film über ein Modehaus, Akris, warum?
RH: Mich hat vor allem die Familiengeschichte interessiert. So etwas findet man in der Modebranche immer seltener – dass eine Familie über so lange Zeit ein Haus führt, unabhängig bleibt. Heute kaufen die großen Marken die kleinen auf und dann tauschen sie alle paar Jahre die Designer:innen aus. Mich hat auch interessiert, wie man das schafft, aus der Provinz heraus international wahrgenommen zu werden, in Paris dabei zu sein. Die Schweiz ist ja nicht gerade für Mode bekannt – eher für Käse, vielleicht noch für Uhren.
NU: Muss man da nicht aufpassen, dass so ein Film nicht zu einer historischen Familien-Saga „verkommt“?
RH: Ich mache ja weder Historien- noch Marketingfilme. Entscheidend ist, wie man eine Familiengeschichte erzählt. Mich hat vor allem dieses Band zwischen den Brüdern fasziniert – jemanden an seiner Seite zu haben, der einen als Kreativen ergänzt. Das fand ich schon einzigartig in dieser Familie. Um das im Film sichtbar zu machen, braucht es Sensibilität, kleine Gesten: etwa, wenn Albert die Fusseln vom Pullover seines Bruders streicht.
NU: Oder wenn Dries Van Noten seine farblich abgestimmten Blumengebinde minutiös arrangiert und fünfmal hin- und her rutscht, bevor sie für ihn an der richtigen Position stehen.
RH: Diese Szene ist für mich eines der wichtigsten Motive im Film, weil sie zeigt, wie durch und durch perfektionistisch Dries ist. Deshalb wollte ich unbedingt bei ihm zu Hause drehen – nur so konnten solche Momente überhaupt entstehen und eingefangen werden. Man kann ja nicht einfach sagen: „Kamera an, und jetzt bitte deinen Perfektionismus zeigen.“ Das funktioniert nicht. Das sind Momente, die kannst Du nicht planen oder inszenieren, Du musst sie in der Realität finden. Und genau diese Szenen sind es, auf die mich die Leute noch nach vielen Jahren ansprechen. An die Kollektionen erinnert sich kaum jemand – aber an die Blumengesteck-Szene erinnern sich alle.
NU: Das muss doch jedem:r Designer:in das Herz brechen.
RH: Sicherlich. Aber die Zuschauer:innen wissen ja, dass da jemand ist, der großartig designen kann. Was sie nicht wissen, wie der Mensch hinter der Mode tickt.
NU: Das ist es also, was einen guten Modedokumentarfilm ausmacht.
RH: Letztendlich geht es nicht um die Mode. Es geht um die Menschen. Und vielleicht darum, ein menschliches Antlitz des ganzen Modezirkus zu zeigen. Ich würde mich jetzt auch nicht als Mode-Dokumentarfilmer bezeichnen. Das wäre Blödsinn.
NU: Wieso?
RH: Weil es in meinen Filmen nie nur um Mode geht. Wenn einer meiner Filme Premiere feiert, lade ich meist auch Freund:innen aus meinem Münchner Viertel ein – Rechtsanwält:innen, Ärzt:innen, Ingenieur:innen. Menschen, die sich sonst nie einen Film über Mode anschauen würden. Und genau diese Leute kommen danach zu mir und sagen: „Ich hätte nie gedacht, wie sehr das auch mit meinem eigenen Leben zu tun hat.“ Ob Martin, der merkt, dass er in die heutige Modewelt nicht mehr passt, oder Albert und Peter, die ein Familienerbe in die Zukunft führen müssen – diese Konflikte kennt jede:r. Das sind die Momente, in denen sich der Film von der Mode löst, real wird und eine menschliche Dimension bekommt.
NU: Wo Mode also plötzlich sehr persönlich wurde.
RH: Bei Thom Browne zum Beispiel erzählt einer seiner Mitarbeiter, wie es für ihn war, als er zum ersten Mal im Rock auf die Straße gegangen ist. Das war unglaublich bewegend. Oder als Martin Margiela mir die Barbies und Modezeichnungen aus seiner Kindheit zeigte und anschließend erzählte, dass seine Eltern ihm verboten hatten, sie anderen zu zeigen.


NU: Mode war vor Dries nicht dein Thema. Gab es für dich irgendwann ein Mode-Aha-Erlebnis?
RH: Natürlich hatte ich Vorurteile. Alles nur Schall und Rauch, Oberflächlichkeiten. Als mich Dries dann im September 2013 zu seiner Show einlud, stand da plötzlich nur ein riesiger Verstärker auf dem Laufsteg. Ich dachte: Was soll das? Und dann ging das Licht an, Colin Greenwood von Radiohead kam raus, steckte seine Bassgitarre in den Verstärker und fing an zu improvisieren – und die Models liefen zu seinem Sound. Das hat mich fasziniert. Und Backstage, die Begegnung mit Dries selbst, das war auch ein Schlüsselmoment: Da habe ich verstanden, wie viel Handwerk, Kreativität und auch harte Arbeit in Mode steckt.
NU: Wann kam dir erstmals die Idee, einen Dokumentarfilm über Mode zu drehen?
RH: Ich hatte zuvor vor allem Filme über Fotografen gemacht. 2011 einen Film über Juergen Teller, da gab es ein Shooting bei Dries Van Noten im Garten, das ich begleitet habe. Dries selbst war auch dabei. Ich war überrascht, wie er im besten Sinne „normal“ wirkte. Überhaupt nicht extrovertiert. Eher zurückhaltend. Diese Diskrepanz zu der vermeintlich lauten Modewelt hat mich gereizt. Schlussendlich hat es dann drei Jahre gedauert, bis ich ihn endlich von einem Film über ihn überzeugen konnte. Ich war sehr geduldig.
NU: Eineinhalb Jahre Dreh, etliche hundert Stunden Filmmaterial – entscheidet da am Ende eigentlich noch der Kopf oder nur das Bauchgefühl? Woran erkennt man, was am Ende im Film bleibt?
RH: Das spürt man oft schon beim Drehen. Wenn ich danebenstehe und sehe, wie jemand etwas berührt – und es berührt mich zugleich – dann weiß ich: Das ist es. Auch im Schneideraum arbeiten wir so. Ich sage meinem Cutter immer: Wenn wir lachen müssen oder wenn uns eine Szene, ein Moment, emotional erreicht, dann gehört das unbedingt in den Schnitt.

Reiner Holzemer fotografiert von Thomas Gothier am 14. September 2025 in München

