Made in Germany #43

Frank Leder

Chef-Sachen: Der Nürnberger Frank Leder macht längst nicht mehr nur gute Herrenkleidung, er entwirft auch die Uniformen für einige der besten Restaurants in Deutschland und stattet sie und andere besondere Orte mit maßgeschneiderten Seifen und Pflegeprodukten aus.

Zwei Thesen, die gar nicht so steil sind, wie sie auf Anhieb klingen: Frank Leder ist der wahrscheinlich deutscheste unter den deutschen Designer*innen. Außerdem ist er der vielleicht am meisten unterschätzte deutsche Designer. 

Für Ersteres reicht ein Blick auf Leders Kollektionen. Also ein richtiger Blick, der nicht nur auf der Oberfläche haften bleibt, sondern sich der ganzen „Thematik“ widmet, wie der Designer es selbst gern nennt. Das ist ja auch ein irgendwie sehr deutsches Wort und Leder hat jede Menge Thematik. Für sein Herrenlabel entwirft er nie einfach nur ein Stück Stoff, jedes Design hat eine Geschichte, einen kulturellen Hintergrund und der ist in der Essenz immer ziemlich deutsch; alles getragene Heimatkunde sozusagen. 

Allein die gotische Schrift seines Labels ist prägnant altdeutsch, die Lookbooks werden stets in heimischer Szenerie fotografiert. Der Designer lässt ausschließlich in Deutschland fertigen und bezieht auch viele seiner Stoffe hier. Knöpfe stammen oft aus alten Beständen und erzählen so schon ihre eigene Geschichte. Aber auch die Schnitte seiner Männerkollektionen haben ihre ganz eigene deutsche Thematik. Da finden sich dann oft Anleihen von Trachtenelementen wieder oder von traditioneller deutscher Zunft- und Berufskleidung, etwa des Handwerkers auf der „Walz“. „Da geht es ja um Kleidung als Erkennungszeichen, um deutsche Alltagskultur, die heute gar nicht mehr jeder kennt“, erzählt Leder. In Deutschland selbst wollen viele davon auch lieber gar nichts wissen. Der Blick geht betont über den Tellerrand hinaus, ohne die eigene, gar nicht so üble Suppe auszulöffeln, wenn man so will. 

Dafür lieben sie den kulturellen Unterbau im Ausland um so mehr, wo deutsche Mode, die auch deutsch sein will, geradezu exotisch ist. Womit wir bei der zweiten Behauptung wären, dass Frank Leder hoffnungslos unterschätzt ist. Denn auch, wenn vielen hierzulande der Name nicht geläufig ist – das Label hängt in 80 Läden weltweit. Rund 60 Prozent wird in Asien verkauft, darunter viele südkoreanische und japanische Kund*innen, etwa 30 Prozent in Nordamerika. Und das sind keine kleinen Kollektionen mehr wie zu den Anfängen vor 15 Jahren, sondern rund hundert Teile pro Saison. „Ich denke immer, ich müsste mich endlich mal mehr um den deutschen Markt kümmern“, sagt Leder und lacht. „Aber im Grunde bin ich seit Jahren immer komplett ausgelastet.“ 

Der 47-Jährige stammt ursprünglich aus Nürnberg, studierte am Central Saint Martins College in London und ließ sich dann in Berlin nieder. Sein großes Studio mit angeschlossener Wunderkammer aka Showroom liegt in einem herrschaftlichen Vorzeige-Altbau in der Kantstraße. Von so einem komfortablen 200-Quadratmeter-Ort geht man so schnell nicht wieder weg. Womöglich erweitert Leder deshalb statt seinem Radius lieber sein Repertoire stetig. Denn der Designer macht längst nicht mehr nur gute Herrengarderobe. Er schneidert mittlerweile auch die Uniformen für einige der besten Restaurants Deutschlands. Die Schürzen und Tunikas für die Barkeeper im Tantris, die Kleidung für das Personal im Ernst oder im 100/200 Hamburg, die gerade ihren zweiten Stern bekommen haben. „Bei Arbeitskleidung ist der Designprozess ein ganz anderer“, sagt Leder. „Die Sachen müssen ständig gewaschen werden. Da kann man keine feinen Stoffe nehmen, alles muss fest gewebt und äußerst stabil sein.“ Synthetik komme für ihn trotzdem nicht infrage, lieber verwendet er etwa für die Hemden Leinen und arbeitet mit einem Hersteller in Belgien zusammen, der weltweit die beste Qualität liefert. „Die Tunikas im Berliner Nobelhart & Schmutzig haben wir dann extra in einem eigenen Grauton gefärbt, der zum Interieur passt.“ Auch die Herangehensweise an die Schnitte sei ganz anders. Alles muss „atmen“ können, die Hosen müssen weiter sein, vielleicht eine Bundfalte haben, damit sich die Kellner*innen bücken können. Man braucht genug Taschen für Barmesser und andere Utensilien. „Man muss schon mitdenken“, sagt Leder. Was übrigens, egal ob bei Kleidung oder sonst wo, grundsätzlich nicht schadet. 

Leders neueste „Thematik“ heißt Heureka und ist eine Erweiterung seiner Pflegelinie Tradition, die bislang auch eher unter dem Radar blieb, aber nun immer erfolgreicher wird. Verkauft werden sie bei MDC in Berlin, gerade hat Ludwig Beck die Serie geordert. Die Produkte heißen hier Roter Preßsack (Handseife), Weißenbier (Shampoo) oder Deutsche Eiche (Badeöl). Alles gewollt klischeemäßig deutsch, extra derb. Es war als Augenzwinkern gemeint, ist nun aber perfekt für den boomenden Kosmetikmarkt und einen Zeitgeist, der ihn aus seiner femininen Nische holt. Heureka steht nun für Leders neuesten „Geistesblitz“: maßgeschneiderte Pflegeprodukte für Restaurants oder andere besondere Orte. „In Spitzen-Restaurants ist alles durchdacht, die Einrichtung, das Essen, die Weine – und dann steht auf den Toiletten irgendeine Seife oder Gel von Aesop, wenn es gut läuft.“ Die Idee kam ihm, als er in den Zumthor-Ferienhäusern in der Schweiz Urlaub machte und der Sohn des Architekten seine Tradition-Produkte entdeckte. Ob man nicht etwas Ähnliches speziell für die Häuser machen könnte? Also entwickelte Leder das Duschgel Heu und das Haarshampoo Arvenholz sowie eine Rauchseife, alles Essenzen aus der unmittelbaren Umgebung. Beim Ernst wiederum duftet die Seife nach Brot, weil es genau das dort ja nicht zu essen gibt. Für das Tantris wiederum entwarf Leder eine Handseife mit Patchouli, Rosengeranie, schwarzem Pfeffer und Rhabarber. Demnächst bekommt das Restaurant noch einen Raumduft mit Flakon der Manufaktur Nymphenburg und einer Verpackung von Gmund. 

Wie bei seinen Kollektionen, entwickelt der Designer ein Konzept, taucht in die Thematik des jeweiligen Ortes ein, sammelt dort Kräuter oder Gegenstände für den Duft. Die Produkte werden dann allerdings nicht in der Kantstraße, sondern im Bregenzer Wald hergestellt. Mittlerweile lässt Leder auch Desinfektionssprays mixen, damit man sich nicht dieses billige Industriezeug auf die Haut spritzen muss. Eines allerdings sei bei allen Kreationen für Restaurants besonders wichtig: „Sie dürfen nicht zu intensiv sein“, sagt Leder. „Man kehrt ja nach dem Händewaschen und Eincremen an den Tisch zurück. Der Duft darf das Essen auf keinen Fall überlagern, sonst stimmt das ganze Geschmacks­erlebnis nicht mehr.“ Mitdenken hilft eben.   

This article first appeared in Achtung Mode Nr. 43

Fotografiert im März 2022 in Frank Leders Studio in Berlin exklusiv für ACHTUNG Nr. 43