Total look RIER; Socks FALKE

Made in Austria: Loden

Das Alpen Gwand bekommt Aufwind

Loden ist so etwas wie das Wiener Schnitzel der Mode: ein einfaches Prinzip, das jeder zu kennen glaubt – und das doch nur wenige wirklich beherrschen. Zwischen billigen Kopien und echtem Handwerk liegen Welten. Dank robuster Beständigkeit in unsicheren Zeiten feiert das Lodengwand gerade wieder Comeback. Grund genug also im Zuge unserer Fotoshoots für ACHTUNG 51: Das Model auch  für einen Abstecher nach Österreich zu fahren, dorthin, wo heute noch eine der ältesten Lodenfabriken steht. Mit im Gepäck unsere Auswahl jener alpenländischen Mode, die längst nicht mehr im engen Reservat von Tracht und Jagd verharrt.

FOR US, LODEN IS THE FABRIC OF THE SEASON AND ALPINE STYLE LOOKS BEST WHERE IT COMES FROM, FOR EXAMPLE THE CITY OF INNSBRUCK. MIXING TRADITIONAL PIECES FROM VIENNESE TAILOR NIEDERSUESZ WITH FASHION FORWARD BRANDS LIKE RIER IS THE SECRET SAUCE AND NOW SOMEWHAT THE LOOK OF MEN’S WEAR.

Suit NIEDERSUESZ

Ren´e Storck Mantel

Coat RENÉ STORCK

JACKE VON RIER

Jacket RIER

Goldenes Dachl, Innsbruck, AT

Goldenes Dachl, Innsbruck, AT

Mit den Olympischen Spielen in Cortina – einer willkommenen Projektionsfläche für logo-schwere Capsule-Kollektionen und algorithmengerechte Après-Ski-Träume (TikTok hat dafür längst ein eigenes Genre) – erlebt das alpine Gwand ein stilles Revival. Und mit ihm: Loden.

Zeit also, den Blick zu schärfen und das Ganze abseits jener buzzwords wie „Handwerkskunst“ und „Nachhaltigkeit“ einmal genauer zu betrachten. Der gemeinsame Nenner zuerst: Loden – oder Walk – gewalkte Wolle, verdichtet durch Wasser und Reibung. Die traditionellen Stoffe bilden das Fundament einer breiteren Re-Orientierung – angetrieben weniger von alpiner Romantik als vom urbanen Wunsch nach Qualität und Beständigkeit. Schließlich findet man die modischen Konsumenten, die diesen Trend tragen, eher in den (Mode-)Metropolen der Welt als in den österreichischen Bergen.

Die Gegenwart liebt halt Extreme. Während das vergangenen November unter massiver Kritik eröffnete Shein-Flagship in Paris derzeit kaum mehr als 2.000 Euro Tagesumsatz verzeichnet, sitzt nur drei Straßen weiter Andreas Steiner mit seinem Label Rier – am anderen Ende desselben Systems. Der Südtiroler präsentiert seit Jahren eine Mode, deren alpine Herkunft klar lesbar ist – ohne darauf reduziert zu werden. Er gehört zu den wenigen, die echten Enthusiasmus für Stoffe und deren Verarbeitung zeigen. Doch er steht längst nicht allein. Das Münchner Label Maison Rose, der Frankfurter René Storck, und sogar die Konfektionslinie von 032c greifen auf Loden zurück. Die Klassiker – Lodenfrey, Niedersuesz, Gössl – liefern das Fundament. Sie alle tragen dazu bei, den Stoff neu zu positionieren. Was viele dieser Namen und Firmen gemeinsam haben – abgesehen vom Anspruch, den Loden und das Gwand fortwährend beständig zu machen –, ist die Bezugsquelle des Stoffs: Leichtfried Loden. 

Gegründet 1884 in der österreichischen Steiermark und mittlerweile in der fünften Generation geführt von Josef Leichtfried, mit dem wir uns für dieses Shooting über den Loden-Status-Quo und seine Firma unterhalten haben. Wie es zu Gründungszeiten üblich war, produzierte man als eine von sehr vielen kleinen Loden-Walkereien ausschließlich den Loden für Arbeitsuniformen. Erst mit Erzherzog Johann wurde der Stoff alltagstauglich, sogar salonfähig und gliederte sich abrupt in die Trachtenproduktion ein – wo er heute nicht mehr wegzudenken ist. Das funktionierte eine ganze Weile – bis in den späten 1970er-Jahren Österreichs Bekleidungsindustrie auseinanderzufallen begann.
Viele Betriebe kollabierten unter dem Druck eines globalisierten Modemarkts und hielten dem internationalen Wettbewerb nicht stand. Als Überlebensstrategie entschied man sich bei Leichtfried Loden, Wolle aus Australien zu importieren – gilt die Merinowolle aus Down Under doch als eine der feinsten der Welt. Zusätzlich erweiterte man die Farbpalette des sonst typisch grau-blau-grünen Lodens und auf einmal war ein Janker auch in Zitronengelb oder Flieder möglich. Das eröffnete bisher unberührte Märkte und heimste dem Betrieb über die Jahre Projekte mit Chanel, Dior, Saint Laurent oder Helmut Lang für Gössl und seine damalige Fallwick-Kollektion ein. 

Bis heute werden die Stände bei den größten internationalen Stoffmessen in Paris und Mailand bespielt, Leichtfried-Repräsentanzen gibt es mittlerweile in den USA, Südkorea, Japan, England und Polen. Klingt erstmal nach großer Modewelt, reicht aber leider nicht aus, die Webstühle am Laufen zu halten. Dafür braucht es bei Leichtfried eher die unerwarteten Kunden und Kooperationen fernab der Mode. So lässt beispielsweise die norwegische Outdoor-Firma Amundsen eigens Stoffe bei Leichtfried entwickeln – heutzutage eine wahre Seltenheit. Auch das Interior-Business wird zum strategischen Spielfeld: Loden-Vorhänge, die man, um die Kundschaft nicht zu verwirren, lieber Wollstoff-Vorhänge nennt, öffnen die Tür zu Architekturaufträgen, unter anderem von den Wienern Franz & Sue. Vorausschauend, sagt Josef
Leichtfried, liegt das größte Potenzial in der weiteren Erschließung internationaler Märkte – Asien und die USA allen voran. Dort ist Loden weitestgehend niemandem ein Begriff, der Markt fast unberührt. Das muss geändert werden, schließlich geht’s hier ja um guten Stoff.

—Alex Rottenmanner

Loden Look von RIER

Total look RIER; Socks FALKE

Lodenmantel aus Loden von Lodenfrey

Coat LODENFREY via LODENFREY.COM

Loden Mantel von Lodenfrey

Coat LODENFREY via LODENFREY.COM; Gloves 032c

Loden Mantel von René Storck

Coat RENÉ STORCK

Loden Jacke von Gössl

Jacket GÖSSL; Collar rib 032c; Pants and shoes RIER

COAT RENÉ STORCK AUS LODEN

Coat RENÉ STORCK; Jacket and pants 032c; Shoes VINTAGE CAROL CHRISTIAN POELL

Lodenjacke von Fallwick

Jacket VINTAGE FALLWICK FROM THE GÖSSL FAMILY ARCHIVES. Fallwick was Gössl’s designer collection, introduced in 1985 and designed by Helmut Lang.

Jacket RIER

Jacket and pants RIER

Loden Jacke von Maison Rose

Jacket MAISON ROSE

Loden Anzug von NIEDERSUESZ

Suit NIEDERSUESZ

This article first appeared in ACHTUNG Nr. 51

Title image: Total look RIER; Socks FALKE. Model: Max Schönwiese|SP Models. Photo assistance: Lina Mendoza. Styling assistance: Lakota Wijonarko