Kann guter Geschmack geschmacklos sein?

Das MAK in Wien blickt kritisch auf den Modekonsum

Sechzig Kleidungsstücke kaufen Menschen in Deutschland durchschnittlich pro Jahr. Jedes Fünfte davon wird so gut wie nie getragen. Und so häufen sich jährlich insgesamt 1,3 Millionen Tonnen Alttextilien in deutschen Privathaushalten im Müll. So viel wie 100 Eiffeltürme wiegen. Gekauft, kaum oder nur kurz getragen, weggeworfen. Wie konnte es so weit kommen? Wie kann der Konsum dermaßen vom Weg abgekommen sein? Und wann hat das alles angefangen?

MAK Ausstellungsansicht, 2023, Critical Consumption, MAK Galerie © MAK/Georg Mayer

Es begann mit einer Puppe. Ihr Name war Pandora. Als es noch keine Modezeitschriften gab, keine Werbeunterbrechungen im Fernsehen, keine Shopping-Hauls auf TikTok, Instagram und YouTube, um den Konsum anzukurbeln, reisten Miniatur-Puppen von Paris aus durch die ganze Welt, nach Russland, Deutschland, Italien. Sie wurden von Modehäusern verschickt, um ihre neusten Trends zu verbreiten. Pandora war die erste Modebotschafterin der Menschheitsgeschichte ­– vor über 500 Jahren. Sie dienten den Hofschneidern als Modelle zum Nachnähen. Wie bei den Modeinfluencern heute war es schon damals Pandoras Hauptaufgabe, bei den Menschen das Gefühl auszulösen: Das brauche ich auch! Der letzte Gedanke, bevor im schlimmsten Fall ein Kaufrausch losbricht. Zum ersten Mal wurden Trends global, Inspiration ging über die Menschen hinaus, die einem im Alltag umgaben, die Eindrücke wurden immer mehr und damit auch der Wunsch, immer mehr Mode zu besitzen. Wenn man so will, hat sich der Konsum von Pandora an nur noch potenziert.

MAK Ausstellungsansicht, 2023, Critical Consumption, MAK Galerie © MAK/Georg Mayer

In einem Ausstellungsraum im untersten Geschoss des Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) lassen sich Pandoras Schuhe besichtigen und all die Konsumübel, die nach ihr kamen. Kustodin Lara Steinhäußer eröffnet in der Ausstellung „Cricitcal Consumption“ den Blick auf den ständigen Wunsch nach Neuem, den schnellen Wandel der Mode und all ihre Schattenseiten und auf das, was dennoch Hoffnung machen kann.

Puppenschuhe mit Absatz und Zierband, 18. Jh. Seide, Ledere © MAK/Branislav Djordjevic

Puppenschuhe mit kariertem Stoff und Zierband, 18. Jh. Leinen, Leder, Seide © MAK/Branislav Djordjevic

Pandoras braune Schuhe mit Rosa Bordüre stehen in einer Vitrine im Zentrum des lang gezogenen Ausstellungsraums, der durch Neonlicht, schwarze Fassaden und Beamer, die Bilder auf Stoffvorhänge projezieren, ein bisschen den Anschein erweckt, als würde man durch eine hippe Mode Boutique laufen. Sorgfältig ausgewählte, etwas erdrückende Fakten zum Thema Konsum werden hier ausgestellt, aufgearbeitet in einer Sammlung aus historischen Objekten, Leihgaben und zeitgenössischer Kunst. Der Raum wirkt nicht nur wie eine Boutique, Steinhäußer will ihre Gäste tatsächlich zum Konsum animieren. Zum Konsum von Wissen. Zahlen, kritische Fragen und historische Fakten sind auf weiße Baumwoll-T-Shirts gedruckt, die Bügel an Bügel auf einer Kleiderstange hängen. So kann man durch den Abgrund des Modekonsums stöbern wie durch die Kleiderauswahl bei einem Stadtbummel. Auf reinem Weiß in Schwarz gedruckt steht: „Rund 80 Prozent unserer Altkleider werden weder wiederverwertet noch recycelt, sondern landen im Müll.“ Oder: „Unter zwei Prozent der in der Bekleidungsherstellung Beschäftigten verdienen einen existenzsichernden Lohn.“ Oder: „Kann guter Geschmack geschmacklos sein?“

MAK Ausstellungsansicht, 2023, Critical Consumption, MAK Galerie © MAK/Georg Mayer

In der Mitte des Raumes leitet eine Vitrine an der geschichtlichen Entwicklung des Konsums entlang. Von der Puppe der Pandora über die Erfindung der Synthetik Faser, die Industrialisierung bis hin zum überbordenden Konsum, wie wir ihn heute kennen.

Hinten links in der Ecke des Ausstellungsraumes brennt es. Ein riesiger Flammen-Print auf Polyesterstoff erinnert an Jeon Tae-il. Einen südkoreanischer Näher, der sich im Alter von 22 Jahren aus Protest gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in südkoreanischen Fabriken durch Selbstverbrennung das Leben nahm. Seine Schwester startete im Andenken an den Tod ihres Bruders eine Protestbewegung unter den Worten: „They are not Machines“. Die Flammen sind ebenfalls auf ein T-Shirt gedruckt. „Man kann in die Katastrophe reinschlüpfen, sie direkt auf der Haut tragen“, sagt die Kustodin Lara Steinhäußer: „Aber will man das?“

Der Flammen-Print auf Polyesterstoff erinnert an Jeon Tae-il, ein südkoreanischer Näher, der sich im Alter von 22 Jahren aus Protest gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in südkoreanischen Fabriken durch Selbstverbrennung das Leben nahm. © Ines Doujak

„Konsum ist nicht ausschließlich schlecht“, sagt Steinhäußer auch. Es sei normal, dass man mit Kleidung seinen sozialen Status verbessern und das Beste aus sich herausholen wolle. „Eigentlich“, sagt Steinhäußer, „kann man der Mode eh nicht entkommen.“ Ziel der Ausstellung sei es daher: „Die eigenen Handlungsspielräume zu erkennen“, sagt Steinhäußer, „Vielleicht sogar eine Konsum-Revolution zu starten.“  Dafür müsse man sich die Frage stellen: Was ist mir wirklich wichtig, was will ich und was will ich nicht mit meinem Konsum unterstützen?

MAK Ausstellungsansicht, 2023, Critical Consumption, MAK Galerie © MAK/Georg Mayer

In einer anderen Ecke des Raumes läuft ein 15-stündiger Film in Dauerschleife, der Aufnahmen aus einer Nähfabrik in China zeigt. Drei Sekunden braucht der Mann im Video, um eine Naht zu schließen. Stoffteile greifen und aneinanderlegen. Eins. Fußschalter drücken und Naht schließen. Zwei. Stoffteil weglegen. Drei. Die Aufnahmen machen unmissverständlich klar: In der Zeit, in der man diese Ausstellung besucht, sind etliche weitere Kleidungsstücke weltweit produziert worden, im Minutentakt. Bis es am Ende des Jahres nach Hochrechnungen weltweit unglaubliche 1,18 Milliarden Kleidungsstücke sein werden.

Steinhäußer entlässt die Besucher jedoch nicht ohne Hoffnung aus der Ausstellung. Hoffnung in Form von Druckfarben aus Algen, Kleidung aus dem 3-D-Drucker, für die keine Stoffreste im Zuschnitt verschwendet werden müssen. Innovationen, die einen Konsum ohne Ausbeutung von Mensch und Umwelt möglich machen sollen. Im Grunde versuchen sie rückgängig zu machen, was seit der Pandora schiefgelaufen ist.

Ein Jahr lang kann die Ausstellung bis zum 08.09.2024 im Museum für angewandte Kunst in Wien besucht werden.

Wang Bing, Dokumentarfilm 15 Hours, Hongkong, 2017, Courtesy Galerie Chantal Crousel, Paris © Wang Bing