Kaiser by Kaiser

Eine biografische Annäherung

Es ist ja so mit Lebensgeschichten: Meist ist das, was die Leute sich vorstellen, weit stimulierender als die Wirklichkeit. Auf niemanden trifft dies wohl mehr zu als auf Karl Lagerfeld. Was hat man dem deutschen Meister der Mode und wohl grössten Designer der letzten Jahrzehnte nicht alles angedichtet! Er besitze 2.400 weisse Hemden zum Beispiel, lese am Morgen 20 Zeitungen und trinke niemals warme Getränke. Kurios klingend, aber durchaus gewollt war das von ihm, der sich in unvergleichbarer Selbstironie «Logofeld» nannte, konnte er so doch seine eigene Lebensgeschichte hinter einer Kunstfigur verstecken.

Auch für unseren liebsten Achtung-Autor Dr. Alfons Kaiser, einen der wichtigsten Modekritiker Deutschlands, blieb Lagerfeld stets ein Mythos. Trotz der vielen Begegnungen und obwohl «Kaiser Karl» fast liebevoll, wenn nicht zumindest anerkennend, «Der Kaiser kommt» rief, wenn Alfons Kaiser nach den Schauen in Paris auf ihn zukam.

Genähert hat Alfons Kaiser sich dem Mythos Lagerfeld nun in Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris, der ersten Biografie nach Lagerfelds Ableben 2019, die mittlerweile in 5. Auflage erscheint.

Wir trafen Alfons Kaiser anlässlich des Buch-Release im Herbst letzten Jahres zum Gespräch über die aufreibenden 70er Jahre, die bisher in vielen Erzählungen über Lagerfeld unerwähnt bleiben, vielleicht auch, weil er selbst nicht gerne allzu viel über seine Zeit vor der Tarnung als sonnenbrillentagender Popstar der Mode preisgab. Verblüffend ist es allemal, dass auch für Kaiser selbst nach 13 Monaten knallhart präziser Recherche, mehr als 100 Interviews in Hamburg, New York, Florida, Rom, Münster, Baden-Baden und Paris, das Geheimnis, wer war Karl Lagerfeld wirklich, bleibt.

Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris

Foto: Vogue Paris

Die 70er Jahre waren ein Jahrzehnt des Aufbruchs.  Warum sind die 70er auch für Karl Lagerfeld eine besondere Zeit gewesen?

Er hatte sich eine gewisse Souveränität als Designer erarbeitet. Er war seit 1964 Chefdesigner bei Chloé und hatte sich hier viele gute Kundinnen erobert wie Caroline von Monaco oder Linda McCartney. Die Mode war modern, zugänglich, jung; das waren Kleider, die junge Frauen einfach haben wollten. Er hat das Prêt-à-por­ter mit­er­fun­den, als eine Art Jugend­be­we­gung gegen die alte Cou­ture. Und Lagerfeld war noch nicht das Arbeitstier wie in späteren Jahren. Er ging also noch aus und fuhr mit seinen amerikanischen Freunden Antonio Lopez, Pat Cleveland und Donna Jordan in den Urlaub nach St. Tropez. Das war die Zeit, bevor er 1982 bei Chanel und mit seiner eigenen Marke begann.

Er war also noch nicht der tugendhafte Preusse, ein Bild, das ihn heute prägt.

Kein Wunder, er lernte 1972 Jacques de Bascher kennen, hatte endlich einen Partner an seiner Seite und verbrachte viel Zeit mit den Freunden um Antonio Lopez. Obwohl die schon bald die Nase rümpften über den eingebildeten Jüngling, der plötzlich an seiner Seite auftauchte. Die Situation um de Bascher spitzte sich dann noch zu, als Yves Saint Laurent sich in ihn verliebte. Letztlich kam es Mitte der siebziger Jahre zum Bruch mit Saint Laurent. Den hatte er natürlich schon vorher nicht nur als Freund, sondern auch als Konkurrenten gesehen. Aber als Pierre Bergé dann auch noch behauptete, Lagerfeld habe de Bascher auf Saint Laurent angesetzt, um das gemeinsame Modehaus von Bergé und Saint Laurent kaputt zu machen, war endgültig Schluss.

Durchaus ein skandalträchtiger Stoff. Es ist ja bekannt, dass er über diese Zeit und die Rivalität mit Yves Saint Laurent nicht gerne gesprochen hat.

Da gilt wiederum der Spruch von Godfrey Deeny, den ich auch für dieses Buch interviewt habe: «Er hat mich nie nach YSL gefragt, aber er wollte alles über ihn wissen.» Er hätte es nie zugegeben, dass er in Saint Laurent einen echten Feind hatte, auch weil das so missgünstig geklungen hätte, aber am Ende waren sie sich wirklich spinnefeind. Denn die Geschichte ging noch weiter. Pierre Bergé bedrohte Jaques de Bascher und sagte, er würde zu ihm in die Wohnung kommen, so dass de Bascher die Briefe, die Saint Laurent ihm geschrieben hatte, aus Angst Lagerfeld übergab, der sie mit zu sich nahm – die beiden lebten nie zusammen. Pierre Bergé schrieb dann 2010 in seinem Buch «Lettres à Yves», Lagerfeld habe ihm gesagt, er habe da ja noch die Briefe von Yves Saint Laurent, was wie eine Drohung klang. Diese Briefe sind eines der großen Geheimnisse der großen Mode. Wer sie entdeckt, wird der Wahrheit über diese seltsame Vierecks-Geschichte näherkommen.

Aber auch zu anderen Designern pflegte er nicht gerade freundschaftliche Beziehungen. In deiner Biografie gibt es auch eine Episode über das Zusammentreffen zwischen Lagerfeld und dem zweiten grossen deutschen Modemacher, Wolfgang Joop.

Was sich im Grossen in Paris abspielte, spielte sich quasi in Deutschland im Kleinen ab: Karl gegen «den kleinen Wolfgang». Schade eigentlich, da beides tolle Designer, Genies auf ihre Art, waren und sind. In einem Tagesspiegel-Interview hatte Karl vor einigen Jahren die Meinung vertreten: «Sein Drama ist, dass er nicht ich ist. International kennt ihn doch keiner». Daraufhin lästerte Wolfgang zurück und behauptete, Karl sei nur neidisch.

Karl Lagerfeld illustriert von Hiroshi Tanabe exklusiv für Achtung Mode Nr. 37

Und wie steht es mit der grossen Designerin Deutschlands, Jil Sander, war er da gnädiger? Schliesslich verbindet beide die gemeinsame Liebe zur Heimatstadt Hamburg.

Das ist eine Nullbeziehung, dazu gibt es fast keine Informationen. Schade eigentlich, dass sich die drei grossen deutschen Designer nicht unterstützt haben. Jil Sander zeigte in Mailand, Wolfgang Joop in New York und Karl Lagerfeld in Paris, als ob sie sich möglichst weit voneinander entfernt hätten.

Joop hat Lagerfeld aber zumindest einmal persönlich auf sein Schloss in der Bretagne eingeladen. Was lief denn da schief zwischen den beiden?

Lagerfeld hatte Joop und seine Frau, Karin Joop-Metz, auf sein gerade neu erworbenes Schloss eingeladen. Viel haben sie an diesem Wochenende aber nicht von Karl gesehen. Eher von Jaques, der ihnen bizarre Fotos zeigte, die er unter seinem Bett hervorholte. Und dann gab es da noch diese etwas undurchsichtige Geschichte mit José, einer Art Hausverwalter, den Jacques als seinen Cousin bezeichnete. Laut den Joops verhielt er sich sehr merkwürdig an diesem Wochenende, als wollte er ihnen etwas anvertrauen. Wenige Wochen später erfuhren sie dann, dass der Achtundzwanzigjährige Suizid begangen hatte. Man hatte ihn beschuldigt, sich aus der Kasse bedient zu haben. Er bestritt es, aber Lagerfeld glaubte ihm nicht.

Die Joops waren hinterher oft noch in Paris wegen der Modenschauen und auf den Partys in den einschlägigen Clubs, aber der Kontakt riss ab. Lagerfeld zog sich zu der Zeit aber auch immer mehr aus dem Partygeschehen heraus. Das wurde ihm ein bisschen zu unheimlich. Die Freiheit der Szene artete Ende der 70er Jahre ziemlich aus mit Drogen-, Alkohol- und Sex-Eskapaden. Das war dann nicht mehr nur fröhlich, wie zu Beginn der 70er, sondern oft tragisch und düster. Letztlich hat Lagerfeld wohl seine Disziplin davor bewahrt, in die endlosen Nächte reingerissen zu werden. Sie hat ihn auch davor bewahrt, an Aids zu erkranken. Viele seiner Bekannten und Freunde, auch sein Lebenspartner, sind an der Krankheit in den 80er Jahren gestorben. Die 70er jedenfalls sind eine ungemein spannende Epoche, die noch weiterer Erforschung bedarf. Ich bin wirklich gespannt, was da noch rauskommt.

Eine Frage noch: Warum ist es wichtig, dass ein Deutscher eine Biografie über Karl Lagerfeld geschrieben hat?

Zunächst einmal aus rein sprachlichen Gründen. Als Deutscher fiel es mir leichter, die alten Unterlagen zum Beispiel aus dem Stadtarchiv von Bad Bramstedt und dem Hamburger Staatsarchiv zu entziffern, einzuordnen und auszuwerten. Auch die Briefe von Lagerfelds Mutter an ihre einzige Schwester, unter denen ich ihr Bekenntnis zum Nationalsozialismus fand, muss man erst einmal verstehen. Teilweise musste ich meine Mutter mit ihren 87 Jahren bemühen, die Briefe von Lagerfelds Tante und Großmutter zu entziffern, da selbst mir das wegen der alten Schrift schwerfiel.

Und es gibt noch einen Grund: Ich wollte ihn als Deutschen stark machen, seine deutsche Herkunft hervorheben, weil das, was ihn so geprägt hat, sonst vergessen wird. Die Franzosen wollten nie wirklich wahrhaben, dass auch ein Deutscher ein guter Designer sein kann. Teilweise wollten sie nicht mal wahrhaben, dass Lagerfeld überhaupt Deutscher war, wie mir eine ehemalige Mitarbeiterin von ihm bei Chloé erzählte: Sie stritt sich mit einer französischen Kollegin, die steif und fest behauptete, er sei Franzose. Yves Saint Laurent war über die Jahrzehnte immer der Beliebtere, immer die Nummer eins. Ich wollte die Nummer zwei stark machen. Und wenn man bedenkt, dass Lagerfeld nach Saint Laurents Rückzug aus der Mode im Jahr 2002 noch 17 äußerst produktive Jahre vor sich hatte, dass er von der Haute Couture bis zum Massenmarkt vieles beherrschte, dass er zum dominierenden Star der Pariser Mode wurde und sich zu einem Logo des Instagram-Zeitalters modellierte – dann könnte es gut sein, dass er doch die Nummer eins war.

Title image: Alfons Kaiser und Karl Lagerfeld. Foto: Getty