In voller Blüte

Radikale Zeiten fordern radikale Veränderungen. Das Designerpaar Julia Seemann und Flavio Zimmermann haben einen Entschluss gefasst: Keine Fashion Weeks mehr. Keine saisonalen Kollektionen mehr. Keine überflüssigen Muster mehr.

„We can have some more. Nature is a whore. Bruises on the fruit. Tender age in bloom.“ Die Natur ist unsere Hure. Wir nehmen und nehmen, bis sie eines Tages all diese Dinge wieder von uns zurückfordert. Die Gesellschaftskritik, die bei der Grunge Band Nirvana 1992 in verzerrten Gitarrensounds und psychedelisch monotonen Sequenzen erklang, berührt auch heute noch, 28 Jahre später, das Designerpaar Julia Seemann und Flavio Zimmermann. Ihre aktuelle Kollektion benannten sie nach dem berühmten Nirvana Song: In Bloom. Doch statt Gitarren auf der Bühne zu zertrümmern, haben die Designer mit einem einfachen Statement für Furore gesorgt: „We decided to break away from the traditional fashion system. No more fashion weeks. No more seasonal collections. No more superfluous samples.“ Mit diesem Post auf Instagram brechen die Designer mit all den fragwürdigen Strukturen der Modeindustrie, denen auch Julia Seemann mit ihren Kollektionen lange Zeit gefolgt ist. Mit Blick auf ihre eigene soziale Verantwortung und den Schutz der Umwelt hat das Designerpaar nun radikal umgedacht. Als die beiden das Statement im Dezember 2019 auf Instagram veröffentlichten, waren die Veränderungen der Branche durch die Corona-Krise noch nicht absehbar. Rückblickend wirkt es wie eine Prophezeiung.

2015 starteten die Designer ihr Label, nachdem Julia Seemann mit ihrer Diplomkollektion zur New York Fashion Week eingeladen wurde. © Steffen Grap. (Styling: Karo Rose)

Was kurzfristig eingeschlagen ist wie ein Blitz, war jedoch ein lang geplanter Richtungswechsel. Ein Jahr lang haben sich die Designer Zeit genommen, um zusammen mit dem Fotografen und Freund Jean-Vincent Simonet zu arbeiten. Eine Kollektion ist entstanden, die aus Leinenkleidung besteht, handgefärbt und -bedruckt, alles in eigener, lokaler Produktion gefertigt. Herausgekommen ist: „In Bloom“ ein Projekt in voller Blüte. Begleitet wird der Launch der Kollektion von Ausstellungen, Musik Performances und Spendenaktionen zur Unterstützung verschiedener Organisationen, die sich für die Bekämpfung des Rassismus und die Unterstützung der LGBTQ+-Gemeinschaft einsetzen. Wir haben mit Seemann und Zimmermann über Grunge und radikale Ideen gesprochen.

Ein Jahr lang nahm das Designerpaar und der Fotograf Simonet sich Zeit um das Projekt “In Bloom” umzusetzen. © Jean-Vincent Simonet.

Achtung Digital: Dein über Instagram geteiltes Statement, dich nicht mehr dem Rhythmus des klassischen Fashion-Kalender hinzugeben, scheint rückblickend fast wie eine Prophezeiung für die Veränderung der Branche durch die Corona-Krise, was war damals der Auslöser?

Julia Seemann und Flavio Zimmermann: Wir konnten uns eigentlich persönlich noch nie wirklich mit der Fashion-Szene identifizieren. Wir interessieren uns sehr für Kleider sowie deren kulturellen und subkulturellen Ursprung, aber weniger für Fashion im klassischen Sinne. Wir haben das Label 2015 gestartet, nachdem ich mit meiner Diplomkollektion zur New York Fashion Week eingeladen wurde. Danach hatten wir für lange Zeit das Gefühl, wir müssten auf diesem Ereignis aufbauen und im klassischen Rhythmus ständig neue Kollektionen zeigen, um überhaupt als Modedesigner wahrgenommen zu werden. Irgendwann Anfang 2019 ist uns aber bewusst geworden, dass wir nicht mehr hinter diesem verschwenderischen System stehen können. Abgesehen von den negativen Auswirkungen auf unsere Umwelt, unter anderem ausgelöst durch konstante Überproduktion und das ständige Reisen von tausenden von Menschen, die in der Modeindustrie tätig sind, ergeben diese Abläufe für unser Label keinen Sinn mehr.

Die Prints und Kunstwerke auf der Leinenkleidung wurden vom Fotografen Jean-Vincent Simonet entworfen. © Jean-Vincent Simonet.

AD: In eurem Statement heißt es auch, dass ihr euch dazu inspiriert fühlt, radikale Maßnahmen zu ergreifen und eine treibende Kraft für Veränderungen zu werden. Was bedeutet radikal für euch?

JS & FZ: Radikal bedeutet für uns in diesem Zusammenhang alle bestehenden Strukturen und Abläufe kritisch zu hinterfragen und wirtschaftliche Modelle, welche Gewinnmaximierung auf Kosten unserer Mitmenschen und der Umwelt anstreben, abzulehnen. Wir möchten für unser Label ein ganzheitlich verantwortungsbewusstes Modell entwickeln und verfolgen diesen Ansatz, auch wenn wir damit auf Ablehnung innerhalb der Modeindustrie stossen.

Neben handgebfärbt und -gedruckten Leinenkleidern umfasst die Kollektion auch aufbereitete Secondhandkleidung. © Steffen Grap. (Styling: Karo Rose)

AD: Ihr sagt außerdem, dass ihr mit eurer Arbeit soziale Regeln und Normen infrage stellen wollt. Welche Regeln sind das genau?

JS & FZ: Wir glauben, dass sich gewisse Normen, Regeln oder Wertvorstellungen, welche sich in unserer Gesellschaft etabliert haben, aber im Jahr 2020 nicht mehr zeitgemäss sind, nur verändern können, wenn wir bereit sind den Ursprung für die Missstände zu erkennen. Wie zum Beispiel das Verständnis von Erfolg in unserer Gesellschaft. Wir haben uns dazu entschlossen, möglichst alle unsere Produkte bei uns im Studio in-house herzustellen und lokal zu produzieren. Es ist für uns als junges Label unmöglich, die Arbeitsbedingungen und Umweltstandards bei Manufakturen im Ausland ständig zu kontrollieren. Wenn wir hingegen möglichst viel selber produzieren, haben wir die Kontrolle darüber, unter welchen Bedingungen gearbeitet wird. Wir können die Stückzahlen selber definieren und es ist für uns eher möglich, das Gleichgewicht zwischen Wirtschaftlichkeit, sozialer Verantwortung und dem Schutz unserer Umwelt wiederherzustellen. Es ist natürlich aus rein wirtschaftlicher Sicht weniger lukrativ und mit Mehraufwand für uns verbunden, aber sind wir deshalb als Modelabel weniger erfolgreich? Wie können wir soziale Gerechtigkeit erzielen, wenn wir nicht selbst bereit sind, unsere Vorstellungen sowohl von Erfolg als auch von Luxus und Prestige zu überdenken?

Mit ihrem Projekt “In Bloom” wollen die Designer und der Fotograf nicht nur ein Zeichen gegen die Strukturen der Modeindustrie setzen, sondern auch für die Unterstüztung der LGBTQ+-Szene. © Jean-Vincent Simonet.

AD: Eure Entwürfe sind häufig von den 80ern und 90ern inspiriert, wieso genau diese Jahrzehnte, was reizt euch an der Zeit und seinem Stil?

JS & FZ: Unsere Entwürfe sind von verschiedenen Subkulturen und Musikströmungen, welche ihren Ursprung hauptsächlich in der Punk-Ära haben, inspiriert. Was uns bei Grunge und Shoegaze neben dem Sound besonders interessiert, ist die Verschmelzung verschiedener Stilelemente aus früheren Bewegungen. Die Punks in den 70ern haben den Stil der Hippie-Bewegung konsequent abgelehnt. Grunge Bands wie Nirvana haben in den 80ern und 90ern jedoch bewusst ausgewählte Stilelemente wie das Psychedelische der Hippie- und das Rohe der Punk-Ära miteinander kombiniert. Was zu jener Zeit bestimmt ein No-Go war, charakterisiert heute den ikonischen Stil der 90er.

Die Zusammenarbeit des Designerpaars und des Fotografen geht auf eine langjährige Freundschaft zurück. © Jean-Vincent Simonet.

AD: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Jean-Vincent Simonet für euer aktuelles Projekt In Bloom?

JS & FZ: Ich habe Jean-Vincent kennengelernt, als er mich vor einigen Jahren für ein Schweizer Magazin portraitiert hat. Er ist öfters in Zürich und wir haben deshalb auch einen gemeinsamen Freundeskreis. 2018 hat er die Fotos für unsere Kollaboration mit Eastpak gemacht. Uns wurde immer mehr bewusst, dass unser Schaffen sowohl auf ästhetischer wie auch auf arbeitstechnischer Ebene viele Parallelen aufweist, wir gleiche Interessen haben und einen ähnlichen “Do it Yourself”-Approach verfolgen. Eine Zusammenarbeit war deshalb für uns sehr naheliegend. Irgendwann Anfang letzten Jahres haben wir Jean-Vincent dann gefragt, ob er Lust darauf hat und er war sofort am Start.

Für seine Fotografien hat Simonet Freunde in die Kollektion des Designerpaars gekleidet. © Jean-Vincent Simonet.

AD: Durch Aktionen wie Ausstellungen, Musikdarbietungen und Spendenaktionen wollt ihr mit dem Projekt Organisationen unterstützen, die sich für die Bekämpfung des Rassismus und die Unterstützung der LGBTQ+-Gemeinschaft einsetzen. Welche Organisationen unterstützt ihr konkret? 

JS & FZ: Im Rahmen dieses Projekts haben wir zum einen die Autonome Schule Zürich unterstützt, ein lokales Projekt, welches sich für die Bekämpfung von Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit einsetzt. Zum anderen The Okra Project, ein internationales Kollektiv, welches sich um die Essensversorgung von Menschen aus der Black Trans Community bemüht. Weiter planen wir Spendenaktionen durch den Verkauf von Original-Prints von Jean-Vincent Simonet in Berlin im August, sowie durch die Produktion eines Zines, welches voraussichtlich im November in Paris lanciert wird. Dafür werden wir jeweils vor Ort in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern weitere zu unterstützende Organisationen definieren.

Ein Großteil der Entwürfe geht auf Inspirationen und den Flair der Grungemusik-Szene aus den 80ern und 90ern zurück. © Steffen Grap. (Styling: Karo Rose)