Herzlich Willkommen

Bünyamin Aydıns Hommage an seine Großeltern

Bünyamin Aydın erzählt mit seiner aktuellen Herbst-Winter-Kollektion die Gastarbeiter*innen-Geschichte seiner Großeltern und umarmt sich damit selbst.

Bünyamin Aydın hat ein LinkedIn Profil. Das ist in dieser Zeit nicht weiter ungewöhnlich. Sogar Demna, der unangepasste Außenseiter unter den Modedesigner*innen, hat eins. Aber Aydın schafft es auf der Plattform der schamlosen Hybris – mein Job, meine Karriere, mein Zahnpasta Lächeln – sympathisch zu sein.

Bünyamin Aydın

Dabei reiht sich auch in Aydıns Timeline Erfolg an Erfolg: Gründung seiner Marke „Les Benjamins“ 2011, Eröffnung eines Flagship Stores in Izmir, Istanbul und Dubai, Fashion Week in Mailand. Kooperationen mit Zuckerbergs Meta, mit Coca-Cola und Nike. Bünyamin Aydın ist ohne Frage ein Überflieger. Aber ein nahbarer. „Es ist erfüllend, etwas zurückgeben zu können“, schreibt er auf LinkedIn zu einem Workshop, bei dem er jungen Designer*innen erklärte, wie man eine Street Style Marke gründet. Er outet sich als geheimer Gamer und gratuliert der Electronic Sports League als Fan der ersten Stunden: „Ich bin stolz darauf zu sehen, wo ihr jetzt steht.“ Überall in Aydıns Kommentaren glitzert es voller Sternchen-Emojis. Aydıns LinkedIn-Eifer macht nicht mal vor den Erfolgen der Konkurrenz halt: „Nice“ schreibt er unter Beiträge, in denen sie ihre Etappenziele feiern. Er gratuliert Freund*innen zu neuen Jobs und langjährigen Erfolgen: „Tebrikler“, schreibt er – Türkisch für Herzlichen Glückwunsch. Aydın, dessen Entwürfe auf der ganzen Welt getragen werden, ist ein LinkedIn-Cheerleader.

Bünyamin Aydın nennt sich selbst Benji – und will auch von andern so genannt werden. Sein Bart ist so schwarz wie seine Kleidung, beim Sprechen tastet er mit der einen Hand die Fingerkuppen der anderen ab. Der 33-Jährige denkt oft lange nach, bevor er antwortet, bedankt sich höflich für die Fragen. Sein Blick kommt schräg von unten, oft fragend, zwischendurch ein kurzes Lächeln. Alles an Benji wirkt wohlwollend, einladend, umarmend. Und so warmherzig scheint er auch mit sich selbst umzugehen, spricht anerkennend über seinen Weg zum Design-Olymp. Aber das war nicht immer so.

Les Benjamins A/W 2022 “Herzlich Willkommen”

Der Designer ist in Neuss aufgewachsen. Eine eher gesichtslose Stadt, die einen Nachtrag braucht für alle Nicht-Neusser*innen, die die Stadt sonst kaum auf der Deutschlandkarte verorten könnten. Neuss – am Rhein. Benji ist ein zurückgezogenes Kind, es fällt ihm schwer, Freundschaften zu knüpfen. Vielleicht auch, weil er immer wieder zwischen den Welten wechseln muss. In Deutschland lebt Benji zwei Leben. Da ist die mütterliche Wärme in den eigenen vier Wänden, der Geruch, das Essen, die Musik. Und die Kälte, wenn er vor die Tür geht und auf Neuss‘ Straßen steht. „Ich habe meine Kultur immer nur in mir selbst und zu Hause gelebt.“ Als habe er sie Tag für Tag, wann immer er das Haus verlassen hat, zusammen mit seinen Pantoffeln vor der Türschwelle abgestreift. Seine Eltern haben versucht Deutsch auszusehen, erinnert sich der 33-Jährige, damit Leute nicht aufmerksam werden, zu groß die Angst vor Anfeindungen, vorm Anderssein. Die Devise von Benjis Zwei-Welten-Leben hieß: Drinnen so. Draußen so. „Der Kontrast war krass“, sagt Aydın. Der Kontrast zwischen der türkischen Kultur seiner Familie und der deutschen vor der Haustür. Für seine Großeltern sei der Kontrast noch „krasser“ gewesen.

Aydıns Großvater war einer der ersten, der mit dem deutsch-türkischem Anwerbeabkommen als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland gekommen ist – das war Anfang der 1960er-Jahre. Er ist aus dem Osten der Türkei über Istanbul nach München gereist, um dort als Schließer zu arbeiten. Unwürdige Gesundheitschecks an der Grenze. Einsamkeit in kahlen Wohnungen. Verbot des Familiennachzugs. Sehnsucht und Heimweh. Aufhebung des Familiennachzugsverbots und Wiedervereinigung der Familie in Deutschland. Aydıns Familie hat die Gastarbeit-Geschichte vom Anfang zum Ende durchlebt, samt Rückkehr in die Türkei nach über 40 Jahren in Deutschland.

Die Geschichte seines Großvaters, der es von einem anatolischen Dorf nach München geschafft hatte, saß Aydın über Jahre im Nacken. „Dieser Vergleich ist hart“, sagt Aydın. Das seien Heldengeschichten, denen man nicht gerecht werden könne. „Ich konnte leider nicht studieren, was ich liebte, wegen des Drucks meiner Familie“, sagt der Autodidakt, der nie offiziell Design studiert hat. Aydıns Zukunft wurde an der Vergangenheit seines Großvaters gemessen: Er sollte maximalen Erfolg erreichen, auch um die Geschichte seines Großvaters zu würdigen, er sollte Arzt oder Architekt werden. Nach der Schule habe er versucht, seine Eltern glücklich zu machen und wurde dabei selbst unglücklich. Er habe es mit Business probiert, mit Advertising und International Relations und alle drei Studiengänge abgebrochen, erinnert sich der 33-Jährige. „Ich kann das nicht machen“, habe er gesagt, und: „Ich will Designer werden.“ Immer noch würden heute regelmäßig Zukunfts-Träume zerstört werden, durch diese hohen Ansprüche der Gastarbeit-Generation an die Nachkommenden, sagt der Designer.

Doch die andere Seite dieser Heldengeschichte, die Bürde und den Schmerz, den sie mit sich brachten, den Blick der Großeltern auf sie, kannte Aydın lange nicht. „Das sind Dinge, über die du mit deinen Eltern nicht so redest. Wenn du spürst, was da für ein tiefer Schmerz sitzt, hörst du irgendwann auf zu fragen.“ Er kannte die Briefe mit den Handabdrücken nicht, die viele türkische Väter wie sein Opa von ihren Frauen nach Deutschland geschickt bekommen haben, damit sie wussten, wie groß ihre Kinder bereits geworden sind, die sie über Jahre nicht aufwachsen sehen konnten. Aydın hatte noch nie etwas von den Kassetten gehört, mit den gesprochenen Nachrichten, die sich die Familien zwischen Deutschland und der Türkei hin und her geschickt haben. Von den Tränen, die seine Oma weinte und der Sehnsucht. All das hat Aydın erst vor ein paar Jahren erfahren, als er begonnen hat wie ein Archäologe Schicht für Schicht die Geschichte seiner Familie abzutragen und zum Kern vorzudringen.

Aydın hat Gespräche mit seiner Oma und seiner Mutter geführt, Archive besucht, mit dem Gründer der Plattform DiasporaTürk gesprochen und die Geschichte seiner Familie in eine Kollektion gewebt: „Herzlich Willkommen“, das waren die ersten Worte, mit denen Aydıns Opa damals in München begrüßt wurde und es ist der Name von Aydıns aktueller Kollektion, mit der er sich von seinem Zwei-Welten-Leben verabschiedet. „Mittlerweile bin ich so weit mir selbst zu sagen: Du musst deine Identität nicht zu Hause lassen, du kannst sie mitnehmen, wohin du willst.“ Bedeutet „Herzlich-Willkommen“ eigentlich, dass man ein Gast ist? „Ja und Nein“, sagt Aydın. Aydın ist kein Gast, er ist bei sich selbst angekommen, in einer großen starken Umarmung.