Hausbesuch bei Hanne Plein-Dieth

Ein Plein kommt selten allein

Designer: in wird man aus den vielfältigsten Gründen. Am Anfang aber stand für die meisten immer ein Mensch: die Mutter. Nicht anders bei Philipp Plein, der sich trotz reichlich Potenzial als Underdog-Held des einfachen Mannes positioniert. Den Anfang machte er übrigens mit dem Vertrieb von Hundebetten aus Krokodilleder. Und wer brachte ihn auf die Idee? Mama Hanne Plein-Dieth. Ein Treffen mit der Mutter des wohl illustresten deutschen Modeunternehmers. Achtung! Ein Plein kommt selten allein.

MAILAND, HOTEL PRINCIPE DI SAVOIA, 15 Stunden nach einer wie immer bombastischen Philipp-Plein-Schau. Natürlich saß auch seine Mutter Hanne Plein-Dieth wieder im Publikum. Wenn es irgendwie geht, lässt sich die 70-Jährige mit den langen blonden Haaren keine Saison entgehen. Wahrscheinlich wird sie ihre Sonnenbrille deshalb während des ganzen Gesprächs nicht absetzen. Andererseits harmoniert das Schildpatt auch einfach zu gut mit ihrem Look: Blazer, Rock, passende Stiefel mit großfl ächigem, gelb-braunen Ornament-Muster. Eindeutig kein Philipp Plein, sondern Etro. Auf die jetzt natürlich unvermeidbare Frage, ob sie denn auch mal die Sachen ihres Sohnes trage, antwortet sie lächelnd: „Sicher. Irgendetwas picke ich mir da schon raus. Aber was soll ich sagen, ich war schon immer eine Hermès- und Chanel-Liebhaberin.“ Ihre Handtasche, die in der gut besuchten Lounge des Hotels neben ihr auf der Bank liegt, ist eine schwarze 2.55, der Schmuck von Cartier. Dafür sitzt ihr Mann Klaus in einer schmalen Lederjacke der Familienmarke neben ihr. Beide sind gut gebräunt, schlank, betont jung geblieben. „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“, lautet ein alter Spruch. Oft geht der Erfolg aber schon mit einer energischen Mutter los. „Als er die Schule ohne Abitur verlassen wollte, wurde es mir zu bunt. Das hätte ich ihm nie durchgehen lassen“, erinnert sich Plein-Dieth an den Teenager Philipp. „Er hat das Lernen damals schleifen lassen, arbeitete in einer Disco.“ Also schickten sie den Jungen aufs Internat, er entschied sich für Salem. „Wir dachten alle, er wird Mediziner“, sagt Plein-Dieth. Schließlich war der Vater Arzt, sein Stiefvater führte eine angesehene Herzklinik in Nürnberg. „Aber Philipp konnte kein Blut sehen.“

Stattdessen studierte der Junge Jura in Erlangen und fing danach mit „diesen Ledergeschichten“ an, wie seine Mutter es formuliert. Stahlrohrgestelle mit geprägtem Krokoleder. Den finalen Durchbruch der Marke Philipp Plein brachten allerdings Military-Jacken besetzt mit Swarovski-Kristallen. „Auf die Idee habe im Grunde ich ihn gebracht“, erzählt Plein-Dieth. „Ich hatte so eine ähnliche Jacke einmal bei einem Besuch in München an und alle, wirklich alle, wollten daraufhin auch so eine haben. Also sagte ich zu Philipp: Wir müssten solche Jacken machen.“ Zusammen mit ihrer jüngeren Tochter kauften sie sämtliche Second- Handläden leer, die Haushälterin wusch die Sachen, Plein presste den Totenkopf aus Glitzersteinen drauf. „Philipp waren die Teile am Anfang eher unangenehm auf der Messe“, sagt Plein-Dieth. Auf die Premium nach Berlin fuhr deshalb sie und betreute den Stand. „Bei Talbot war niemand, bei uns war die Hölle los.“ Danach hätten sie sich vor Bestellungen kaum retten können. „Damals gingen die ja noch per Fax ein“, erzählt sie. „Auch die Pakete haben wir selbst gepackt, bis ich gesagt habe: Jetzt ist Schluss, ich kann nicht mehr.“ Plein-Dieth erzählt lebhaft, das rollende „R“ verrät sofort ihre Herkunft. Zwischendurch wird der Hund Smiley umsorgt, der mittlerweile schon 16 ist. Deshalb sind sie und ihr Mann extra mit dem Auto nach Mailand gefahren, weil das Fliegen im Privatjet das Tier jetzt zu sehr anstrengt. Vor neun Jahren sind die Dieths auf einen Bauernhof in Niederbayern gezogen. In ein 35-Seelen-Dorf in der Nähe von Wasserburg, 30 Minuten von München entfernt. Ruhe pur, der absolute Traum, schwärmt Plein-Dieth. Davor hatten sie sich mal kurz eine 25-Meter-Yacht angeschafft für den Ruhestand, aber die ganze Zeit auf „diesem Ding“ zu verbringen, habe ihnen überhaupt nicht gefallen.

 Als junges Mädchen wollte sie einmal selbst auf die Modeschule in München gehen, aber die Bewerbung scheiterte an den erforderlichen Zeichnungen. Also arbeitete sie eine Zeitlang für die Zeitschrift Jasmin, lernte jedoch bald schon ihren ersten Mann kennen. Sie heirateten früh, mit 24 bekam sie ihren Sohn. Statt zu arbeiten, hielt sie fortan anderen den Rücken frei. „Ich war immer ein Pusher, extrem willensstark“, sagt Plein-Dieth, „da ist mir Philipp glaub ich sehr ähnlich.“

Sein großer Erfolg sei auch für sie immer wieder unglaublich. „Es verkauft sich halt“, sagt Plein-Dieth. „Aber er ist eben auch ein super Geschäftsmann. Er arbeitet wahnsinnig viel.“ Dem SZ Magazin hat er vor Jahren einmal erzählt, er habe von seinen Eltern in den Anfangsjahren keinen Pfennig bekommen, sondern sich 2.000 Mark Startkapital von der Oma geliehen. Da hebt die Mutter leicht die Augenbraue über die Sonnenbrille. „Er gibt sich gern dieses Underdog-Image, aber von gar nichts kommt nichts“, sagt sie lächelnd. „Wir haben ihm schon hier und da mal einiges geliehen.“ Natürlich habe er alles immer zurückgezahlt.

 Ihr Verhältnis sei sehr gut, sagt Plein-Dieth, sie hätten schon immer einen starken Familienzusammenhalt gehabt, auch mit Philipps jüngerer Schwester. Man sehe sich so oft wie möglich, schon allein der Enkelkinder wegen. Die meiste Zeit verbringe ihr Sohn zum Glück nach wie vor an seinem Wohnsitz in der Schweiz. Das Traumhaus in Los Angeles sei letztlich doch eher zum Herzeigen auf Instagram und für die Oscar-Party.

In diesem Moment betritt das Model Ashley Graham die Lobby des Principe und setzt sich an den Nachbartisch. Sämtliche Köpfe im Raum drehen sich zu ihr um, Plein-Dieth bleibt unbeeindruckt. Eigentlich sei ihr das Hotel ein bisschen zu alt, flüstert sie. „Zum Übernachten reicht es, aber normalerweise wohnen wir immer im Bulgari, wenn wir nach Mailand kommen.“ Zum Glück eröffnet Philipp bald sein eigenes Hotel, gar nicht weit von hier. „Das wird toll“, sagt die Mutter stolz. „Mit drei Restaurants. Eins davon sogar mit Michelin-Stern!“ Das zumindest: ganz nach ihrem Geschmack.

Hair & Make-Up: Arzu Kück using Gucci Beauty. Fotografiert am 15. März 2024 in München