Go-See mit Lia Marie Mielke

Lia Marie Mielke photographed in her post-Valentino-show outfit and her own Prada bag in Paris, January 28th 2026

Das deutsche Model über den Model-Traum, den sie eigentlich nie hatte

Lia Marie Mielke, Modelwerk

Call-time: Nach der 15Uhr Valentino

Haute Couture S/S 2026 Show

Wrap-time: 1 Stunde vor Abflug:

CDG 20:45, Flug AF 1610

It’s rare that international careers start when the model is well in her twenties, but even more rare when the model has been around for nearly a decade and then gets a second chance. Hamburg beauty Lia Marie Mielke shares with us how that feels.

Modeln gilt als Traumjob. Trotz Castingshows, Social Media, trotz permanentem Schönheits- und Körperdruck, KI und einer Branche, die immer weniger echte Menschen zu brauchen scheint. Viele wollen hinein. Lia Marie Mielke wollte das nie. Vielleicht ist es genau das, was erklärt, warum die Karriere der Hamburgerin jetzt Fahrt aufnimmt: Prada, Chanel, Valentino, Michael Kors, Chloé, Mugler, Carven, Dolce & Gabbana, bei Louise Trotters Debüt für Bottega Veneta, in Marc Jacobs’ Memory-Show – mit 24, in einem Alter, wo andere längst aussortiert werden. Kein Märchen, sondern ein Momentum, in einem System, das selten wartet. Für ACHTUNG 51: Das Model redet die Hamburgerin über ihre Erfahrungen.

Lia Marie Mielke for Valentino Haute Couture S/S 2026

Lia Marie Mielke backstage at the Valentino Haute Couture S/S 2026 show on January 28, 2026

Lia Marie Mielke for Valentino Haute Couture S/S 2026

Lia Marie Mielke for Valentino Haute Couture S/S 2026

Sehen wir der Wahrheit ins Auge: Zurzeit läuft im Fernsehen die sage und schreibe 21. Staffel der Casting-Show Germany’s Next Topmodel, das berühmteste, aka lukrativste Model der Welt, Kendall Jenner, verdient mit ihren 290 Millionen Instagram-Followern und dank Kardashian- Familiensaga rund 40 Millionen US-Dollar im Jahr – in einer Branche, in der Schönheit zunehmend ohne Menschen auskommt und KI-generierte Models als echte Alternative gehandelt werden. Trotzdem, oder gerade deswegen, träumen noch immer viele Mädchen vom Modeln. Vom Versprechen, ein Vermögen zu machen, vom Fliegen um die Welt, vom Applaus – und von jener Sichtbarkeit, die zwar selten lange hält, aber zumindest irgendwie den fame bringt. Lia Marie hatte diesen Traum nie.

Vielleicht ist es genau diese Distanz, die erklärt, warum es bei ihr jetzt mit 24 erst richtig losgeht – in einem Alter, in dem viele ihre Karriere schon wieder beenden. Gerade einmal 15 war Lia, als sie entdeckt wurde – fast altmodisch: nicht per Algorithmus, sondern beim Shoppen auf dem Gänsemarkt in Hamburg, an der Seite ihrer Mutter. Schon früh wurde Lia Marie angesprochen. Mit zwölf, sagt sie, habe das begonnen – beiläufig, beim Essen mit den Eltern, unterwegs. Einmal sogar in Dänemark, auf einem Justin-Bieber-Konzert mit ihrem Vater. „Ich war einfach wirklich noch ein Kind.“

Modeln sei lange nicht in ihrem Kopf gewesen, eher etwas mit Schreiben, vielleicht Journalismus. Dass sie sich schließlich darauf einließ, hat auch was zu tun mit Claudia Midolo, Gründerin und Chefin ihrer Agentur Modelwerk, von der sie persönlich entdeckt wird. Sie fühlte sich aufgehoben, von Anfang an begleitet, nicht gedrängt. Wechselt in neun Jahren nicht einmal die Agentur. In einem Beruf, der so früh beginnt, wird Vertrauen zur Voraussetzung. „Am Ende des Tages kommuniziere ich von morgens bis abends mit meinem Booker“, sagt sie. Entscheidungen, Reisen, Planungen – selbst im Urlaub bleibt der Kontakt bestehen. Wer diesen Job macht, gibt einen Teil seines Lebens ab. Umso wichtiger ist das Gefühl, dies in guten Händen zu wissen.

Was dann folgt, ist ein Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf. Fragen, für die andere Jahre brauchen, stellen sich plötzlich gleichzeitig: Wovon hängt es ab, ob ich einen Job bekomme? Ob ich attraktiver wirke als andere? Interessanter? Geht es um mein Aussehen – oder um meine Persönlichkeit? Und wer bin ich eigentlich als Person? Das ist viel für jemanden, der gerade erst in das Reich der Großen geworfen wird. In einem Alter, das eigentlich chaotisch sein dürfte: verwirrend, frei, widersprüchlich. In dem man morgens aufwacht und nicht weiß, ob das ein guter oder ein schlechter Tag wird – eine Zeit für Gefühl, für Revolte, für das Austesten, nicht für das Funktionieren.

Lia Marie Mielke wearing Issey Miyake

Pants ISSEY MIYAKE

Lia Marie Mielke wearing Burberry

Total look BURBERRY

„Ich bin da mit sehr niedrigen Erwartungen rangegangen.“ Wer etwas zu sehr wolle, sagt sie, gehe oft zu verkopft an die Dinge heran. „Ich war eher wie ein Küken, das mit großen Augen in diese Welt blickt: Mal sehen, was passiert.“ Ablehnung sei hart, natürlich. Aber im Laufe der Zeit habe sie verstanden, wie unpersönlich diese Entscheidungen oft sind. Dass es nicht um Charakter geht, nicht um Wert, sondern um einen Look, um eine Vision. Designer seien wie Künstler, meint sie, und manchmal passe man hinein, manchmal nicht. Was bleibe, sei der Teil, den man kontrollieren könne: ein cooles Outfit tragen, einen guten Walk abliefern, ein solides Casting halt. „Alles andere ist out of my hands.“

Diese Haltung schützt. Sie verschiebt den Maßstab – weg vom eigenen Wert, hin zu einer Arbeit, die man gut oder weniger gut erledigt. Und sie macht etwas möglich, das in dieser Branche selten ist: Distanz. Die schafft vor allem der Alltag, das andere Leben, die Momente abseits der Fashion Week. Ein Bei-sich-Bleiben, auch im Kopf, nennt Lia Marie das. In Pausen zu Hause, legt sie das Handy weg, begrenzt die Bildschirmzeit auf eine Stunde, um herunterzukommen. Geholfen habe ihr auch, dass sie parallel studiert hat. Dieses Jahr wird
sie ihren Bachelor in Mode- und Designmanagement machen. Es eröffne eine zweite Welt, sagt sie – gerade weil das Modelgeschäft so unkontrollierbar ist. Wer sich nicht ausschließlich über das Model-Dasein definiert, bleibt handlungsfähig. Und vielleicht ist es genau das, was vielen fehlt, die daran scheitern.

Lia Marie Mielke in total look Louis Vuitton

Total look LOUIS VUITTON

Lia Marie Mielke in total look Louis Vuitton

Total look LOUIS VUITTON

An dem Druck, angestarrt zu werden, herumkommandiert, angefasst zu werden – manche wachsen daran, andere zerbrechen. Daran, erschöpft und krank backstage zu sitzen, obwohl man eigentlich ins Bett gehört – und trotzdem um sechs Uhr morgens aufsteht und drei Shows läuft. Lia Marie habe das nie besonders gestört, sagt sie. So sei der Job. „Als Model ist man das schwächste Glied in der ganzen Kette.“

Schwerer wiegt für sie etwas anderes: das Alleinsein. Man lernt ständig neue Menschen kennen, kommt sich kurz nahe, arbeitet intensiv zusammen – und sieht sich dann oft nie wieder. Es gibt keine festen Orte, keine wiederkehrenden Beziehungen, keinen Alltag, der trägt. Stattdessen: wechselnde Sets, wechselnde Teams, immer neue Städte, immer umgeben von Menschen und doch selten verbunden. „Man ist an vielen tollen Orten“, sagt sie, „und wünscht sich in manchen Momenten einfach jemanden, mit dem man das teilen kann.“ Hinzu kommt die permanente Verfügbarkeit. Zeit zu Hause lässt sich kaum planen. Arbeit ist ein Privileg, keine Selbstverständlichkeit in einer Branche mit zigtausend Alternativen. Und doch kollidiert sie mit den eigenen Bedürfnissen: mit Geburtstagen, Abschieden, dem, was nicht verschoben werden kann, dem, was Nähe schafft. Die Bewegung, die diesen Beruf ermöglicht, hat einen Preis.

Lia Marie Mielke und Malin Rudnick im Backstage bei Valentino Haute Couture S/S 2026 am 28. Januar 2026

Lia Marie Mielke and Malin Rudnick backstage at the Valentino Haute Couture S/S 2026 show on January 28, 2026

Der ist im vergangenen Jahr für Lia Marie erheblich gestiegen, seitdem sie exklusiv für Prada (Herbst/Winter 2025) lief – keine andere Show in Mailand. Eine Verpflichtung, die in der Branche als goldenes Ticket in die High Fashion gilt. Was folgte, entsprach der internen Logik des Systems: Bottega Veneta, Chloé und zuletzt Valentino Haute Couture und Marc Jacobs. Große Häuser folgten großen Häusern. Sie selbst habe damit kaum noch gerechnet. „Das nennt man dann wohl Momentum“, sagt sie. „Ich hatte innerlich schon fast damit abgeschlossen, dass es noch einmal auf diesem Level funktioniert.“ Ihre Agenturchefin Claudia Midolo habe sie „irgendwie noch auf die Liste gesetzt“, Designer Raf Simons und Ashely Borkaw, die Casting-Göttin (laut New York Times übrigens dafür verantwortlich, was wir alle als schön empfinden) sie für gut befunden. Sogar so gut, dass sie Lia Marie für zwei Wochen Fittings dabehielten. „Nicht einfach nur für ein paar Minuten ein Kleid über den Laufsteg zu tragen, sondern jeden Tag mit Miuccia Prada und Raf Simons an den Looks zu arbeiten, das war schon überwältigend.“ Vor ein paar Wochen stand sie dann im Prada-Store in Hamburg, ihrem Zuhause, vor einem Mantel, der an ihr drapiert worden war. „Da realisiert man das noch mal anders“, sagt sie. Dass man Teil von etwas geworden ist.

Lia Marie Mielke for Prada F/W 2025 (debut), Bottega Veneta S/S 2026, Chloé S/S 2026 and Marc Jacobs S/S 2026

Lia Marie Mielke for Prada F/W 2025 (debut), Bottega Veneta S/S 2026, Chloé S/S 2026 and Marc Jacobs S/S 2026

Ein Moment bleibt ihr besonders in Erinnerung: Chanel Haute Couture im letzten Jahr. „Ich habe, als ich mit dem Modeln anfing, immer wieder dieselbe Chanel- Show geschaut – Frühjahr/Sommer 2018. Das war für mich das Nonplusultra, etwas völlig Unerreichbares.“ Dass dann irgendwann jemand sagte: Chanel wants to see you, sei für sie bis heute kaum zu fassen.

Und trotzdem ist da noch Luft nach oben. Noch einmal für YSL oder Dior zu laufen. Vielleicht ein Vogue-Cover, ganz klassisch. Und irgendwann, sagt sie, einmal als übergroßes Kampagnenbild an der Pariser Oper zu hängen. Ganz ohne Träume geht es dann also doch nicht. —Nicole Urbschat

Lia Marie Mielke wearing Dries Van Noten

Coat and necklace DRIES VAN NOTEN

This article first appeared in ACHTUNG Nr. 51

Model: Lia Marie Mielke | Modelwerk.