Electra/Girls Club Management is wearing T-shirt SAINT LAURENT VIA MYTHERESA.COM & Total look and D-Journey bag CHRISTIAN DIOR

Film und Mode

Wir treffen uns im Babylon, im Metropol, im Odeon, im Zoo Palast

Film und Mode sind schon immer eng miteinander verwoben. Manchmal brennen sich einzelne Kleidungsstücke von der Leinwand sofort ins kollektive Gedächtnis, oder der Stil eines Films wird kurz darauf in Kollektionen und Zeitgeist spürbar. Immer häufiger arbeiten nun Regisseur:innen mit Designer:innen zusammen oder spielen Labels sogar selbst Produzent.

Recently, what we see on the movie screen reaches the runways faster than the movie has ended. Here is a list of movies that we consider fashion influencers.

Tennis in fashion

Vincent Schneider/Viva Models is wearing travel jacket and T-shirt BRIONI

Vincent Schneider/Viva Models is wearing total look and shoes HECHTER PARIS

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress ISSEY MIYAKE, shoes BALENCIAGA and Seamaster Aqua Terra 150M watch OMEGA

Vincent Schneider/Viva Models is wearing total look and shoes HECHTER PARIS

War es die Ankündigung eines Tennisfilms von Luca Guadagnino mit Zendaya, die Miu Miu oder Celine schon lange vor Filmstart im Frühjahr 2024 zu Tenniskollektionen und „Pop-up Clubs“ inspirierten? Oder einfach eine allgemeine Rückbesinnung auf den in jeder Hinsicht schönsten Sport der Welt nach Jahren der grellen Sportbekleidung in Gyms und auf Rennrädern? Tennis hat unbestritten die stilvollste Garderobe und prägte schon früh Trends. Das Tennis Bracelet heißt beispielsweise so, weil die US-Amerikanerin Chris Evert in den Siebzigerjahren stets ein solch schmales Diamantenarmband trug. Der Stan Smith, der wahrscheinlich meist getragene Sneaker der Welt, war ursprünglich ein Tennis-Schuh. Das Polohemd? Wurde von René Lacoste erfunden. Was zwischenzeitlich ein bisschen in Vergessenheit geraten war, legte mit Zendaya, die eine Promo-Tour mit in diesem Maße noch nie dagewesene Themen-Dressing absolvierte, jedenfalls ein Comeback auf allen Ebenen hin. Law Roach bestellte bei sämtlichen Labels tennisinspirierte Looks. Unvergessen die Loewe-Pumps mit gelbem Filzball im Absatz. Von Zara über Mango bis Tory Burch und A.P.C. hatten daraufhin sämtliche Marken Kollektionen mit Faltenröckchen, dunkelgrünen V-Pullovern und Polo-Kleidern im Programm. Tennis war back in fashion – und ist es weiterhin. Jannik Sinner geht als der erste Spieler in die Geschichte ein, der mit Gucci-Tasche auf den Platz spazierte. Carlos Alcaraz modelt für Louis Vuitton. Bottega Veneta wirbt neuerdings mit dem Italiener Lorenzo Musetti. Die Frauen hinken modisch seit den Williams-Schwestern etwas hinterher, aber Emma Raducanu ist Botschafterin für Tiffany & Co., Aryna Sabalenka hat einen Vertrag mit Audemars Piguet.

Modefirmen als Filmproduktion

Vincent Schneider/Viva Models is wearing travel jacket and T-shirt BRIONI

Electra/Girls Club Management is wearing total look and D-Journey bag CHRISTIAN DIOR

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress ISSEY MIYAKE, shoes BALENCIAGA and Seamaster Aqua Terra 150M watch OMEGA

Electra/Girls Club Management is wearing T-shirt SAINT LAURENT VIA MYTHERESA.COM

Was, wenn wir Schauspieler:innen nicht mehr nur für den roten Teppich einkleiden und sie gelegentlich für unsere Kampagnen ablichten? Wie wäre es, wenn man nicht nur ein paar Kostüme entwirft, wie etwa Miuccia Prada bei The Great Gatsby, sondern den ganzen Film ausstattet? Warum als Modelabel immer nur eine Nebenrolle in der Entertainmentindustrie spielen? So ungefähr müssen die Überlegungen bei Kering und Anthony Vaccarello gewesen sein, bevor sie 2023 „Saint Laurent Productions“ gründeten. Ein Vorstoß, der die Branche zwar überraschte, aber eigentlich niemanden wirklich wunderte. Die Kleider würden endgültig laufen lernen und sich dadurch, hoffentlich, noch einmal mehr verkaufen. Big time! Nach David Cronenbergs The Shrouds und Pedro Almodóvars Kurzfilm Strange Way of Life mit Pedro Pascal und Ethan Hawke folgte 2024 das Musical Emilia Pérez mit Zoe Saldaña und Selena Gomez. Natürlich stammten die (Logo-)T-Shirts, Rosenkleider und roten Anzüge von Saint Laurent, wie fast alle anderen Kostüme auch. Bei den diversen Premieren trug der Cast ausschließlich Saint Laurent. Dann wurde Emilia Pérez für sagenhafte 13 Oscars nominiert, mehr als jeder nicht-englischsprachige Film zuvor. Die halbe Kering-/Saint-Laurent-Spitze plante, bei der Preisverleihung in Los Angeles dabei zu sein, die Fashion Show wurde kurzerhand vom ersten auf den letzten Tag der Pariser Modewoche verschoben. Warum bloß hatte man nicht vorher auf Fashiontainment gesetzt? Weil jede Glückssträhne und jeder Filmstreifen leider ganz schnell reißen kann. Nachdem rassistische Tweets der Hauptdarstellerin Karla Sofía Gascón bekannt wurden, dümpelte die Promotour auf ganz kleiner Flamme weiter. Am Ende gewann Emilia Pérez lediglich zwei Oscars, für die beste Nebendarstellerin (Saldaña) und den besten Song. Weitere Modehäuser sind bislang nicht ins Filmgeschäft eingestiegen.

Return of preppy

Jonathan Anderson ist Kunstfan, Literaturfan, Serien- und Filmfan. Der Mann saugt alles auf und setzt es meist schneller und furchtloser um als viele seiner Kolleg:innen. Kaum wurde eine Schauspielerin wie Taylor Russell als neuer Shootingstar gefeiert, war sie schon in der nächsten Loewe-Kampagne. Als die Zuschauer:innen noch über die Badewannenszene in Saltburn diskutierten, floss der Preppy-Style des in den Nullerjahren spielenden Films bereits in die Moodboards seiner Kollektionen für Uniqlo ein. Vor allem die gestreiften Rugby-Shirts, die Jacob Elordi so ähnlich im Film trug, waren sofort ausverkauft. Rugby- und Poloshirts, Segelschuhe, Seesäcke – der ganze Old-Money-Oxford-Chic war mit einem Schlag zurück. Auch in seiner ersten Kollektion für Dior hält Andersons Preppy-Phase noch an: Regimentskrawatten, Tailoring mit Donegal-Tweed, voluminöse Shorts, die an Internat-Looks erinnern, alles natürlich nicht 1:1, sondern mit Andersons Quirkiness umgesetzt. Eher auch kein Zufall, dass, während die meisten Modemarken deutliche Umsatzrückgänge hinnehmen müssen, ausgerechnet Ralph Lauren ein zweistelliges Wachstum vermeldet. Saltburn (und wahrscheinlich auch Maxton Hall) sei Dank.

Cora Martens/Girls Club Management is wearing jacket and dress LOUIS VUITTON. Artwork: True to nature, 2018 - ato klaus

Joel N./Viva Models is wearing Classic Euro Hiker boots, jacket and polo shirt TIMBERLAND & Agnes Hestholm/Viva Models is wearing boat shoes and jacket TIMBERLAND

Die Farbe Pink

Vincent Schneider/Viva Models is wearing travel jacket and T-shirt BRIONI

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress BALENCIAGA

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress ISSEY MIYAKE, shoes BALENCIAGA and Seamaster Aqua Terra 150M watch OMEGA

Joel N./Viva Models is wearing coat MCM; Suitcase RIMOWA

Das Barbie-Universum war schon immer Pink. Aber mit dem Barbie-Film in 2023 wurde die ganze Welt definitiv noch ein bisschen pinker. Die Welle kündigte sich bereits Monate zuvor in Trendvorschauen und auf Laufstegen von Halpern in London bis Valentino und Balmain in Paris an. Viele unterschätzten zunächst, welche Kraft dieser angeblich nur bei Kreischemädchen beliebte Farbton noch entwickeln würde. Von Zara- Kollektionen über Crocs und pinkfarbenen Chanel-Taschen – die komplette Merch-Artillerie wurde abgefeuert und hinterließ eine Zuckerwattewolke, die alles flächendeckend überklebte. Barbie war der erste Film, der so deutlich auf eine colorierte CI setzte, was zwar auf der Hand lag, sich in seiner Konsequenz aber als strategisch clever herausstellte. Farben spielen in der visueller werdenden Kommunikation eine immer wichtigere Rolle. Hermès-Orange, Tiffany-Türkis, Bottega-Grün, Gucci-Rot, zuletzt Brat-Giftgrün. Sie funktionieren wie Leuchttürme in der Informationsflut. Der „Marketing-Tsunami“ Barbie wird wahrscheinlich von St. Gallen bis Harvard studiert werden. Interessant zu sehen wird sein, ob es in Zukunft auch andere Filme schaffen, eine ähnlich starke Modefarbe zu setzen.

Victorian-Cross-over und der Powersleeve

Cora Martens/Girls Club Management is wearing jacket and dress LOUIS VUITTON. Artwork: True to nature, 2018 - ato klaus

Cora Martens/Girls Club Management is wearing jacket and dress LOUIS VUITTON. Artwork: True to nature, 2018 – ato klaus

Wer diesen genial durchgeknallten Film im Kino erlebte, ging wahrscheinlich mit gesenkten Schultern nach Hause. Denn im Vergleich zu Bella Baxters aufgeplusterten Ärmeln und fast schon engelsflügelhaften Schulterpartien fühlten sich die eigenen plötzlich seltsam unspektakulär, geradezu plump an. Bellas übersprudelnde Neugier und Lust schienen in überbordenden Rüschencapes und Puffärmeln zu gipfeln. Kein Zufall, dass anschließend nicht nur Nicolas Ghesquière, der Emma Stone auf ihrer method-dressing-geprägten Promo-Tour in Louis Vuitton kleidete, sondern auch Daniel Roseberry bei Schiaparelli, Demna bei Balenciaga oder Thom Browne mit dem Power Sleeve spielten. Bei den Oscars trug Florence Pugh diese silbergraue Valentino-Robe über Shorts, die wie eine explodierte Auster daherkam und fast nur aus Ärmeln und Schleppe bestand. Auch der viktorianische Cross-over-Stil der Kostümdesignerin Holly Waddington prägte die Mode nachhaltig. Weil sie komplett auf einengende Korsetts verzichtete, die Bella eh nicht anbehalten hätte, und den Stil experimenteller, bunter, zeitgemäßer interpretierte, sodass er viel zeitgemäßer wirkte. Ähnlich dem Victorian Punk von Vivienne Westwood, der plötzlich wieder TikTok flutete. Und würde Chappell Roan eigentlich so aussehen, wie sie aussieht, wenn es Boy George und Bella Baxter nicht gegeben hätte?

Frühes Quiet Luxury

Vincent Schneider/Viva Models is wearing travel jacket and T-shirt BRIONI

Vincent Schneider/Viva Models is wearing travel jacket and T-shirt BRIONI

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress ISSEY MIYAKE, shoes BALENCIAGA and Seamaster Aqua Terra 150M watch OMEGA

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress ISSEY MIYAKE, shoes BALENCIAGA and Seamaster Aqua Terra 150M watch OMEGA

Sharon Stone kreuzt im Verhör mit Michael Douglas ihre Beine auseinander und wieder übereinander – und der:die Zuschauer:in ahnt, dass sie keinen Slip unter dem kurzen weißen Rollkragenkleid trägt. OMG. Immer und immer wieder wurde Basic Instinct auf diese eine Szene und die nicht vorhandene Unterwäsche verkürzt. Dabei ist der „Erotik- Thriller“ insgesamt um Längen besser als das zuletzt gehypte Babygirl. Auch das Kostümdesign, das wie ein Paradebeispiel für quiet luxury wirkt, 30 Jahre bevor dieser Begriff Social Media und Loro-Piana-Boutiquen flutete. Man hätte damals nur genauer hinschauen müssen: Catherine Tramell lebt in einer Villa in Carmel mit Blick über den Pazifik. Sie fährt einen Lotus Esprit. Entsprechend luxuriös muss ihre Garderobe aussehen. Aber auch geheimnisvoll. Die legendäre Kostümdesignerin Ellen Mirojnick, die zuletzt Oppenheimer ausstattete, ließ sich für Sharon Stone von Hitchcocks icy Blondinen inspirieren. Stone trug fast nur Taupe, Nerzweiß und Gold, weil die Farben perfekt in die Umgebung des Hauses am Strand passen und sich „wohlhabend“ – nicht neureich – anfühlen. Genau das, was die Quiet-luxury-Aspiranten die letzten Jahre sein wollten, während sie allzu oft in frigiden Beige-Ensembles endeten. Das weiße Rollkragenkleid ließ Mirojnick extra für die Verhörszene anfertigen, erzählte sie in einem Interview: „Das Drehbuch stellte ganz bestimmte Anforderungen: Als Catherine zu Hause abgeholt wird, zieht sie sich vor den Augen des Kommissars um. Es musste ein Kleid sein, in das sie schnell und elegant hineinschlüpfen konnte, mit einem Reißverschluss, den sie selbst zumachen kann. Danach steigt sie ins Auto, beim Verhör überkreuzt sie die Beine. Deshalb brauchte sie viel Beinfreiheit.“ Mirojnicks Meinung nach sind Kostümdesigner:innen übrigens für die Mode häufig noch einflussreicher als Designer:innen, weil die Leute sich in Filmfiguren regelrecht „verlieben“: „Sie wollen sein wie sie, aussehen wie sie. Wenn es vielen Menschen gleichzeitig so geht, prägt das den Zeitgeist ungemein.“

We will update this post regularly with Silke Wichert’s film & fashion analysis.

Title image: Electra/Girls Club Management is wearing T-shirt SAINT LAURENT VIA MYTHERESA.COM. Photo assistance: Pius Neuhauser. Styling assistance: Josephine Gottschalk