„Es wird einen Boom geben“

Talbot Runhof über post-Covid Zeiten

Maike Inga in Talbot Runhof Dark Forest Fairy

Adrian Runhof und Johnny Talbot haben Achtung in ihren digitalen Showroom eingeladen. Zu sehen gab es die neue Kollektion und zu riechen die neue Parfümreihe Purple.

Achtung: Ich habe gelesen, ihr beiden meditiert, um Stress abzubauen. Müsst ihr gerade mehr meditieren als sonst?

Adrian Runhof: Ich meditiere gerade schon mehr als sonst. Für mich ist Meditieren aber eher, auf dem Sofa liegen und in die Luft gucken. Und das mache ich gerade tatsächlich sehr viel. Das interessante ist, man hatte ja nicht so viele Möglichkeiten, das ganze letzte Jahr. Aber wenn man dann so seinen Gedanken freien Lauf lassen kann, dann hat es bei mir oft auch dazu geführt, dass ich doch auch zu eher ungewöhnlichen Ideen oder Ansätzen kam – es haben sich ganz andere Perspektiven aufgetan.

A: Die ganze Modebranche hat sich ja in neuen Perspektiven widergefunden und eine neue Langsamkeit für sich entdeckt. Viele Labels haben sich zum Beispiel dazu entschieden, weniger Kollektionen rauszubringen und sich vom wahnsinnigen Kollektionsrhythmus zu emanzipieren. Gibt es bei euch ähnliche Veränderungen?

Adrian Runhof und Johnny Talbot: Auch unser Kollektionsrhythmus hat sich ein bisschen geändert. Wir haben letztes Jahr die komplette Spring-Summer-Kollektion ausgelassen. Und präsentieren jetzt eine Kollektion, die wir Midsummer/ Pre-Fall nennen. Die wird zwischen Mai und Juni in die Läden geliefert, also ganz normaler Pre-Fall-Liefertermin. Aber es sind jetzt eben Sommerkleider, weil draußen die Sonne scheint.

Wir haben uns außerdem in der Corona-Zeit darauf fokussiert, was wir am besten können und wofür wir auch bekannt sind: Das sind unsere Cocktail- und Abendkleider, aber eben auch unsere schönen Tageskleider. Christiane Arp hat mal gesagt: „Wenn ich an euch denke, denke ich, ich habe etwas vor.“ Das haben wir uns zum Motto gesetzt. Früher haben wir sehr viele Dinge gemacht, wie zum Beispiel das Défilé in Paris, was eigentlich mit unserer Kernkompetenz relativ wenig zu tun hat.

Ärmelloses A-Linienkleid mit U-Boot Ausschnitt im Patchworkdesign bestehend aus Blumenjaquard, blauem Muster und Wollstoff mit Windmühlenmuster.

Talbot Runhof Maike Holzstadel

À la mode in jeder Situation: Selbst beim Holzhacken.

A: Nun ist eure Kernkompetenz Abendrobe, eine Art von Mode, die gerade nicht gebraucht wird. In einem Interview letztes Jahr habt ihr schon im Mai von einem Minus von 70 Prozent zum Vorjahr gesprochen. Wie geht es euch wirtschaftlich jetzt gerade?

AR & JT: Also wirtschaftlich hat es sich nicht groß verbessert. Aber wir haben uns natürlich darauf eingestellt. Die Anlässe für unsere Mode sind alle weggefallen, ein großes Abendkleid oder ein tolles Cocktailkleid braucht gerade wirklich niemand. Wir haben sehr viele Maßnahmen sehr früh getroffen, um dieser Situation Herr zu werden, durch Kurzarbeit, durch Entgegenkommen der Vermieter, durch einfach Runterfahren der Produktion – so können wir mit der Lage momentan schon ganz gut umgehen. Wir wissen, dass es mal einen großen Boom geben wird, wenn dann mal diese neue Normalität einkehren wird.

A: Was meint ihr mit der neuen Normalität?

AR & JT: Man muss davon ausgehen, dass die Leute ab Sommer einfach Lust haben, in irgendeiner Form irgendwie zu feiern, wenn es auch nur im kleinen Kreis ist. Und da sind unsere Kleider eben ganz toll. Es kann auch schon der Lunch mit drei Freundinnen reichen, um sie zu zelebrieren. Man muss nicht jedes Mal 100 Gäste haben und ich glaube auch das haben jetzt viele Leute gemerkt, dass es viel angenehmer sein kann, wenn man mal nur sechs Leute einlädt und im kleinen Kreis bleibt.

A: Die aktuelle Normalität ist gerade ja noch: Wir sitzen alle zu Hause. Der erste Satz, der mir auf eurer Homepage begegnete, ist: „Erhöhen Sie mit feiner Wolle den Kuschelfaktor.“ Hätte der Satz da auch so gestanden, wenn Corona nicht passiert wäre?

AR & JT: Die Teile an sich hätte es auch so gegeben, aber der Text wäre sicherlich anders ausgefallen. Da springen wir auf jeden Fall so ein bisschen auf den Trend auf, dass man jetzt eben dieses ganze Home-Wear verkauft. Natürlich wissen wir, dass man solche Kleider nicht unbedingt zu Hause anzieht. Obwohl wir durchaus ein paar Kundinnen haben, die uns teilweise sogar Bilder schicken, wie sie sich zu Hause hergerichtet haben und sagen: Ich erwarte niemanden und ich bin ganz allein zuhause, aber ich habe mich trotzdem geschminkt und habe Freude daran, eure Kleider zu tragen.

A: Versucht ihr in der Krise eine stärkere Bindung zu euren Kundinnen aufzubauen und hofft so auf deren Loyalität?

AR & JT: Wir hatten immer schon eine enge Bindung zu unseren Kundinnen. Wir waren auch die ersten in Paris, die Publikum zu ihren Shows eingeladen haben. Früher war das ja eher verpönt, da gab es diese Elfenbeinturm-Mentalität, dass nur ausgewählte Leute zu den Shows dürfen. Wir hatten aber von Anfang an sehr viel Erfolg damit, das war dann tatsächlich der Teil des Publikums, der am aller begeistertsten war. Dann haben wir mehr und mehr Kunden eingeladen und wurden fast schon ein bisschen süchtig nach diesem Feedback.

Title image: Mantel im Patchworkdesign aus Kord, Jaquard, Windmühlenmuster und blauen Muster TALBOT RUNHOF; Rotes Hemd im Flannelstil mit Maokragen DUMITRASCU; Rote Shorts mit  Mittelfalte N°21. Photo: Michael Ullrich