Sie ist eine der wichtigsten Modekritikerinnen der Welt – klug, entertaining, unbestechlich in ihrem Urteil. Seit elf Jahren berichtet Vanessa Friedman für die New York Times über die internationalen Fashion Weeks und darüber, was die Menschen auch jenseits von Laufstegen und Red Carpets so anhaben. Ihre Spezialität: mit Blick auf die Mode etwas über die Verfasstheit der Welt zu erzählen. Das Bild zeigt Vanessa Friedman an ihrem Schreibtisch, wie immer ganz in Schwarz gekleidet. Der Ballerinen-Dutt sitzt.

ACHTUNG: Vanessa, rein professionell betrachtet: Ist ein Donald Trump als neuer US-Präsident womöglich sogar dankbarer für die Modekritikerin der New York Times als die Demokratin Kamala Harris?
Vanessa Friedman: Ernsthaft? Die erste weibliche Präsidentin in der Geschichte der USA und wie sie sich für dieses Amt kleidet, das wäre doch ein fantastisches Thema gewesen für jede:n Journalist:in! Ich hätte diese Geschichte jedenfalls sehr gerne erzählt. Auch, wie sich der erste „First Man“ anzieht, was beide zusammen mit ihrer Kleidung ausdrücken, und so weiter. Finden Sie nicht?
A: Unbedingt, aber Sie werden zugeben müssen, dass es bei Trump einen ganzen Clan gibt, bei dem es gerade – oberflächlich betrachtet – eine Menge zu besprechen gibt.
VF: Es steht außer Frage, dass dies die imagebewussteste Regierung ist, die wir in den USA je hatten. Donald Trump und seine Entourage wissen sehr genau, wie sie ihr Auftreten und die Bilder als Kommunikationsmittel für ihre Zwecke nutzen. Sie betreiben damit Meinungsmache – und sie sind gut darin.
A: Weil Trump aus dem Reality-TV kommt und Politik wie Showbusiness betreibt?
VF: Ach. Die Leute neigen dazu, das immer etwas abzutun, indem sie sagen: Das ist wie Reality-TV, alles Showbiz! Als wäre das ein schlechter Witz. In Wahrheit sind Trumps Mechanismen vor allem unglaublich effektiv. Und sie ändern unsere Wahrnehmung, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Und auch, ob es uns gefällt oder nicht.
A: In der heißen Phase des Präsidentschaftswahlkampfs erschien ein Artikel von Ihnen mit der Überschrift: „Warum die New York Times über Mode in der Politik berichtet.“
VF: Den habe ich eigentlich schon vor vier Jahren geschrieben, er wird nur ständig wieder hervorgeholt. Immer, wenn eine Wahl ansteht, muss ich eine neue Version davon liefern.
A: Weil man das Thema vor den Leser:innen immer wieder rechtfertigen muss?
VF: Ich wurde tatsächlich von unserer Leserservice-Abteilung darum gebeten, weil wir nach jedem Artikel über die Kleidung von Politiker:innen einen Haufen Mails bekommen von Leuten, die sich beschweren. Und denen kann man jetzt einfach diesen Text zur Erklärung schicken.
A: Aus unserer Erfahrung bei der Süddeutschen Zeitung dürfte der allgemeine Tenor dieser Mails lauten: Oberflächliches Zeug, es gibt doch wohl Wichtigeres in der Politik als Klamotten – und dann noch dieses sexistische Augenmerk auf Frauen…!
VF: Ja, vor allem, wenn es um Frauen in der Öffentlichkeit geht, haben die Leute schnell das Gefühl, man fokussiere sich nur auf Äußerlichkeiten und wertschätze deren Arbeit nicht. Oder sie finden es albern, dass man sich mit vermeintlich unwichtigen Details beschäftigt. Ich betrachte es als meinen Job, den Leuten verständlich zu machen, dass das eben keine Nichtigkeiten sind, sondern Bestandteile der Kommunikation, die jeder von uns für seine Außendarstellung nutzt. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, machen natürlich erst recht Gebrauch davon, und das schon zu Zeiten Kleopatras. Übrigens Männer genauso wie Frauen. Denken Sie an Napoleon, Hitler oder auch an Fidel Castro und Mao, nach denen sogar Kleidungsstücke benannt sind. Weil sie so gut darin waren, Mode für ihre Zwecke zu nutzen. Wir machen uns etwas vor, wenn wir das einfach ignorieren.
A: In Ihrem Artikel haben Sie auch geschrieben: „Es gibt unabhängig vom Stil keine Substanz.“ Wie genau haben Sie das gemeint?
VF: Ich bin einfach überzeugt davon, dass beides zusammengehört, der Inhalt und die Verpackung. Ich bekomme wirklich viele Mails von Lesern, die mich fragen: Ist die Kleidung von Politiker:innen wirklich ein Thema für die New York Times? Für mich ist das die falsche Frage. Denn es geht ja nicht um Mode, es geht um Kommunikation. Anders gefragt: Sollte die New York Times darüber berichten, wie Politiker:innen kommunizieren? Natürlich sollte sie das.
A: Ist das Phänomen sogar noch größer geworden in den letzten Jahren? Überall Nachrichten- und Klatschspalten, Handykameras und Social-Media-Kanäle, die gefüttert werden müssen.
VF: Absolut, Politiker:innen stehen heute rund um die Uhr in der Öffentlichkeit. Früher gab es nur Momentaufnahmen. Franklin D. Roosevelt schaffte es damals noch, der Welt vorzuspielen, dass er von der Hüfte abwärts nicht weitgehend gelähmt war, sondern tatsächlich laufen konnte – weil er eben nur zu bestimmten Anlässen auftrat. Das wäre heute nicht mehr möglich. Allein wenn der Präsident vom Portico des Weißen Hauses zum Oval Office geht, existieren davon Bilder. Selbst Menschen, die keine Nachrichtensendungen sehen oder die Politikseiten der Zeitung lesen, bekommen etwas davon mit. Sicher, eigentlich wollten sie auf Social Media nur mal nach Harry Styles suchen oder sich Katzenvideos anschauen. Aber plötzlich sind da auch diese Bilder von Politiker:innen in ihren jeweiligen Outfits. Und diese Bilder schleichen sich in ihr Bewusstsein und beeinflussen, was sie denken, ohne dass sie sich dessen bewusst sind.
A: Dass der Fokus auf Äußeres insbesondere Frauen in der Politik stört, ist aber doch nachvollziehbar, oder? Da haben sie so hart dafür gekämpft, an den Spitzenjob zu kommen und eben nicht allein als Frau zu gelten. Und dann geht es doch immer wieder nur um die Rocklänge, die Farbe des Sakkos, die Frisur. Hillary Clinton hat das jedenfalls gehasst.
VF: Sie hat es so lange gehasst, bis sie verstanden hat, dass ihr Äußeres auch eine Waffe war. Von diesem Zeitpunkt an hat sie diese Waffe ständig, strategisch und sehr smart für ihre Zwecke eingesetzt. Nancy Pelosi genauso, Angela Merkel übrigens auch. Dafür muss man diesen Frauen Respekt zollen. Die Vorstellung, dass sie über ihr Äußeres nicht weiter nachdenken würden, hieße, sie für dümmer zu halten, als sie sind.
A: Haben Sie Beispiele?
VF: Hillary Clinton hat zeitgleich mit der Präsidentschaftskampagne auch ihren Auftritt bei Instagram lanciert. Und was war ihr allererster Post? Ein Foto ihrer Hosenanzüge, in den Farben Rot, Weiß und Blau. „Qual der Wahl“, schrieb sie dazu. Im Wahlkampf hat sie dann immer Witze über ihre Haare gemacht. Sie sagte zum Beispiel: „Ich werde der erste Mensch sein, der im Oval Office nicht ergraut, weil ich färbe.“ Das war raffiniert, sehr selbstironisch, und es hat Menschen für sie eingenommen, die zuvor mit ihr nichts anfangen konnten. Nicht zu vergessen dieser weiße Hosenanzug, in dem sie die Nominierung zur ersten weiblichen US-Präsidentschaftskandidatin der Geschichte entgegennahm. Dieses Outfit hat eine richtiggehende Bewegung losgetreten, Weiß wurde bei den Demokraten plötzlich zum Symbol für Frauenrechte. Hillary Clinton hat das sehr geschickt gemacht, und sie wurde dabei auch gut beraten.
A: In Clintons Team wurde oft über Mode geredet?
VF: Ich versichere Ihnen, Sie können mit einem Mann wie David Axelrod nicht sprechen, ohne über Mode zu sprechen. Er war der Architekt von Barack Obamas Kampagne und weiß, wie wichtig dieses Thema ist. Ein Freund, der mehrere amerikanische Präsidenten beraten hat, sagte mal zu mir: Die Menschen wären schockiert, wenn sie wüssten, wie viele Stunden ich über die Farbe von Krawatten geredet habe, wo es doch eigentlich um den Frieden in Nahost gehen sollte.

A: Klingt in der Tat zeitintensiv.
VF: Das exakt ist der Grund, warum sich die meisten Politiker:innen schließlich eine Uniform zulegen. Sie werden ohnehin andauernd angeschaut, also kreieren sie einen ganz bestimmten Look, der etwas über sie erzählt, ihre Werte ausdrückt. Einen Look, der, im Sinne des Wortes, sitzt. An dem halten sie dann fest. Nehmen wir Donald Trump: weißes Hemd, rote Krawatte, dazu ein Anzug, der im Lauf der Jahre immer blauer geworden ist. Er kleidet sich in den Farben der amerikanischen Flagge. Passenderweise stehen bei seinen Auftritten auch sehr viele Flaggen hinter ihm.
A: Er verschmilzt gewissermaßen mit den Nationalfarben.
VF: Er spielt das Assoziationsspiel: Wenn ihr mich seht, seht ihr die Flagge und mit ihr euer Land. Eine Stimme für mich ist eine Stimme für Amerika, eine Stimme gegen mich ist eine Stimme gegen die Nation. Eine klassisch-autoritäre Strategie. Sehr effektiv. Nicht nur Donald Trump, auch J.D. Vance kleidet sich inzwischen so, Pete Hegseth ebenso, beide seine Günstlinge. Als Trump nach dem Attentatsversuch einen Verband am Ohr trug, klebten sich viele der republikanischen Delegierten weiße Pflaster über die Ohren, unglaublich. Es war keine Uniform im klassischen Sinne. Aber es war eine Uniform.
A: Reden wir über Melania Trump. Wir sind immer noch etwas verblüfft darüber, dass sie 2018 tatsächlich diese olivgrüne Zara-Jacke trug mit dem Aufdruck „I don’t really care, do you?“ während Sie sich auf den Weg machte, Immigrant:innenkinder in Texas zu besuchen, die von ihren Eltern getrennt worden waren.
VF: Das war damals als Botschaft an die Journalist:innen gedacht, die ihr nicht besonders wohlgesonnen waren: Mir doch egal, was ihr über mich schreibt! Sie hat diese Jacke gegen den ausdrücklichen Rat ihres Teams getragen, und tatsächlich kam die Botschaft bei dieser Reise, die traumatisierten Kindern galt, nicht sonderlich gut an.
A: In der Wahlnacht am 5. November 2024 trug Melania einen Anzug von Dior. Was eine interessante Wahl war, da ihr Ehemann ja bei jeder Gelegenheit fordert: Make America great again!
VF: Sie hat schon während der ersten Amtszeit ihres Mannes regelmäßig europäische Designer:innen gekauft. Die Regel, wonach eine First Lady amerikanische Designer:innen bevorzugen sollte, hat sie nicht weiter interessiert. Melania Trump zieht an, worauf sie Lust hat. Und wenn Dior auch nicht in den MAGA-Kosmos passt, so passt es doch hervorragend zur Ambition des gesamten Clans, einen schwerreichen Lifestyle zu adoptieren, der international erkennbar ist. Denn das ist doch die eigentliche Botschaft, die Trump den Wähler:innen hinhält wie eine Möhre an der Angel: Make America rich again. Das exakt ist das Versprechen, das Melania aussendet.
A: Ist Ihnen im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf eigentlich irgendetwas aufgefallen, das Sie zuvor noch nie gesehen hatten?
VF: Nun, ich hatte noch nie zuvor Leute gesehen, die sich ein weißes Pflaster über die Ohren kleben. Das war mir in der Tat neu.
A: Wir haben auch sehr viele Schluppenblusen gesehen.
VF: Ich schätze die Schluppenbluse gar nicht mal besonders, jedenfalls besitze ich privat keine. Aber ich habe sie an Kamala Harris respektiert, besonders die Konsistenz, mit der sie diese Blusen getragen hat. Dahinter steckte offensichtlich eine ganz bewusste Entscheidung. Also habe ich überlegt: Warum sucht sie sich gerade dieses Kleidungsstück aus, wofür steht es? Und wenn Sie in der Geschichte zurückgehen, ist es tatsächlich hochinteressant, wie oft die Schluppenbluse im immer wieder gleichen Kontext auftaucht. Sie ist eine fast schon sublime Brücke zwischen Tradition und Subversion. Es ist diese spezielle Silhouette, die sich Frauen zulegen, wenn sie in eine neue Sphäre eintreten, klassischerweise: eine Sphäre der Männer. Weil sie die weibliche Form der Krawatte darstellt.
A: Sprung über den Atlantik: Welche europäischen Politiker kommunizieren am geschicktesten durch ihre Kleidung?
VF: Da fällt mir zuallererst Emmanuel Macron ein. Erinnern Sie sich, wie er in der Energiekrise nach Ausbruch des Ukrainekriegs plötzlich immerzu im Rollkragenpulli auftrat? Das war seine Art zu sagen: Leute, zieht euch warm an und dreht die Heizung runter. Wolodymyr Selenskyi agiert ebenfalls geschickt mit Mode, den tarngrünen Armeepulli jedenfalls wird er bis zu einem Waffenstillstand nicht mehr ausziehen. In diplomatischer Runde ist dieser Pullover eine Erinnerung an alle, dass die Schlacht dort draußen andauert, ganz greifbar, ganz real.
A: Finden Sie, dass die großen Luxusmarken die Nähe zu Politiker:innen suchen oder sich wenigstens politisch positionieren sollten?
VF: Noch bis vor Kurzem war das etwas, womit verschiedene Häuser experimentierten, weil sie glaubten, dass insbesondere jüngere Konsument:innen das von ihnen erwarteten. Meine Prognose wäre, dass dieses Pendel in den nächsten Jahren immer weiter zurückschwingen wird. Für kleine, unabhängige Labels kann es immer noch Sinn machen, sich politisch zu äußern, aber ihre Klientel ist vergleichsweise winzig.
A: Und die großen Häuser, warum hört man von ihnen so wenig?
VF: Angst und Geld. Wir leben in ökonomisch komplizierten Zeiten, alle fürchten sich vor der Krise. Die Luxushäuser haben viel zu verlieren, darum sind sie heute völlig unpolitisch – die Vorstellung, eine bestimmte Klientel mit politischen Überzeugungen zu verstören, behagt ihnen nicht. Gut, sie bekennen sich natürlich alle zu Frauenrechten und zum Feminismus. Für eine Damenmarke ist das aber noch kein großes Statement.
A: Vanessa, Sie tragen bei den Fashion Weeks ausnahmslos Schwarz. Was erzählen Sie da eigentlich über sich selbst?
VF: Ganz einfach: Ich bin nicht die Geschichte.



