
Modefotografie von Frauen wurde über Jahrzehnte oft zu Unrecht vernachlässigt. Nun widmet sich die Ausstellung „Female View“ ihren Werken
Alice Springs ist berühmt geworden, während ihr Mann einen Schnupfen hatte. Eigentlich heißt Alice Springs nicht Springs. Sondern Newton, June Newton, das ist ihr bürgerlicher Name, der verrät, dass sie mit dem Fotografie-Weltstar Helmut Newton verheiratet war. Alice Springs war selbst eine erfolgreiche Fotografin und ist mit ihren Porträts von prominenten Persönlichkeiten berühmt geworden, aber dafür musste ihr Mann erst eine Erkältung bekommen. Helmut Newton hatte Grippe. Also fotografierte Springs statt Newton den Werbeauftrag einer französischen Zigarettenfirma. Es war der Start ihrer Karriere als Fotografin. Es folgten Aufträge von französischen und internationalen Modemagazinen.
Ihr Mann wollte jedoch, dass sie unter einem Pseudonym arbeitet. Springs ließ laut Erzählungen eine Stecknadel auf eine australische Landkarte fallen, die auf „Alice Springs“ landete, eine abgelegene Stadt im australischen Bundesterritorium Northern Territory. Hätte Springs schon damals das Google-Zeitalter vorausahnen können, hätte sie sich vielleicht nicht auf das Namens-Experiment und die Forderung ihres Mannes eingelassen: Wer heute Alice Springs googelt, bekommt Billigflugreisen und Reiseführer statt der Werke der Fotografin angezeigt. Es kann eine einvernehmliche Entscheidung gewesen sein, dass Springs nicht unter demselben Namen wir ihr berühmter Mann, ihre beachtlichen fotografischen Werke veröffentlichte. Angesichts des herausragenden mutigen Stils der Springs-Werke ist es aber auch nicht ganz auszuschließen, dass Newton sich vom Talent seiner Frau bedroht gefühlt haben könnte. Die Wahrheit kennen nur die beiden.

GABO: Eva Padberg, 2012. Fine art print/Hahnemühle Büttenpapier © GABO
Doch Springs Geschichte steht für etwas Größeres als eine einzelne Beziehung zwischen einem berühmten Mann und einer talentierten Fotografin. Denn Fotografinnen standen über Jahrzehnte im Schatten der Männer. Die Modefotografie war weltweit lange ausschließlich vom männlichen Blick geprägt. Man Ray, Helmut Newton, Peter Lindbergh, David LaChapelle wurden Ausstellungen, Bildbände und sogar ganze Straßen gewidmet. Dabei gab es immer schon auch Frauen, die beeindruckende, revolutionäre Modefotografie machten. Nur wurden sie kaum wahrgenommen. Und genau das hat eine gesellschaftliche Dimension, die nicht zu unterschätzen ist. Mit ihrer Dominanz in der Modefotografie prägten Männer über Jahre gängige weibliche Schönheitsideale. Was als ästhetisch und unästhetisch wahrgenommen wurde, was sexy und zu sexy war, wer als prüde und wer als Sexbombe galt, diktierten männliche Fotografen.
Aber sehen Frauen durch die Augen von Frauen anders aus? Sind Schönheitsideale wirklich geprägt vom männlichen Blick auf Frauen? Mit diesen Fragen setzt sich die Kuratorin Antje-Britt Mählmann in ihrer Ausstellung „Female View“ auseinander. Die Ausstellung rückt die – zu Unrecht oft vernachlässigte – Modefotografie von Frauen in den Fokus. Viele der ausgestellten Fotografien sind der breiten Öffentlichkeit bis heute kaum bekannt. Ausstellungen zur Modefotografie konzentrierten sich bisher auf den männlichen Blick auf den weiblichen Körper. Die Namensliste der im Museum Schloss Moyland präsentierten Fotografinnen liest sich hingegen wie das „who is who“ der Motofotografie. Von Deborah Turbeville, Yva, Lee Miller, Regina Relang, Sibylle Bergmann, Amber Pinkerton, Bettina Rheims, Ellen von Unwerth und viele mehr. Auch Springs Werke hängen hier.

Regina Relang: Fashion Hats, 1950er Jahre. © Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv Relang
„Das war schon lange mein Traumprojekt“, sagt Mählmann, die selbst auch als Fotografin gearbeitet hat und immer schon gemerkt hat, dass es ein anderes Gefühl ist, wenn eine Frau eine Frau fotografiert. Models fühlten sich oft wohler, Fotografinnen könnten sich eher in ihre Rolle hineinversetzen.
Mählmann stellt die Werke von über 19 Modefotografinnen im Schloss Moyland aus. In diesen Räumlichkeiten wurde noch nie etwas anderes als Joseph Beuys gezeigt. Ausgerechnet der Künstler, der für seinen Umgang mit Frauen in der Kritik stand, wird von den Werken für eine Zeit lang verdrängt. Wer die Ausstellung besucht, läuft als Erstes auf Amber Pinkertons Werke zu. Ihre Fotografien hängen ganz vorne am Eingang und eröffnen den Rundgang durch mehrere Jahrzehnte der Modefotografie-Geschichte von Frauen.

Amber Pinkerton: Nadia, Girls Next Door, 2020. Digital C-Type. © The Artist, Courtesy Alice Black Gallery, London
„Ich sehe die Ungerechtigkeit immer noch – jeden Tag“, sagt Amber Pinkerton, die in London lebende Fotografin und Filmemacherin, die in Kingston, Jamaika, geboren und aufgewachsen ist. „Wenn ich mir die ersten Bilder anschaue, die ich Teenager aufgenommen habe, dann habe ich vor allem weiße Menschen fotografiert“, sagt die 25-Jährige. Erst als die Fotografin von Jamaika nach London gezogen ist und bemerkte, dass sie oft anders wahrgenommen wurde als in ihrer Heimat, hat sie ihren eigenen Blick auf Frauen und Hautfarbe und Haare reflektiert. Heute sind ihre Modefotografien von der karibischen Kultur, sozialen Kommentaren und soziopolitischen Fragen inspiriert. Irgendwann müssen wir über die Frage des Geschlechts oder der Hautfarbe hinwegkommen, erklärt Pinkerton. „Wir sind mehr als nur Schwarze Fotografinnen oder asiatische Fotografinnen. Oder männliche oder weibliche Fotograf*innen. Am Ende sind wir alle nur Fotograf*innen.“ Auf die Frage nach dem „weiblichen Blick“ hat Pinkerton keine Antwort, sondern eine Frage: Wieso bekommen immer noch mehr männliche Fotografen Aufträge als Frauen?

GABO: Jessica Schwarz (Design: Guido Maria Kretschmer), 2017. Fine art print/Hahnemühle Büttenpapier. © GABO
Die Ausstellung „Female View“ kann bis zum 15.01.2023 im Schloss Moyland in Bedburg-Hau besucht werden.

