
Die Versace-Geschichte kennen alle in der Mode. Und seit 2018, dank der American Crime Story-Serie mit Penelope Cruz, auch der Rest. Der Mord am Designer Gianni Versace vor seiner Villa am Ocean Drive in Miami war die Weltnachricht. Und jetzt, da Prada Versace von den Amerikanern bei Capri gekauft hat, geht es wieder wie in einer wilden Serie zu. Was ist passiert? Der Capri-Holding-Chef John Idol stellte mithilfe seines CEOs Emmanuel Gintzburger erst mal Donatella Versace kalt, manövrierte sie aus der Zentrale raus, ernannte sie zur Botschafterin und stellte Dario Vitale ein, der sich einen Namen bei Miu Miu als Design-Direktor gemacht hatte. Genau der unter dem Radar fliegende CEO Gintzburger, der schon mal Stefano Pilati bei Yves Saint Laurent abservierte und dann Hedi Slimane an Bord holte. Gleiches Manöver sozusagen.

Vitale zeigte eine Kollektion und die hatte es in sich. Dieses Debüt war so gut, dass immer noch drüber geredet wird, obwohl davon wahrscheinlich auch nur ein Stück im Laden hängen wird. Ja, sogar eine Steven Meisel-Kampagne, die nirgendwo geschaltet wird, gibt es dazu. Vitale schaffte es, die Miami-Periode der Neunzigerjahre von Gianni Versace auf fadengenaue Art und Weise auferstehen zu lassen. Viel schwarz, viel Leder, bunte Seide und, claro, Haut. Vitale hat gezeigt, dass er für weitere Aufgaben bereit ist. Erst korrekt gehuldigt von der Presse, entfaltete die Kollektion eine eigene Macht in den sozialen Medien als der Saison-Favorit von Gen Z und Alpha. Elemente von altem Versace Jeans Couture oder gutem Versace-Glam durch einen Miu Miu-Nerdiness-Filter gegangen, so könnte man die Kollektion beschreiben. Dazu sorgte auch das entrückte Pricing für Aufsehen, sollte doch auf einer Moda Operandi Trunkshow direkt nach der Show ein Denim-Shirt oder Rock mehrere Tausend Dollar kosten. Reichlich Gesprächsstoff.





Versace S/S 2026 by Dario Vitale
Und jetzt kommt’s im letzten Akt: die Prada-Familie mit ihren belgischen Freunden. Sie installierten tatsächlich Raf Simons’ Freund Pieter Mulier als Designer, obwohl er sich bei Alaïa gefunden hatte. Das lässt den neuen Versace-Chef Lorenzo Bertelli höchst machtsüchtig und borniert aussehen. Passt eigentlich gar nicht zur coolen Miuccia. Oder vielleicht doch? War der Kauf von Jil Sander und Helmut Lang Anfang des Millenniums vielleicht doch der Schachzug ihres Manns Patrizio Bertelli, um seine Konkurrenz ruhigzustellen? Etwa so, als ob Bayern den besten Spieler von Dortmund holt und ihn dann nicht spielen lässt. Na ja, es bleibt spannend und wir wünschen Dario Vitale viel Glück bei der Jobsuche, denn eins ist klar: Er hat Talent, Intuition und fashion passion wie wenige. Wie es mit Mulier bei Versace klappt, sehen wir dann.

Pieter Mulier

Raf Simons

Miuccia Prada

Lorenzo Bertelli

Patrizio Bertelli
This article first appeared in ACHTUNG Nr. 51

