Boy, oh boy

Die neue Männlichkeit?

Die neue Männlichkeit

Schwarzer Schleier, bodenlanges Kleid mit kleiner Schleppe, Rüschen und ein ausladender Kopfschmuck: Ein Hochzeitskleid als letzter Look einer Haute Couture Show, das klingt vorhersehbar. Aber in Wahrheit war es eine Revolution. Denn in diesem Brautkleid steckte ein Mann. Oder eine Person, die damals noch als Mann gelesen wurde: das Model Andreja Pejic. Das war vor zehn Jahren auf der Jean Paul Gaultiers Show in Paris. Seither hat sich einiges getan in der Mode und in der Gesellschaft und doch scheint es, als stehen wir bei der Geschlechterfrage noch ganz am Anfang. Weil wir sie immer noch stellen.

Anders lässt sich der Aufschrei nicht verstehen, den das Dezember-Cover der US-Amerikanischen Vogue verursacht hat. Denn auf ihr war ein Mann in einem Rüschen-Kleid zu sehen, noch dazu der erste Mann überhaupt ganz allein auf einem Vogue Cover: Der Sänger Harry Styles trug Gucci wie sonst Queen B und Gigi Hadid. „Es gibt keine Gesellschaft, die ohne starke Männer überleben kann. (..) Bringt die männlichen Männer zurück“, twitterte daraufhin die US-amerikanische rechtskonservative Aktivistin und politische Kommentatorin Candace Owens und zog einen virtuellen Lynchmob hinter sich her, der seinen Hass über fluide Geschlechterrollen und über Männer und Sinnlichkeit lautstark in die Echokammer des Internets brüllte.

Doch natürlich wurde der Bruch mit den binären Geschlechterrollen auf dem Vogue Cover genauso gefeiert, wie er gehasst wurde: „Harry Styles ist sehr männlich, denn männlich ist, was immer du willst (…)“, schrieb die britische Fernsehmoderatorin Jameela Jamil. Und sie hat recht, zudem sagt das, was wir tragen, nichts darüber aus, welche Geschlechtsidentität wir haben, wohl aber über unsere Rolle in der Gesellschaft. Während ein Mann in einem Kleid auf dem Cover des größten weltweiten Modemagazins oder der Schauspieler Billy Porter in Kleidern auf dem roten Teppich in der westlichen Gesellschaft einen Twitter-Krieg provozieren, ist eine Frau in Hosen mittlerweile das normalste der Welt. Und das steht für etwas Größeres.

Erst Anfang der 2000er wurde der Begriff Boyfriend-Jeans geprägt, der implizieren sollte, dass eine Frau in der Hose ihres Boyfriends rumläuft. Eine Girlfriend-Jeans an einem Mann, so weit sind wir allerdings noch lange nicht. Selbst wenn Männer in engen Skinny Jeans rumlaufen, die Hose auch so zu benennen wäre wie die Ausgrabung eines Kriegsbeils: der Startschuss für eine wenig progressive Genderdebatte. Immer noch gilt: Frau als Mann – ok. Mann als Frau – ohje.

Eines ist klar: Die Mode hat immer schon Grenzen gezogen zwischen Männern und Frauen, aber es ist auch die Mode, die den Stoff liefert, um mit diesen Grenzen zu spielen und sie nach und nach verlaufen zu lassen, sie aufzuheben. Ein Anfang war die Unisex-Mode, die nicht mehr zwischen Männer- oder Frauenmode unterscheidet. Die Kleidungsstücke sollen geschlechtslos sein. „I think to people, not to gender“, sagte Miuccia Prada bereits im Sommer 2014 und hielt damit ein Plädoyer für geschlechtsneutrale Kleidung.

Die neue Männlichkeit, Qaher

Jacket ALEXANDER ROYS. Photographer: Gregor Hohenberg.

Die neue Männlichkeit Michael Ullrich Fotografie

Cape MICHAEL KORS COLLECTION; Hat DIOR HOMME. Photographer: Michael Ullrich.

Alessandro Michele für Gucci, Nicolas Ghesquière für Louis Vuitton sowie Vivienne Westwood brachten Unisex-Kollektionen raus. Auch Zara, H&M und Asos mischten mit und gaben vor, die Geschlechtergrenzen zu verschieben. Dabei stimmt das nicht ganz, denn die vermeintlich geschlechtslose Mode waren doch oft Kleidungsstücke, die zuvor aus der Männermode stammten wie Outdoor-Kleidung, Blazer und Hosen. Auch diese Geschlechterrevolution hieß nur, dass Frauen „Männerkleidung“ tragen – und nicht umgekehrt.

Wer Mode kauft, kauft damit auch eine geschlechtliche Identität. Und das ist nicht nur allein in der Mode so: Noch heute sehen Parfümflakons für Männer aus wie Handgranaten, Hanteln oder ein Pokal. Während Frauenparfüms und Shampoo geformt sind wie das normschöne Ideal eines Frauenkörpers – schmale Taille oben und unten kurvig.

Männer gelten als rational, selbstbestimmt, machtvoll. Alles Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft noch immer als sehr positiv wahrgenommen werden und vermeintlich eins beweisen: Stärke. Typisch weibliche Eigenschaften werden hingegen immer noch gern mit sogenannten „Soft Skills“ beschrieben: Einfühlsam, gefühlsbetont, verständnisvoll oder umsorgend – und der Name sagt es schon: Es geht um Weichheit. Die Frau kann also durch Emanzipation die „männliche“ Stärke wählen, gilt das gleiche für Männer und Weichheit? In der Theorie natürlich schon. In der Realität zeigt sich allerdings: Eignen sich Männer weiblich gelesene Merkmale an, gibt es einen riesen gesellschaftlichen Aufschrei: wie unnormal.

Doch so sehr sich die Beauty- und Modewelt darüber definiert, Grenzen zwischen den Geschlechtern zu ziehen, schafft sie dieses Phänomen natürlich nicht aus sich selbst heraus, sondern spiegelt die Gesellschaft wider. Spannend ist jetzt, dass die Mode die Gesellschaft in der Geschlechterfrage etwas überholt hat: Nun sieht man zumindest schon mal in der Mode Männer, die sich emanzipieren vom aufoktroyierten Bild des starken Versorgers, der nie weint und auf jede Frage eine Antwort kennt. Die gesellschaftliche Emanzipation der Frau ist zu einer modischen des Mannes geworden – die gesellschaftliche könnte folgen.

Frauen schlüpfen in die Rollen von Männern, Männer werden zu Frauen. Vielleicht ist nicht mal mehr zu erkennen, wer Frau ist und wer Mann. Oder noch viel besser: Es interessiert nicht. Denn jeder Mensch sollte sich frei fühlen, seine Identität zu definieren. Und sie bei Bedarf auch zu verändern. Denn Geschlechter sind gesellschaftlich konstruiert und damit flexibel, genau wie die Mode.

Title image: Qaher Harash wearing a grey cashmere onesie by RICK OWENS.